Wo die meisten Schüler aus dem Gymnasium fallen

Der Bildungsbericht offenbart grosse Unterschiede zwischen den Kantonen – Lehrmeister und Universitäten sind besorgt

Yannick Nock
Merken
Drucken
Teilen

An den Genfer Gymnasien steigt jeder zweite Schüler vor dem Maturaabschluss aus. In keinem anderen Kanton ist die Abbruchquote höher. Das geht aus dem diese Woche veröffentlichten Bildungsbericht 2014 hervor. Die Zahlen wurden vom Bund zum ersten Mal erhoben. Auffallend sind die grossen kantonalen Unterschiede (siehe Tabelle unter Downloads). Vor allem Romands fliegen öfter aus dem Gymnasium oder verlassen die Schule freiwillig. Auch die Tessiner brechen ihre Matur häufig ab (41 Prozent).
Völlig anders sieht es in der Deutschschweiz aus, vor allem im Aargau und im Thurgau. In beiden Kantonen erreichen praktisch alle Schüler die Hochschulreife. Es schliessen sogar mehr Jugendliche das Gymi ab, als angetreten sind, was zu einer negativen Quote führt. Das liegt an Zugängen aus anderen Kantonen und Fachschulen während der Mittelschuljahre.
Über die Gründe müssen selbst Fachleute spekulieren. Es gibt noch keine systematische Erhebung der Abbruchquote. Die Zahlen im Bildungsbericht beruhen auf Erfahrungen und Schätzungen. Als sicher gilt, dass Zutrittsbeschränkungen den späteren Erfolg beeinflussen. Müssen Schüler eine Aufnahmeprüfung zum Gymnasium absolvieren, wie in den meisten Deutschschweizer Kantonen, fliegen anschliessend nur wenige von der Schule. Sind hingegen Lehrerbewertungen und Elternwünsche entscheidend, steigt die Abbruchquote massiv. Das schadet auch der Wirtschaft. Lehrmeister beklagen, dass Eltern ihre Kinder zu oft an die Kantonschule drängten. Hunderte Lehrstellen bleiben jährlich unbesetzt. Selbst Bildungsminister Johann Schneider-Ammann äusserte wiederholt Bedenken: «Ich hätte lieber weniger, dafür bessere Maturanden».
Der Präsident der Erziehungsdirektoren (EDK), Christoph Eymann, sieht ebenfalls Handlungsbedarf. «Wir wären froh, wenn wir mehr Jugendliche hätten, die direkt in eine Berufslehre übertreten», sagt er. So liesse sich auch die Zahl der Drop-outs reduzieren.
Gemäss Fachleuten führt eine hohe Abbruchquote zu einem tieferen Niveau an den Gymnasien, weil die allgemeinen Anforderungen sinken. Die EDK diskutiert deshalb über einheitliche Kompetenzen für alle Maturanden. Daran sind auch die Universitäten interessiert. Für sie ist das Niveau der angehenden Studenten in manchen Bereichen zu tief. Sie fordern deshalb Mindestnoten in Mathematik und der Erstsprache. Ausserdem müssten Gymnasien besser erklären, was ein Studiengang ausmacht. Viele Maturanden kämen mit falschen Vorstellungen an die Universitäten. Das gilt für Modefächer wie Psychologie.
Auch die Universitäten reagieren. Die Uni Basel bietet für manche Studiengänge mehrtägige Kennenlernkurse an. So wird Studenten schon vor Semesterbeginn klar, womit sie rechnen müssen.
Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper