Reiseverbot
Wie ein junger Afghane jahrelang dafür kämpfte, seine Mutter wiederzusehen

Der Afghane Jawad ist als Jugendlicher alleine in die Schweiz geflüchtet. Zwei Jahre lang hat der 23-Jährige dafür gekämpft, seine Mutter im Iran besuchen zu dürfen.

Annika Bangerter
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Jawad kam vor sechs Jahren in die Schweiz, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Heute ist er Chemielaborant.

Jawad kam vor sechs Jahren in die Schweiz, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Heute ist er Chemielaborant.

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Ein Tag bevor Jawad (Name geändert) zu seiner Familie flog, bekam er Angst. Er realisierte, dass der Euro-Airport in Frankreich liegt. Für den Iran, in dem seine Mutter und Brüder leben, hatte er ein gültiges Visum. Für Frankreich hingegen nicht. Der kurze Weg von Basel an den Flughafen drohte zum unüberwindbaren Graben zu werden. Einer, der Jawads langjährige Hoffnungen beerdigen könnte, seine Familie nach fast sieben Jahren wiederzusehen.

Dabei war sein Weg zum Rückreisevisum bereits mehr als steinig. Jawad lebt als vorläufig aufgenommener Ausländer in der Schweiz. Der Afghane gehört damit zu jenen fast 30 000 Asylsuchenden, die sich in einer Patt-Situation befinden: Weil sie keine individuelle Verfolgung aufgrund ihrer politischen Gesinnung oder Religion nachweisen können, anerkennt sie der Staat nicht als Flüchtlinge. In ihre Heimat zurück können sie auch nicht. Zum Beispiel, weil dort ein Bürgerkrieg tobt. Viele der Betroffenen bleiben deshalb jahrelang oder für immer in der Schweiz.

Wer als vorläufig aufgenommener Ausländer hier lebt, darf das Land nicht spontan verlassen. Jede Reise über die Landesgrenze braucht eine Bewilligung vom Staatssekretariat für Migration (SEM). Dort, in Bern, muss der Pass hinterlegt sein.

Mit 16 Jahren alleine geflüchtet

Parlamentarier von Rechtsaussen bis zur Mitte haben diesen Juni im Nationalrat eine Mehrheit für ihre Vorstösse gefunden, die ein generelles Reiseverbot für vorläufig Aufgenommene fordern. SVP-, FDP- und CVP-Politiker argumentierten mit Heimatreisen oder Asylmissbrauch. Wie Jawads Geschichte zeigt, ist es auch ohne diese Verschärfung für vorläufig Aufgenommene schwierig, eine Reisebewilligung zu bekommen. Dabei wollte er gar nicht in seine Heimat Afghanistan zurück.

Zwei Jahre: So lange wartete der 23-Jährige, bis das Bundesverwaltungsgericht schliesslich entschied, dass er im Iran seine Familie besuchen darf. Gesehen hatte er sie viel länger nicht. Als er sich von seiner Mutter verabschiedete, war er noch minderjährig, 16 Jahre alt. Wieso begleitete sie ihn nicht nach Europa? «Das war zu gefährlich», sagt Jawad. Er sitzt in einem Café in der Basler Innenstadt. Schmächtiger Körper, eine fein umrahmte Brille, aufmerksamer Blick. «Wenn einem die iranische oder türkische Polizei bei einem illegalen Grenzübertritt fasst, droht eine Abschiebung nach Afghanistan.» Dieses Risiko wollte die Familie unter keinen Umständen eingehen. Sie verliessen ihr Land in Richtung Iran, als der Bürgerkrieg ihre Region erfasste. Verbündete der Taliban griffen auch jenes Dorf an, indem Jawad und seine Brüder aufgewachsen waren. Im Nachbarland fand die Familie zwar Sicherheit vor den Kämpfen, aber keine Perspektive.

Alleine reiste Jawad deshalb in die Türkei, fuhr mit dem Schiff nach Italien, kam mit dem Zug in die Schweiz. Das war im Jahr 2011. Kinder und Jugendliche, die ohne ihre Eltern flüchteten, waren vor sechs Jahren kaum Thema. 326 weitere unbegleitete Minderjährige reisten damals mit Jawad ein; 2016 kamen fast 2000 allein reisende Jugendliche hierzulande an. Jawad wurde einem Asylheim im Baselland zugeteilt. Der Kanton kannte damals weder eine spezielle Unterbringung noch Betreuung seiner jüngsten Flüchtlinge. Eine Ansprechperson fehlte, niemand meldete Jawad in der Schule an. Der Jugendliche fragte sich durch, suchte nach Gratis-Deutschkursen, nutzte jedes kostenlose Angebot. Im ehrenamtlich betriebenen Internetcafé «Planet 13» und in Projekten der Kirche lernte er seine ersten deutschen Wörter. Nach einem Jahr meldete ihn einer der Freiwilligen im Zentrum für Brückenangebote in Basel an. Das erste Mal nach mehr als drei Jahren sass Jawad wieder in einem Klassenzimmer.

