Birmensdorf
«Ziemlich stillos»: Das sagt der Stationshalter über die SBB

Der Stationshalter des Birmensdorfer Bahnhofs, Luc Vuilleumier, nimmt Stellung zur Schalter-Schliessung, welche die SBB beschlossen hat.

David Egger
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Luc Vuilleumier: 2004 den Bahnhofsschalter gerettet, 2016 von den SBB ausgebremst.

Luc Vuilleumier: 2004 den Bahnhofsschalter gerettet, 2016 von den SBB ausgebremst.

Es war eine Hiobsbotschaft sondergleichen: Am 6. September teilten die SBB mit, dass sie die Zusammenarbeit mit den 52 Drittverkaufsstellen beenden. Seit geraumer Zeit verkaufen Migrolino-Shops, Kioske, Poststellen und Bahnhofsschalter-Agenturen Bahnbillette auf Provisionsbasis. Damit ist am 31. Dezember 2017 Schluss – Birmensdorf verliert seinen Bahnhofsschalter, den Luc Vuilleumiers Firma Skyways 2004 übernahm. Die SBB argumentieren, ohne die Drittverkäufer fünf Millionen Franken einzusparen. Nun äussert sich Luc Vuilleumier.

Luc Vuilleumier hat mal ein Monopol gesprengt

Lange dominierte der Schweizer Reise-Verband (SRV) das Reisebürogeschäft in der Schweiz. Erst als Luc Vuilleumier 1995 die Swiss Travel Association of Retailers (Star) gründete, sanken die Preise, die Reisebüros für Dienstleistungen zahlen: Star gewann schnell hunderte Reisebüros als Mitglieder. Noch heute ist Vuilleumier Präsident des Star-Verbands. Dessen wirtschaftliche Tätigkeit ist an die Star Enterprises AG ausgegliedert. Die Firma fungiert zum Beispiel als Grosseinkäufer für kleine Reisebüros. Vuilleumier ist CEO. Zudem ist er Stiftungsrat der Swiss Travel Security (STS). Diese sichert Kundengelder ab, das heisst: Geht eine Reisefirma Konkurs, verlieren die Kunden ihre bereits bezahlten Gelder nicht, sofern diese Firma bei STS versichert ist. Zudem ist Vuilleumier Verwaltungsratspräsident der Firma Skyways: Früher ein Broker von Flugbilletten, führt sie heute hauptsächlich den SBB-Schalter in Birmensdorf. Vuilleumier wohnt in Birmensdorf und ist hier aufgewachsen.

Luc Vuilleumier, wie haben Sie davon erfahren, dass die SBB die Zusammenarbeit beenden?

Luc Vuilleumier: Das war am Stationshaltertag in Altstetten. Das Treffen ging nur ein paar Minuten. Die SBB-Vertreter sagten, dass sie die privaten Schalter aufheben und dass sie sonst eigentlich nichts dazu zu sagen hätten. Gleichzeitig wurde das Communiqué an die Presse verschickt. Die Chance war also gross, dass etwa die Mitarbeiter der Tessiner Stationshalter aus den Medien erfahren mussten, dass sie womöglich ihren Job verlieren. Das finde ich ziemlich stillos. Zudem waren es nicht einmal die SBB-Verantwortlichen, die uns das mitteilten, sondern irgendwelche Hilfskräfte.

Verstehen Sie die Gründe der SBB?

Die Argumentation ist nicht schlüssig. Wenn die SBB mit Schalterschliessungen wirklich Geld sparen könnten, dann müssten sie die Schalter am Hauptbahnhof schliessen. Da liesse sich richtig Geld sparen. Wir Kleinen verursachen gar nicht so viele Kosten, dass mit der Schliessung Geld gespart werden kann.

Wie viel Geld nehmen die SBB denn dank Ihrer Schalteragentur ein?

Ein Beispiel: Alleine dafür, dass wir das SBB-Billett-System Prisma 2 nutzen dürfen, müssen wir jährlich rund 16 000 Franken zahlen. Darum haben wir auch nur einen von zwei Schaltern offen. Möchten wir beide nutzen, müssten wir doppelt so viel bezahlen.

Die SBB sagten uns im September, dass sie die Systemkosten zahlen und die Kosten decken, die beim Ausstellen der Billette entstehen.

Das ist eine komplette Lüge. Mittlerweile zahlen sie nicht mal mehr die Druckerpatronen, obwohl sie uns verpflichteten, neue Drucker zu installieren.

Welche Ihrer Aufwände zahlen denn die SBB?

Nichts, schlicht und einfach nichts.

Dann nochmals zurück zu Ihren Zahlen. Wie viel Geld verdienen Sie mit dem Schalter?

Ich muss mich nicht darüber auslassen. Die anderen sprechen auch nicht über Zahlen. Aber es sind ja nicht nur die Billett-System-Kosten und Ticketverkäufe, die wir überweisen. Wir haben auch den ganzen Bahnhof gemietet, zu einem relativ hohen Preis. Sogar für den Wartesaal zahlen wir einen Quadratmeterpreis, wie er bei Büromieten üblich ist. Das heisst, wir geben den SBB viel Geld zurück. Darum bezweifle ich, dass die SBB mit dieser Schliessung wirklich Geld sparen. Wer sorgt sich in Zukunft um diesen Bahnhof? Und können diese Räume hier überhaupt neu vermietet werden?

