110 Jahre Solothurner Zeitung
Worauf es ankommt

«Die Zeiten waren noch nie so schwierig wie heute.»

Drucken
Teilen

Oliver Menge

Diesen Satz höre ich immer wieder in der Medienbranche. Stimmt er auch? Wenn ich zurückschaue und mir meine Verleger-Vorfahren vor Augen halte, dann bin ich mir gar nicht so sicher. Sie alle hatten hart zu kämpfen und zu beissen – ein Leben lang. Deutlich erhöht hat sich jedoch das Tempo des Wandels im Gleichklang mit der wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Entwicklung.

Die Solothurner Zeitung ist seit 2009 Teil der AZ Medien. Dieses Zusammengehen war sowohl aus Solothurner als auch Aargauer Sicht ein Meilenstein. AZ Medien sind heute ein nationaler Player im Mediengeschäft. Das Unternehmen erwirtschaftet einen Umsatz von rund 240 Millionen Franken und beschäftigt mehr als 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Im Zeitalter von Google, Facebook und Twitter: Sind nun die Zeiten wirklich schwieriger geworden? Sie sind sicher nicht einfacher geworden!

Etwas Fundamentales hat sich verändert. Das Internet. Dieses ist als digitale Medien-Plattform mit seiner weltweiten Vernetzung eine unglaubliche Erfindung, vergleichbar mit der Erfindung des Telefons oder des Automobils. Ein neues Informationszeitalter ist angebrochen, denn es sind ungeahnte, faszinierende Informations- und Partizipationsmöglichkeiten, die sich da auftun. Das Internet hat aber auch einige Branchen in arge Bedrängnis gebracht, so auch die Printmedien, darunter die Tageszeitungen. Deren Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr so wie früher, ist bös ins Stottern geraten.

Was sich hier abspielt, ist eine technologische Revolution mit noch unabsehbaren Folgen. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass man heute in aller Öffentlichkeit über das Ende der Zeitungen diskutiert.

Fängt alles nochmals von vorn an? Heute wissen wir, was unser Kerngeschäft ist: Wir verkaufen, verbreiten und vermitteln Informationen und erzeugen dadurch Aufmerksamkeit, was für die Werbewirtschaft interessant ist. Wir sind Teil der Nachrichtenindustrie, aber definitiv nicht mehr Teil der Druckindustrie oder der holzverarbeitenden Papierindustrie.

Was ist so revolutionär daran? Die Tageszeitungen haben ihre frühere Monopolstellung auf dem Nachrichtenmarkt verloren und damit einen wichtigen Teil ihrer Einnahmequellen. Rund ein Drittel der Einnahmen bei allen abonnierten Tageszeitungen ist weggebrochen, das sind die Rubrikenanzeigen, die nicht vollständig, aber grösstenteils ins Internet abgewandert sind. Und auf dem News-Markt stehen die Abo-Zeitungen im Wettbewerb mit Gratiszeitungen und unzähligen Online-Portalen, die schneller sind, aber vielleicht qualitativ noch nicht ebenbürtig.

Demokratisierter Informationsmarkt

Kein Zweifel, das Internet hat den Informations- und Nachrichtenmarkt demokratisiert und die Partizipationschancen massiv erhöht. Jedermann kann heute sein eigener Verleger und Redaktor sein und einen Blog oder ein zeitungsähnliches Journal publizieren – es braucht das aufwendige Drucken nicht mehr. Das heisst aber nicht, dass die Zeitungen ganz verschwinden werden, zumindest nicht in den nächsten 10 oder 20 Jahren.

Die Auflagen der Tageszeitungen werden weiter sinken, aber eine Kernleserschaft, die das Papier dem iPad oder iPhone vorzieht, wird bleiben. Für die Zukunft entscheidend wird dabei das Nutzungsverhalten der jungen Generation sein: Können sich die Jungen mit Print noch anfreunden oder sind sie mit Online so vertraut, dass sie auf Print ganz verzichten werden?

Weitere entscheidende Frage: Gelingt es den Medienhäusern, einen «paid content» einzuführen, eine «pay wall» für ausgesuchte News, für einordnende Texte, vertiefende Analysen und Kommentare? Diese Frage ist für alle Medienhäuser relevant, nicht nur für die AZ Medien, denn wie soll sonst anspruchsvoller Journalismus auf Online finanziert werden?

