Kirche
«Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen»

Die neue Präsidentin des reformierten Kirchgemeinderats, Verena Kunz-Grädel, erklärt, wie die Kirche mehr Leute ansprechen kann und nennt künftige Herausforderungen.

Tobias Granwehr
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Verena Kunz-Grädel ist als zweite Frau Präsidentin des Kirchgemeinderats.

Verena Kunz-Grädel ist als zweite Frau Präsidentin des Kirchgemeinderats.

Hanspeter Bärtschi

Seit Anfang Jahr präsidiert die bald 58-jährige Verena Kunz-Grädel den Gemeinderat der reformierten Kirchgemeinde Langenthal. Bisher leitete sie im Rat die Ressorts Kulturelles sowie Kinder- und Jugendarbeit. Das Ressort Kulturelles will sie auch künftig behalten. Die Kinder- und Jugendarbeit habe sie im Januar abgegeben.

«Als Präsidentin bin ich zudem Ansprechperson gegen aussen. Ich habe dabei keine Berührungsängste und bin offen und interessiert für andere Meinungen», sagt Kunz. Sie repräsentiere die Kirchgemeinde gerne. «Ich sehe diese Aufgabe als Horizonterweiterung. Mir ist wichtig, im Leben nicht stehen zu bleiben.» Das neue Amt sei auch eine Chance, etwas Neues zu lernen. Zum Beispiel die personelle Führung. Sie habe keine Managementausbildung. Sie werde aber einen Kurs besuchen im Bereich Führungsaufgaben.

Stratetische Fragen diskutieren

Zudem baut Kunz auf die Zusammenarbeit mit den Pfarrern, den Verwaltungsangestellten und den übrigen Ratsmitgliedern: «Wir haben in der Verwaltung sehr gute Leute, die mir helfen werden.» Ihr sei es wichtig, dass alle Angestellten der Kirchgemeinde und der Gemeinderat ein Team sind. «Mir ist ebenfalls wichtig, dass wir unsere Ziele in einer vertrauensvollen Atmosphäre erarbeiten können», sagt die ausgebildete Lehrerin und Musikerin.

Kunz ist sich bewusst, dass sich der neue Kirchgemeinderat erst finden muss. Niemand ist länger als drei Jahre im Rat. «Wir werden 2012 an einem Wochenende eine Retraite machen. Dabei werden wir strategische Fragen diskutieren wie: In welche Richtung will sich die Kirchgemeinde bewegen?» Die Kirchgemeinde sei heute auch eine Art Unternehmen. Sie müsse die Bedürfnisse ihrer Mitglieder kennen.

Frau Kunz, womit muss sich die reformierte Kirchgemeinde in den nächsten Jahren beschäftigen?

Verena Kunz-Grädel: Es gibt zum Beispiel die Motion von Grossrat Adrian Wüthrich aus Huttwil über die Löhne der Pfarrer. Die Besoldung der Pfarrleute durch den Kanton soll überprüft werden. Das schreckte mich schon etwas auf. Wenn wir die Pfarrer künftig selbst besolden müssten, müsste die Kirchgemeinde entweder die Kirchensteuer erhöhen oder das Angebot runterfahren. Da besteht eine Ungewissheit. Auf 2014 hin gibt der Kanton Bern zudem vor, die Stellen zu reduzieren. Das ist auch nicht angenehm. In der Kirche gab es immer sogenannte Wellentäler. Jetzt sind wir vielleicht unten, aber wir dürfen uns nicht entmutigen lassen. Vielleicht finden die Leute irgendwann in der Kirche wieder vermehrt einen Halt. Es gibt schliesslich in der Kirchgemeinde viele Angebote, mit denen wir die Leute abholen könnten. Aber wir müssen uns darum bemühen.

Wie beurteilen Sie den Wandel der Kirche?