Wie meinen Sie das? Ihre Unternehmen haben ja den Sitz hier.

Ohne Schalter sind wir nicht mehr auf diesen Standort angewiesen. Wir finden in der Gegend locker andere Büros zu einer viel tieferen Miete. Oder anderswo, wo es steuergünstiger ist.

Sollten die SBB also die Schliessung durchziehen, verlassen Sie Birmensdorf per Ende 2017 definitiv?

Mit grosser Sicherheit, ja. Die SBB müssten mir schon ein wahnsinnig gutes neues Angebot für die Raummiete machen, damit ich doch noch bleibe.

Werden Sie vielleicht sogar vor Ende 2017 wegziehen, wenn Sie vorher das passende Angebot finden?

Anmerkung der Redaktion: Vuilleumier denkt lange nach – und verzichtet dann auf eine Antwort.

Zurück zu den Drittverkaufsstellen: Wie viele davon haben richtige Schalter, wie Sie sie hier betreiben?

Das sind zwischen zehn und zwanzig, bei denen man wirklich von Stationshaltern sprechen kann. Gerade in der Ostschweiz hat es einige davon. Aber auch der Wipkinger Bahnhof ist so einer. Auch der dortige Schalter ist in der Bevölkerung gut verankert, so wie hier. Unser Gemeinderat hat ja den SBB auch noch einen Brief geschrieben. Aber die Einflussnahme ist gleich null.

Hat sich der Entscheid eigentlich im Voraus abgezeichnet?

Ich habe natürlich schon meine inoffiziellen Kanäle, dank denen ich wusste, dass die Drittverkaufsstellen höchstwahrscheinlich geschlossen werden sollen. Was mich stört, ist insbesondere, dass die SBB alle Drittverkaufsstellen in den gleichen Topf werfen. Man kann doch einen Migrolino nicht mit einem privaten Stationshalter vergleichen.

Ihr Unternehmen ist ein Dienstleister für die gesamte Reisebranche und verkauft SBB-Billette auch an Reisebüros. Sind Sie die Drittverkaufsstelle mit dem grössten Umsatz?

Das ist anzunehmen, ja.

Wie hart trifft der Entscheid Ihr Unternehmen in finanzieller Hinsicht?

Das geht schon. Wir machen mit dem Schalter zwar etwas Geld, sind aber nicht abhängig davon. Für uns lohnt es sich nur deshalb, weil wir den Schalter en passant bedienen können, da wir ja sowieso hier sind.

Der Schliessungsentscheid der SBB – das ist mir wichtig, dass die Leute das wissen – stört mich nicht, weil ich jetzt keine Billette mehr verkaufen kann. Mich stört es als Birmensdorfer und es stört mich, wie der Entscheid zustandekam. Nicht nur werden private Stationshalter mit Migrolinos gleichgesetzt: Dem, der die Schalterschliessung entschieden hat, ist es auch piepegal, dass die Immobilien-Abteilung der SBB wegen unseres Wegzugs weniger Geld einnehmen wird. Aber vielleicht überdenken die SBB ihren Entscheid ja doch noch. Wir sind ja nicht irgendein Kiosk, sondern ein Bahnhof, der täglich von über 5000 Pendlern genutzt wird, mit einem Schalter, der viele Kunden hat.

Also haben Sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben?

Nein. Zurzeit fühlen wir noch den Puls und loten verschiedene Möglichkeiten aus. Aber wenn ich mich alleine gegen die Schliessung wehre, sieht das blöd aus. Dann heisst es, ich mache es nur wegen des Geldes. Eigentlich müssen sich die Birmensdorfer wehren. Sie wollen diesen Bahnhofsschalter. Ich bin nur der, der ihn betreibt. Wissen Sie, der Schalter bedeutet auch viel Aufwand und eine hohe Verantwortung. Auf der anderen Seite haben meine Mitarbeiter immer Freude, wenn sie Schalterdienst haben. Sie mögen den Kundenkontakt. Es gibt also Dafür und Dawider, ich stehe zurzeit genau auf der Kippe.

Was braucht es, damit Sie im Kampf für den Schalter Vollgas geben?

Wenn jetzt wirklich viele Leute kommen und mit Nachdruck fordern, dass dieser Bahnhof mit seinem Schalter zu erhalten ist und sie mich nach Kräften unterstützen, dann werde ich mich dafür einsetzen. Ich warte aber noch auf solche Signale.

Wünschen Sie sich eine Unterschriftensammlung?

Die SBB haben so viel Macht, ich weiss nicht, ob Unterschriften etwas bringen. Da müsste man schon mit viel härteren Mitteln vorgehen und...

...und?

Man kennt es aus anderen Ländern, vor allem aus Frankreich: Wenn dort alle Bauern nach Paris ziehen und mit den Traktoren um den Arc de Triomphe fahren, dann können sie Gesetze umstossen. Aber wir Birmensdorfer oder die Wipkinger alleine haben keine solche Lobby.

Letzte Frage: Hat sich Ihre Meinung über die SBB jetzt geändert?

Ich nörgle ja viel über die SBB. Aber sie ist schon eine sehr gute Lösung, kein anderes Land kann mit uns mithalten. Aber die Führung der SBB gibt mir schon zu denken, auch im vorliegenden Fall. Irgendwer hat diese Schliessung entschieden, vielleicht, nachdem er am Montagmorgen muffig ins Büro kam. Und dann ist es einfach ein fait accompli.

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