Jubiläum
Wie die Berner 1415 Aarau eroberten und zur Untertanenstadt machten

Vor 600 Jahren mussten die Aarauer vor den Angreifern aus Bern kapitulieren. Die Stadtmauer hielt der Attacke nicht stand. Am 20. April 1415 siegelten die Parteien das entsprechende Papier, das Aarau bis 1798 zu einer Berner Untertanenstadt machte.

Hermann Rauber
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Die Eroberung von Aarau 1415 dargestellt in der Tschachtlanchronik. Reproduktion Kantonsbibliothek/Chris Iseli

Die Eroberung von Aarau 1415 dargestellt in der Tschachtlanchronik. Reproduktion Kantonsbibliothek/Chris Iseli

Reproduktion: Chris Iseli/AZ

Der Winter 1415 war lang und streng. Frühlingsgefühle mochten in Aarau auch im April noch nicht aufkommen. Zu allem Übel verdüsterte sich auch der politische Horizont. Man wusste in der Stadt sehr wohl vom Streit zwischen dem deutschen König Sigismund und dem österreichischen Herzog Friedrich, der sich am Konzil zu Konstanz entzündete und rasch eskalierte. Schultheiss und Rat hatten zudem Kunde von den Tagsatzungen in Beckenried und Schwyz, an denen Bern seinen festen Willen kundtat, handstreichartig in das «Ergöw» (im Aargau) einzufallen und das Herrschaftsvakuum schamlos auszunutzen. Auf fremde Hilfe konnte Aarau nicht zählen, weder vom weit entfernten Habsburger noch von dessen lokalem Ministerialadel, geschweige denn von den benachbarten Städten.

Trotz bedrohlichen Vorzeichen entschlossen sich Rat und Bürgerschaft, den Habsburger Stadtherren die Treue zu halten und notfalls bewaffneten Widerstand zu leisten. In aller Eile bemühte man sich, die «krancken muren» rund um die Stadt auszubessern sowie Wasser- und Nahrungsvorräte anzulegen. Schliesslich lag der letzte «Ernstfall» fast 27 Jahre zurück, als marodierende Berner Truppen 1388 auf dem Heimweg Teile der Vorstadt zerstörten und plünderten, den ummauerten Stadtkern aber verschonten. Allerdings fehlte es in der Folge am Geld, um die Befestigungen auf den neusten Stand zu bringen.

Immerhin organisatorisch konnte sich Aarau auf eine «moderne» Wehrordnung von 1410 stützen. Diese hatte zum Ziel, im Falle eines Angriffs möglichst rasch die Verteidigungsbereitschaft «rundum» zu erstellen. Aarau kannte vier Mauerabschnitte sowie sechs besonders neuralgische Punkte, namentlich die vier Stadttore, das Kloster in der Halde und den «Ankenkübel» am Graben.

Der «Oberbefehl» lag beim Schultheissen, der sich auf den Bannermeister und einige Hauptleute verlassen konnte. Hinzu kamen um das Jahr 1415 rund 250 wehrpflichtige Bürger, zum Teil «uss der Vorstatt», die nicht befestigt war. Einige hatten mindestens praktische Kriegserfahrung, waren doch die Aarauer den Habsburgern mit einem Fähnlein «stellungspflichtig», letztmals in der Schlacht bei Sempach 1386 und am Stoss im Appenzellerland (1405), wo man sich jeweils im österreichischen Heer blutige Nasen oder gar den Tod holte. Die Bewaffnung bestand aus Spiessen oder Hellebarden und aus Armbrustschützen. Die meisten trugen zum persönlichen Schutz einen Lederrock und einen Helm, im besseren Fall einen Harnisch.

Am Morgen des 18. April brachten Boten die Nachricht vom Fall der Stadt Zofingen und der Aarburg sowie der beiden Wartburgen bei Olten. Die Aarauer schlossen sofort ihre Tore und bezogen Stellung. Bereits gegen Mittag sichtete der Ausguck auf dem Oberturm die Berner und Solothurner Einheiten, die von Westen her anrückten. Es kam zu ersten Scharmützeln entlang der Stadtmauer, wobei die Aarauer anfänglich «wacker zurückschossen». Als die zahlenmässig weit überlegenen Belagerer die grosskalibrige Nürnberger Büchse (Kanone) in Stellung brachten und eine erste Bresche in die Befestigung schossen, bröckelte der Kampfesmut. Dieses «Loch» in der Mauer ist auf dem Blatt «Die Eroberung der Stadt Aarau» in der Bildchronik des Berner Ratsherrn Benedikt Tschachtlan von 1470 zu sehen. Der ehemalige Stadtarchivar Martin Pestalozzi lokalisiert den Schaden neben dem (längst verschwundenen) Aaretor im Bereich des Hammer-Abschnitts. Die Beschiessung der Stadt erfolgte also offensichtlich von Norden her.

Angst und Schrecken verbreitete zudem im Süden der Brand des mittelalterlichen Spitals (heute Saxerhaus) in der unverteidigten Vorstadt, der von den Bernern gelegt worden war. Die Belagerer forderten mit Nachdruck die sofortige Kapitulation der Stadt. Dem Schultheissen, dem Rat und der Bürgerschaft blieb keine Wahl. Um ein Blutvergiessen oder gar einen Stadtbrand zu verhindern, streckte man die Waffen rasch und nahm Verhandlungen mit Bern und Solothurn auf. Andreas Baumann vermutet in einem Beitrag in den Aarauer Neujahrsblättern 2014, dass Schultheiss Cuonrat Spuol (ein erfahrener Ratsherr, der erst 1411 von Zofingen, wo er ebenfalls das Schultheissenamt bekleidet hatte, nach Aarau gezogen war) wohl am Abend des 19. April kurzfristig eine Bürgerversammlung einberief, die allerdings nur Ja oder Nein zur Kapitulation und den Übernahmebedingungen sagen konnte. Ein Protokoll über die Diskussion und das Abstimmungsergebnis existiert nicht.

Viel Spielraum liessen die Sieger der Verliererin ohnehin nicht. Die Kanzlei in Bern hatte die entsprechenden Kapitulations- und «Friedensverträge» bereits in mehreren Exemplaren im Voraus angefertigt. Am 20. April 1415 siegelten die Parteien das entsprechende Papier, das Aarau bis 1798 zu einer Berner Untertanenstadt machte.

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