Kolumne: NamenDamen Region Olten
«Zieh der Lämpe, Herr Zielemp!»

Über Stolz, Trutz und Spott in den Burgennamen im unteren Kantonsteil.

Rolf Max Kully
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Der Name der Oltner Stadtburg Zielemp – von der ein Rest des Turms (mit Wappen) erhalten ist – geht auf den Übernamen für einen Besitzer zurück.

Der Name der Oltner Stadtburg Zielemp – von der ein Rest des Turms (mit Wappen) erhalten ist – geht auf den Übernamen für einen Besitzer zurück.

Bruno Kissling

Im Gäu, im Thal und im Niederamt stehen mehrere mittelalterliche Burgen, von denen einige immer bewohnt waren, andere wieder bewohnbar gemacht wurden. Von einigen sehen wir noch Ruinen, aber auch diese geben uns interessante Einblicke in die Bauweise und das Leben der Erbauer und späteren Bewohner. Ihre Namen sind zu einem grossen Teil erhalten und erlauben Rückschlüsse auf die Vorstellungen der Namengeber. Dabei ist zu beachten, dass das Rittertum nicht ein lokales, sondern ein gesamteuropäisches Phänomen war und dass die Benennung einer Burg auch Moden unterlag und nicht unbedingt mit den topografischen Gegebenheiten übereinstimmen musste.

Die NamenDamen

In dieser Kolumne ist einmal im Monat von speziellen Flurnamen der Amteien Olten-Gösgen und Thal-Gäu die Rede. Während des Mutterschaftsurlaubs der beiden regelmässigen Autorinnen Jacqueline Reber und Beatrice Hofmann-Wiggenhauser werden die «NamenDamen» von drei Nordwestschweizer Namensforschern vertreten: Philippe Hofmann (Namenbuch Basel-Landschaft), Jürgen Mischke (Namenbuch Basel-Stadt) und Rolf Max Kully (Namenbuch Solothurn).

Ortsname als einfachste Variante

Am einfachsten war es, die Burg nach der Ortschaft, in der sie steht, zu benennen. Dies war etwa der Fall bei Gösgen und Kienberg. Bei beiden ist das Dorf älter als die Burg und dessen Name wurde einfach übertragen. Gösgen, 1161 Gozequouon, verschrieben für Gossighofen, war als Stammschloss der freiherrlichen Familie in ein schon eisenzeitliches Refugium hineingebaut und bewohnt worden. Aber um 1230 wurde es zugunsten von Bözach, wo ein bequemerer Standort lag, verlassen. Der Freiherr Gerhard I. von Gösgen bezog die neue Burg und nannte sie Niedergösgen. Weil dem Geschlecht seit 1379 männliche Erben fehlten, fielen Schloss und Rechte 1383 an die verschwägerten Falkensteiner in der Klus von Balsthal. Diese verkauften ihren Besitz 1458 an Solothurn. Beim Einfall der Franzosen anno 1798 wurde die Anlage zerstört.

Die Burg Kienberg ist erst nach 1275 bezeugt. Aber schon hundert Jahre früher, 1173, sind die Freiherren Ulrich und Hartmann von Kienberg im Gefolge Kaiser Friedrichs in Basel bezeugt. Der Adelssitz wird also schon bestanden haben. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts mussten die Kienberger ihr Besitztum verpfänden und bald darauf verkaufen. Es wurde kurz vor 1400 von Petermann von Heidegg erworben, und dessen Name ging auf die Burg über, während das Dorf selbstverständlich den alten Namen behielt. Mit den Herren von Heidegg schloss Solothurn ein Burgrecht. Als sie verarmten, konnte Solothurn 1523 die kleine Herrschaft um 3200 Gulden kaufen.

Daneben bestand in der Nähe von Olten die Burg Kienberg in der Ey, die aber niemals grosse Bedeutung hatte und schon Ende des 14. Jahrhunderts nicht mehr bestand. Man vermutet, sie sei von den Guglern zerstört worden. 1409 erwarb die Stadt Olten «den Burgstall Kienberg und damit Hus, Feld und Wald, samt drei Bauernhöfen in der Ey und im Knoblouch». Der Name enthält das Wort Kien, das ‹Fichtenharz› bedeutet und auf den Fichtenbestand verweist.

Name beschreibt Funktion

In vielen Fällen liegt jedoch dem Burgnamen ein programmatisches Motiv zu Grunde, so etwa die Herausforderung an einen potentiellen Feind, er solle nur kommen, man werde ihm die Stirn zu bieten wissen. Aus dieser Haltung entstanden die sogenannten Trutznamen. So besagt etwas der Name der Bechburg, ältere Schreibung auch Pechburg: «Wer sich mir in feindlicher Absicht nähert, soll mit einem Guss von heissem Pech empfangen werden». Soviel ich sehe, sind die beiden Bechburgen die einzigen Vertreter des Namens.