«Lehrling des Jahres»

Von da an ging alles schnell: Der Jugendliche tauchte in den Schulstoff ein, füllte seine Lücken, holte auf. Die Naturwissenschaften gefielen ihm, allen voran die Chemie. Im Labor zu arbeiten, das war sein Traum – und schon bald Realität. In seinem zweiten Schweizer Schuljahr waren Jawads Noten bereits so gut, dass ihn ein grosses Basler Pharma-Unternehmen zum Eignungstest einlud. Er schaffte ihn und erhielt eine Lehrstelle als Chemielaborant. Diese hat er diesen Sommer abgeschlossen. Mit Auszeichnung: Er wurde «Apprentice of the year» – Lehrling des Jahres. Es ist die Krönung seiner mustergültigen Integration.

Trotz seiner Erfolge, die Sehnsucht nach seiner Familie nagte an ihm. Am Ende seines ersten Lehrjahres stellte Jawad einen Antrag: Er bat um ein Rückreisevisum in die Schweiz, damit er seine Mutter und seine Brüder im Iran besuchen kann. Die Antwort war abschlägig. Er sei noch keine drei Jahre als vorläufig Aufgenommener anerkannt – und von der Sozialhilfe abhängig. Gesuch abgelehnt. Judith Nydegger ist Rechtsberaterin bei der Beratungsstelle für Asylsuchende der Region Basel (BAS). Sie sagt, es sei «schwer nachvollziehbar», weshalb «einem vorbildlich integrierten jungen Mann» eine Auslandreise zur Familie nicht erlaubt werde. An die BAS wandte sich Jawad, nachdem bei ihm die Absage eingetroffen war. Die Rechtsberater reichten einen Rekurs ein, argumentierten mit humanitären Gründen. Denn: Bei guter Integration sind Reisen möglich, auch wenn es sich nicht um einen Notfall wie ein Todesfall handelt – so will es das Gesetz.

Doch das Staatssekretariat für Migration winkte erneut ab. Es müsse eine «gewisse Härte oder Not» bestehen, hiess es beim SEM. Dass Jawads Familie im Iran keinen gesicherten Aufenthalt hat und jederzeit ausgeschafft werden könnte, würdigte die Behörde nicht.

SEM verletzt Bundesrecht

Mit seiner Absage hat das SEM Bundesrecht verletzt, urteilen die Richter des Bundesverwaltungsgerichts im Mai. In ihrem Urteil verweisen sie auf Jawads Zeugnisse und Empfehlungsschreiben von Lehrern und Ausbildern: Sie würden eine «ausserordentlich gute schulische Leistungen, Motivation, Hilfsbereitschaft und Pflichtbewusstsein» belegen. Weil Jawad seine «Chancen zur Integration in ausserordentlichem Masse wahrgenommen» habe, sei ihm ein Visum zu erteilen, halten die Richter fest. Dies vor dem Hintergrund, dass er als Minderjähriger in die Schweiz kam und ein «starkes und verständliches Bedürfnis» habe, seine Mutter nach sechs Jahren wiederzusehen. Humanitäre Gründe könnten in seinem Fall durchaus geltend gemacht werden, entscheidet das Gericht.

Gestoppte Schulreise

Jawad buchte den Flug in den Iran, war voller Glück. Bis ein Tag vor der Abreise: Da realisierte er, in welchem Land der Euro-Airport liegt. Erinnerungen an eine frühere Schulreise wurden wach. Damals liessen es Grenzwächter nicht zu, dass er mit seiner Klasse einen Tag in Deutschland verbringt. Er hatte dafür zwar die Erlaubnis der Schweiz, doch die deutschen Behörden wiesen ihn zurück. Ihm fehle ein Visum für ihr Land.

Seine Klasse reiste ohne Jawad weiter; er blieb in Basel zurück. Und nun Frankreich: Auch für dieses Land hatte er kein Einreisevisum. Ob seine Reise in letzter Minute gestoppt würde, wusste er nicht, als er in den 50er-Bus einstieg. Er, der seinen Besuch auf drei statt vier Wochen im Iran beschränkte, aus Angst, dass er bei einem Streik oder Unwetter nicht mehr zeitgenau in der Schweiz eintreffen könnte, musste sich in die Ungewissheit schicken.
Doch er hatte Glück: Unbeschreiblich sei das Wiedersehen mit seiner Mutter und den Brüdern gewesen, sagt Jawad. Einzig bei diesem Thema gerät er ins Stocken. Er weiss, seine Familie kann er erst in ein paar Jahren wieder besuchen. Da er nach der Lehre ein Studium an der Fachhochschule absolvieren will, ist er weiterhin von der Sozialhilfe abhängig. «Familie oder Ausbildung: Beides kann ich nicht haben.» Jawad hat sich für die Bildung entschieden. Zum zweiten Mal in seinem Leben.