Stabsübergabe im Bundesrat
Wie gut war Bundesrat Hans-Rudolf Merz

Der Finanzminister hat heute seinen letzten. Gestern konnte er mit dem Steuerdeal mit Deutschland einen letzten Erfolg verbuchen. Hat Merz seinen Job gut gemacht? Verteilen Sie hier ihre Noten.

Christian Dorer
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Den grössten Fehler seiner Karriere begeht Hans-Rudolf Merz, als er aus dem Koma aufwacht. Das ist vier Tage nach jenem Samstag, dem 20. September 2008, als er einen Herz-Kreislauf-Stillstand erleidet und nur mit viel Glück überlebt. «Sobald er sprechen konnte, war klar, dass er keinen Hirnschaden davongetragen hatte», schildert mir seine Frau Roswitha später diesen «magischen Moment», wie sie es nennt. «Da hatte er das Zepter sofort wieder in der Hand. Er sagte, dass er Bundesrat bleiben wolle.»

Hätte Merz den Kollaps als Wink von höherer Stelle betrachtet, er wäre auf dem Höhepunkt seiner Karriere gegangen und hätte erst noch von einem Mitleidsbonus profitiert. Er wäre in Erinnerung geblieben als Bundesrat, der solid seine Arbeit verrichtet und die Finanzen saniert hat. Merz aber kehrt nach nur sechs Wochen ins Amt zurück und taucht damit ein ins «Annus horribilis», ins Horrorjahr, wie er sein Präsidialjahr 2009 später selber nennt. Er verliert das Gesicht in der Libyen-Affäre, er enthält seinen Bundesratskollegen Informationen vor, er unterschätzt lange Zeit die UBS-USA-Krise. Er geht, unfreiwillig und auch ungerechtfertigt, in die Geschichte ein als der Bundesrat, der das Bankgeheimnis geopfert hat. Aus dem ehemals fröhlichen und leutseligen Landesvater wird ein zunehmend misstrauischer und einsamer Departementschef. Am Ende sehnen sogar Parteifreunde seinen Rücktritt herbei, weil ihnen beim Gedanken graut, mit Merz in die Wahlen 2011 zu steigen.

«Sehr viel einstecken müssen»

In seiner Rücktrittsrede beschreibt Merz seine Stimmung so: «Ich habe sehr viel einstecken müssen, von dem ich überzeugt bin, dass es nicht gerecht war.» Damit hat Merz nicht unrecht. Wenn das Unglück mal über einen Politiker einbricht, ist es oft nicht mehr aufzuhalten. Und die Sonnenseiten gehen vergessen: Bis zuletzt verwaltete Merz die Bundesfinanzen erfolgreich. Denn das war seine Stärke: Er ist ein akkurater Schaffer in ruhigen Zeiten, aber kein Krisenmanager, und erst recht kein gewiefter Taktiker. Das ist nicht erstaunlich: Wer jahrelang als Berater arbeitet, muss nie selber entscheiden, nie Unangenehmes durchsetzen, nie Widerstand aushalten. Was bei Merz dazukommt: Ihm geht die gewisse Ruchlosigkeit ab, die es für ein Spitzenamt braucht. Das macht ihn zwar sympathisch, aber nicht krisentauglich. Wer es allen recht machen will, verbockt am Ende alles.

2006 führten «Sonntag»-Chefredaktor Patrik Müller und ich mit Hans-Rudolf Merz und seiner Gattin Roswitha ein Doppel-Interview, bei dem der Bundesrat viel von seinem Inneren preisgab. In jungen Jahren spielte er mit dem Gedanken, Schriftsteller zu werden - und wurde schliesslich doch Ökonom. Mit 20 lernte er seine künftige Frau kennen, eine Deutsche, die als Zuschneiderin in der Blusenfabrik seines Vaters arbeitete. «Ihr offener Geist und ihr breiter Horizont, gerade auch für Literatur, faszinierten mich.» Der asketische Zahlenmensch und die Künstlerin - ein ungleiches Paar, das gerade deshalb so erfolgreich war, weil es sich ergänzte. Ihre berühmtesten Werke sind geschredderte Banknoten. Sie hat aber auch schon spontan sein Steuergesetz verschnetzelt, gekocht und aus der Pappe etwas Neues geschaffen - die grünen, blauen und beigen Seiten hatten sie inspiriert.

Merz offenbarte in diesem Gespräch auch, wie Kritik ihn trifft: «Am Sonntag lese ich manchmal gar keine Zeitungen mehr. Denn ich will mir den Tag nicht verderben lassen. Meine Frau ist da wie ein Vorkoster im Mittelalter. Sie liest alle Zeitungen und sagt dann, ob ich sie lesen kann oder nicht.» Oder über den Vorwurf, dass er überall leutselig drauf los plaudere und die Dinge mal so und dann wieder anders sieht: «Ein politisches Problem lösen ist wie Kochen: Zuerst macht man eine Auslegeordnung, danach gibt es verschiedene Phasen und am Schluss ein Menü. Mich ärgert, wenn man bereit ist, diesen Prozess transparent zu machen, und deshalb als Wendehals und Zauderi bezeichnet wird.»

Wie Kollege Moritz Leuenberger kann auch Merz seine Zeit als Bundesrat mit einem Erfolgserlebnis abschliessen. Bei Leuenberger wars der Durchstich des Gotthard-Tunnels, bei Merz die Einigung mit Deutschland, die den Streit - hoffentlich - beendet. Dieser Abgang ist Merz zu gönnen, denn letztlich war er ein ehrlicher Magistrat, vielleicht manchmal zu ehrlich für den Berner Politbetrieb. Er geht nun als weiteres leuchtendes Beispiel in die Geschichte ein, wie sehr sich das Parlament täuschen kann. Es wählte ihn am
10. Dezember 2003 im gleichen Rutsch wie Christoph Blocher. Weil er als rechts, hart und standfest galt.