Madiswil
Zuerst hat er geschossen - und dann drei Leben gerettet

Wildhüter Hansjörg von Allmen berichtet, wie er drei Rehkitze durch Kaiserschnitt zur Welt bringen konnte. Solch seltene Erlebnisse sind auch für einen erfahrenen Wildhüter nicht alltäglich.

Hansjörg von Allmen*
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Die drei Rehkitze mit ihrer toten Mutter.

Die drei Rehkitze mit ihrer toten Mutter.

Es war Freitagmorgen, den 18. Mai, als mich die Meldung erreichte, dass im Raum Madiswil eine Rehgeiss am Waldrand liege. Sie bewege sich nicht und zeige keinerlei Reaktion auf den Finder. Bei meinem Eintreffen erwartete mich der junge Melder Patrik Jäggi und führte mich zum Tier. Es war tatsächlich völlig apathisch und nahm von uns keinerlei Notiz. Es war jedoch nicht zu übersehen, dass die Geiss hochträchtig war.

Ich sprach mich mit dem jungen Mann kurz ab und warnte ihn vor. Denn ich wollte die Mutter erlösen und versuchen, die Kitze zu retten. Unmittelbar nach dem Schuss öffnete ich die Bauchdecke und befreite das erste Rehkitz aus der Fruchthülle. Wie vorgängig besprochen, fing Patrik Jäggi an, das Rehkitz zu massieren, während ich das zweite Kitz aus der Fruchthülle holte und ebenfalls massierte.

Drei erstaunte Rehaugenpaare

Nach kurzer Zeit fingen die Kitze an, sich zu bewegen, hoben ihre kleinen Köpfe und schüttelten sich. Da merkte ich eine weitere Bewegung bei der Rehgeiss und ich sah, dass ein drittes Kitz zappelte. Eilends holte ich auch dieses heraus und massierte es.

Da es länger in der Fruchtblase gelegen war, hatte es deutlich mehr Mühe mit der Atmung, aber als ich meine Anstrengungen verdoppelte, fing auch es an zu atmen, und nach knapp zehn Minuten schauten drei erstaunte Rehkitze in die grosse Welt. Noch während wir bei der toten Rehgeiss sassen, unternahm das erste die ersten Gehversuche.

Nachdem wir zwei diesen unvergesslichen und speziellen Moment einen Augenblick genossen hatten, luden wir unsere kostbare Fracht ins Auto, und es ging heimwärts. Zu Hause konnten sich die jungen Tiere an der Sonne aufwärmen, während ich eine Transportkiste vorbereitete.

Nach rund anderthalb Stunden standen die drei Kitze auf ihren wackligen Beinen und begannen nach Milch zu suchen.

Schoppen schon aufgewärmt

Anschliessend fuhr ich mit den ihnen nach Landshut, Utzenstorf, in die Wildstation des Berner Tierschutzes, wo sie mit grosser Freude entgegengenommen und versorgt wurden. Alle wurden gewogen, die Bauchnabel desinfiziert, und der erste Schoppen war auch schon aufgewärmt.

Trotz viel Aufwand und bester Pflege hatte ein Kitz eine Nabelinfektion und starb nach einigen Tagen. Die beiden anderen erfreuen sich bester Gesundheit und gedeihen prächtig.

Solch seltene Erlebnisse sind auch für einen erfahrenen Wildhüter nicht alltäglich, denn Zeit zum überlegen hat man wenig. Der Entscheid, ein Leben gegen ein anderes zu werten, ist in diesem Fall geglückt.

* Hansjörg von Allmen ist seit 20 Jahren Wildhüter im Aufsichtskreis 2 (Oberaargau).

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