Es gab früher bereits viele Angebote, sie fielen aber vielleicht öffentlich weniger auf als heute. Früher deckte der «Pfarrherr» zusammen mit seiner Frau die meisten Angebote ab. Es gab eigentlich alles, was heute in grösserer Form ebenfalls besteht. Die Strukturen der Kirche sind heute aber anders. Es geht auch um mehr Geld als früher. Es stehen bald Sanierungen von Gebäuden der Kirchgemeinde an. Das geht in die Millionen.

In Langenthal ist die Konkurrenz durch andere Religionen und Freikirchen gross. Betrachten Sie das als Problem für die reformierte Kirche?

Überhaupt nicht. Ich sehe das eher als befruchtend an. Man ist dadurch gezwungen, nicht stehen zu bleiben und sich immer wieder zu bemühen. Wir haben einen guten Draht zur katholischen Kirche. Früher war das noch nicht im gleichen Rahmen möglich. Heute sind wir offener. Zum Beispiel im kulturellen oder im sozialdiakonischen Bereich gäbe es Synergien, die wir nutzen könnten. Wir sehen uns nicht als Konkurrenten. Die Freikirchen sind überdies ganz anders strukturiert als wir. Diese sind weniger liberal, es wird mehr vorgegeben. Ich denke, man muss dazu stehen, was man ist und nicht versuchen, sich zu verbiegen.

Wie sehen Sie Ihre Aufgabe als Ratspräsidentin. Der Kirchgemeinderat ist auch Aufsichtsbehörde der Verwaltung?

Ich werde nicht hinstehen und sagen, wie das Personal zu arbeiten hat. Ich sehe meine Aufgabe ähnlich wie in der Musik: Eine Gruppe tönt nur dann gut, wenn man aufeinander hört und zu einer Einheit wird. Nicht jede Musik ist immer nur harmonisch, es gibt auch spannungsvolle Momente. Wir müssen letztlich am gleichen Strick ziehen, auch wenn es manchmal unterschiedliche Meinungen gibt. Ich scheue mich auch nicht, die Verwaltung um Hilfe zu bitten. Es ist wichtig, dass man auf Fachleute zurückgreift, wenn man in gewissen Themen selber zu wenig bewandert ist. Es ist auch eine Chance, wenn jemand von aussen kommt. Man sieht Dinge aus einer anderen Perspektive und hinterfragt vielleicht auch.

Was sind ihre persönlichen Ziele als Ratspräsidentin?

Ein Thema sind die Kirchenaustritte. Wie können wir dem entgegenwirken? Fehlt in unserer Kirchgemeinde etwas, dass die Leute abspringen? Das ist eine Herausforderung. Ich möchte auch die Jugend vermehrt einbinden. Die Altersarbeit funktioniert sehr gut, es ist ein grosses Bedürfnis innerhalb der Kirchgemeinde. Auch die Arbeit mit den Kindern funktioniert mit der Kinderkirche gut. Doch wenn die jungen Leute aus der Schule austreten und erwachsen werden, besteht ein Vakuum. Diese Leute stecken in Ausbildungen, beginnen zu arbeiten und entwickeln sich persönlich weiter. Ihnen sagt die Kirche in dieser Zeit nicht so viel, sie sind mit sich selbst genug beschäftigt. Ich weiss selber noch, wie das bei mir in jüngeren Jahren war. Ich habe mich vor allem musikalisch ausgelebt. Die Kirche stand nicht im Vordergrund. Solchen Menschen möchte ich eine Heimat geben. Vielleicht ist das ein grosses Ziel, das schon viele erreichen wollten.

Hat es für Sie eine symbolische Bedeutung, dass Sie nach 1966 erst die zweite Frau an der Spitze des Kirchgemeinderats sind?

Nein, das hat sich per Zufall so ergeben. Im Kirchgemeinderat sind schon lange Frauen dabei. Für mich ist es nichts Aussergewöhnliches. Ich fühlte mich im Rat nie auf mein Geschlecht reduziert. Wir waren bisher immer ein gutes Team. Seit der ersten Präsidentin hatte es sich wohl einfach nicht mehr ergeben, dass eine Frau das Amt übernahm.

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