Zu der gleichen Gruppe der Trutznamen gehören die beiden Wartburgen bei Olten sowie Wartenfels bei Lostorf. Sie tragen im Bestimmungswort einen Hinweis auf ihre Funktion, denn warten bedeutet ‹wachen›, was wir noch im Substantiv Wärter erkennen können. Wir haben es also mit Burgen zu tun, die auf der Hut sind. Den gleichen Namen Wartburg trägt ausserdem die gewaltige Festung oberhalb der Stadt Eisenach in Thüringen, in der Martin Luther den Teufel mit einem Tintenfass beworfen hat. Und verwandt ist auch der Name des Wartenbergs in Muttenz.

Eine beliebte Lösung: Prunken

Eine andere Gruppe der programmatischen Namen bilden solche, die nicht drohen, sondern die Schönheit und Bequemlichkeit des Bauwerks oder den Adel des Besitzers herausstreichen. Zu diesen sogenannten Prunknamen zählen wir Falkenstein und Frohburg. Der Falke war ein adeliger Vogel, der bei der Jagd eingesetzt wurde. Kein Geringerer als Kaiser Friedrich II. schrieb ein Buch über die Kunst, mit Vögeln zu jagen. Da die Burg Falkenstein von den Bechburgern erbaut wurde, kann man annehmen, dass sie mit diesem Namen ein neues Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringen wollten. Den gleichen Namen Falkenstein tragen eine Ruine in Igis GR und eine weitere in Schramberg in Deutschland, ebenso auch Burgen bei Pfronten im Allgäu, im Taunus, in der Pfalz, im Vogtland und im Bayerischen Wald.

Neu Falkenstein war ursprünglich der Stammsitz der Freiherren von Bechburg. Diese Burg wurde im 15./16 Jahrhundert auch Blauenstein genannt nach dem Edelknecht Rutschmann von Blauenstein, dem Henmann von Bechburg 1380 die Burg verliehen hatte. Die ursprüngliche Burg Blauenstein aber lag im Jura unweit von Kleinlützel.

Der Name der Frohburg wurde lange Zeit als ‹Herrenburg› gedeutet, weil man Fro mit dem althochdeutschen Wort für ‹Herr› in Verbindung brachte. Diese Bedeutung ist jedoch vor allem im religiösen Sprachgebrauch vertreten und bis heute im Festtagsnamen Fronleichnam erhalten, der ‹Leib des Herrn› bedeutet. Viel wahrscheinlicher scheint uns deshalb eine Anlehnung an den berühmten französischen Burgennamen Montjoie. Diesen Namen trug im Mittelalter eine Kreuzfahrerburg und dann ein befestigtes Kloster bei Jerusalem, ferner der Stammsitz der Herren von Glère, heute eine Ruine bei Vaufrey am Doubs, und die Stadt Monschau in der Eifel in Nordrhein-Westfalen, die bis 1918 Montjoie hiess und durch ein kaiserliches Edikt verdeutscht wurde. Dazu kommen Gemeinden in den französischen Départements Ariège, Manche und Haute-Savoie. Wir verstehen deshalb Frohburg als ‹Burg der Freude›. Unsere Frohburg wurde um das Jahr 1000 durch ein fränkisches Grafengeschlecht zur Kontrolle des Unteren Hauensteins erbaut. Neben der solothurnischen Frohburg verzeichnen wir auch ein gleichnamiges Schloss in Sachsen zwischen Leipzig und Chemnitz.

Witziges bei den Oltner Burgen

Einer besonderen Namengebung verdankt das Sälischlössli bei Olten seine Bezeichnung. 1547 wurde Hans Säli von Wangen zum Hochwächter der Wartburg ernannt. Das Amt blieb während 200 Jahren in seiner Familie, und ihr Name wurde volkstümlich auf die Burg übertragen. Diese wurde 1863 in schlechtem Zustand von der Bürgergemeinde Olten erworben und 1870 wieder aufgebaut und als Restaurant eingerichtet.

Einen spassigen Namen trägt die Oltner Stadtburg Zielemp. Das schweizerdeutsche Lämpe bedeutet eine hängende Unterlippe, und Zielemp ‹Zieh die Lefze!› war ursprünglich der Übername, später der reguläre Name eines thiersteinisch-farnsburgischen Ministerialengeschlechts, dessen erster Namensträger einen schiefen Mund gehabt haben muss. Das Mittelalter kümmerte sich wenig um politische Korrektheit und benannte körperliche Auffälligkeiten ohne Scham.

Die Thaler Burgnamen sollen im vierten Band des solothurnischen Orts- und Flurnamenbuches (Erscheinen 2017 geplant) mit sämtlichen Belegen und bisherigen Deutungen vorgestellt werden.

Prof. Dr. Rolf Max Kully (Solothurn) war Gründer und erster Leiter der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch und arbeitet seit seiner Pensionierung weiter an den Bänden des Solothurnischen Namenbuches mit.
E-Mail: info@namenbuch-solothurn.ch

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