Die Zukunft wird all diese Fragen beantworten. Doch eine Konstante bleibt. Es ist die Nachfrage nach journalistischer Qualität. Diese wird zusehends wichtiger. Denn nur für sie sind die Konsumenten noch bereit zu bezahlen. Alles andere wird gratis sein oder über staatliche Zwangsgebühren oder Werbung finanziert werden. Qualität als Unterscheidungsmerkmal und als Finanzierungsquelle.

Regionaljournalismus ...

Das heisst für uns: mehr denn je Besinnung auf das, was guten Journalismus ausmacht. Einfache, klare und eindringliche Sprache. Nicht der Leser soll sich quälen, sondern der Journalist. Das heisst weiter: gute Storys, vertiefende Analysen, gescheite Kommentare, witzige Kolumnen. Diese sind gerade auch im Regionaljournalismus mehr denn je gefragt.

... und intelligente Recherche

So altmodisch es klingen mag: Es ist der gute alte Recherchierjournalismus, basierend auf Bildung, Erfahrung und Wissen, der eine Renaissance verdient. Journalismus als Aufklärung und als Erkenntnisgewinn, als intelligente Erhellung und Lesegenuss. Und dort, wo Skandale aufblitzen, als Aufdeckung und als Enthüllung. Journalismus als nicht zu vereinnehmende Instanz, als kritisch abwägende Deutungsmacht, als Wegweiser in ungewissen, Orientierung erheischenden Zeiten.

Daran glauben wir. Das setzt aber publizistische und journalistische Unabhängigkeit voraus. Sie ist unabdingbar. Sonst steht die Glaubwürdigkeit des Mediums auf dem Spiel. Die Leser wollen nicht manipuliert oder beeinflusst werden. Sie wollen sich ihr eigenes Bild, ihre eigene Meinung machen – gerade in einer direkten Demokratie. Das bedingt indes ein unablässiges Suchen nach Wahrheit und Bemühen um Objektivität in der Erarbeitung und Vermittlung journalistischer Inhalte. Unbestechlichkeit – ein grosses Wort – ist Voraussetzung dafür, dass die Leute Vertrauen gewinnen zum Journalisten und zum Medium, für das er publiziert.

Und noch etwas muss gesagt werden: Die Welt, so wie wir sie täglich erleben, ist ziemlich aus den Fugen geraten, vieles erscheint als fragwürdig, als buchstäblich verrückt. Eine Fundgrube an Absurditäten, Widersprüchen und Verlogenheiten – es braucht für die Darstellung keine Übertreibung mehr, keine Zuspitzung. Man muss nur genau hinschauen und schreiben, was wirklich ist. «La réalité dépasse la fiction» – die Realität übersteigt das Vorstellbare, sie muss nicht noch mit fiktiven Elementen angereichert werden. Darob soll aber das Schöne und «Aufstellende», das Geniesserische und Lustvolle, das es in dieser Welt natürlich auch gibt, nicht in Vergessenheit geraten.

Geist «unruhiger Freiheitlichkeit»

Wir bekennen uns zu liberalen Grundwerten, zu Freiheit, Selbstverantwortung, Wettbewerb und sozialer Verantwortung. Darüber hinaus zu einer liberalen Offenheit im Sinne des «Geistes unruhiger Freiheitlichkeit», so wie es von den Verleger-Vorfahren als Credo formuliert worden ist. Dogmatisch-ideologischen Journalismus, politisch instrumentalisierten Journalismus gar, ob von links oder von rechts, lehnen wir ab; das war einmal, als jede Partei ein eigenes Blatt brauchte, um ihre Weltanschauung zu transportieren. Ebenso lehnen wir einen kommerziell orientierten Journalismus à la Murdoch ab: Abhören von Telefonen, Knacken von SMS, Bespitzelung von Politikern mittels Privatdetektiven ist nicht unser Ding, wiewohl sich dadurch die Auflage steigern liesse.

Stattdessen glauben wir an den Forumscharakter eines Mediums: Diskurs, Debatte und Diskussion sind in einer demokratischen Öffentlichkeit zwingende Voraussetzung für den politischen Meinungsbildungsprozess. Das bessere Argument soll den Leser überzeugen, nicht die Verhöhnung oder Verunglimpfung. Das heisst nicht, dass wir auf eine eigene Meinung verzichten wollen: Diese soll aber als solche klar deklariert und prononciert zum Ausdruck kommen.

Mir kommt keine bessere Formulierung in den Sinn als jene, die der deutsche Soziologe Max Weber für die Politik gefunden hat. Sie gilt analog auch für die Publizistik: «Journalismus (Politik) ist ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmass zugleich.» Es braucht dazu Neugierde und «feu sacré». So soll es bleiben.