Werden Sie Rasterfahnder mit Facebook

Mit Graph Search können die Daten der Facebook-Nutzer systematisch durchsucht werden. So lassen sich Menschen nach Vorlieben und Eigenschaften gruppieren.

SaW Redaktion
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Wer die neue Suchfunktion von Facebook nutzt, fühlt sich ein wenig wie ein Hobbyschnüffler der NSA. Illustration: PS-ILLUSTRATION

Wer die neue Suchfunktion von Facebook nutzt, fühlt sich ein wenig wie ein Hobbyschnüffler der NSA. Illustration: PS-ILLUSTRATION

Schweiz am Wochenende

Facebook lanciert eine der grössten Neuerungen der Firmengeschichte: Das soziale Netzwerk wird zu einer Suchmaschine – und kann Antworten auf Fragen geben, die Google nicht kennt. Zum Beispiel: «Welche weiblichen Singles in Baden sind zwischen 20 und 30 Jahre alt?» Oder: «Welche meiner Freunde hören Madonna?» Oder auch: «Welche Bücher haben die UBS-Mitarbeiter gelesen?»
Graph Search heisst die neue Suchfunktion. Angekündigt wurde sie Anfang Jahr. Doch erst jetzt wird sie den Nutzern standardmässig zugänglich gemacht. Wer die Spracheinstellung auf US-Englisch setzt, kann Graph Search bereits nutzen. Auf Deutsch soll die Suchfunktion bald zur Verfügung stehen.
Die Facebook-Suche funktioniert grundlegend anders als Google, Bing und Yahoo. Anstatt das ganze Web zu durchsuchen, wird nur der auf Facebook lagernde Datenschatz durchforstet. Die so gefundenen Informationen bekommen mehr Relevanz, weil sie stets mit einem Gesicht eines Freundes oder eines anderen Facebook-Nutzers verknüpft sind. Wer etwa ein Hotel in Berlin sucht, kann weiterhin auf Google eingeben «Hotel in Berlin» oder auf Facebook «Hotels in Berlin, in denen meine Freunde übernachtet haben». Im ersten Fall bekommt er eine ziemlich willkürlich anmutende Sammlung von Links. Im zweiten Fall eine Auflistung jener Hotels in Berlin, in die seine Freunde auf Facebook «eingecheckt» haben.
Empfehlungen von Freunden nehmen wir ernster als jene einer anonymen Website. So kommt eine aktuelle Studie von Forster Research zum Schluss, dass bei Produkte- und Markenempfehlungen 70 Prozent ihren Freunden vertrauen, aber nur 43 Prozent von Suchmaschinen zutage geförderten Links. Kaum besser steht es um das Ansehen von Online-Kritiken auf Portalen wie Amazon: Stammen sie von unbekannten Nutzern, vertrauen ihnen lediglich 46 Prozent.
Mit Graph Search will Facebook zu einer Suchmaschine für Empfehlungen und personenbezogene Informationen werden. Suchanfragen werden über das schon lange bestehende Suchfeld in der Kopfleiste eingegeben. Bisher konnte man dort nur nach Namen suchen. Jetzt auch nach Personen, deren Interessen und Fotos von bestimmten Orten. Das funktioniert ganz einfach, weil einem die Suchmaschine, sobald man zu schreiben beginnt, stets mögliche Vervollständigungen vorschlägt.
So werden auch Rasterfahndungen zu persönlichen Zwecken möglich. Wer etwa eine Partnerin für einen Tanzkurs sucht, kann zuerst nach allen weiblichen Singles suchen, die in der Nähe wohnen und gerne tanzen – und dann die Suche durch weitere Interessensmerkmale wie Musikstil einschränken.
Wenn man mit Graph Search etwas herumspielt und seinen Freundeskreis oder auch alle Facebook-Nutzer aufgrund von bestimmten Merkmalen durchsucht, fühlt man sich ein wenig wie ein Hobby-Schnüffler der NSA. Hier stösst man auf ein Foto, das einem noch nie untergekommen ist, da auf eine Person, von der man nicht gedacht hat, dass sie «Britney Spears» mag.
Bei der Suche werden nur die öffentlichen Angaben der Nutzer berücksichtigt – standardmässig sind das die meisten. Einschränken lassen sich die öffentlichen Angaben aber über die Privatsphäre-Einstellungen (siehe Kasten). Anders ist es, wenn man nach Interessen und Bildern von Freunden sucht: In diesem Fall werden auch alle nur für Freunde einsehbaren Daten berücksichtigt. Doch auch hier bekommt man nicht mehr zu Gesicht, als man ohnehin schon einsehen konnte.
Und dennoch verleiht Graph Search unseren auf Facebook preisgegebenen Daten und den damit verbundenen Bedenken um die Privatsphäre eine neue Qualität: Die rund eine Billion Verbindungen, die auf dem sozialen Netzwerk zwischen Personen, Seiten, Bildern und Aktivitäten bestehen, lassen sich erstmals für jedermann systematisch durchsuchen. Das kann mitunter auch sehr gefährlich sein, wie der IT-Sicherheitsberater Tom Scott in einem Blog ausführt: So fördert etwa aus der Suche «Muslimische Männer, die sich für Männer interessieren und in Teheran, Iran, leben» eine Liste von potenziellen Todeskandidaten zutage. Noch immer werden in Iran Homosexuelle gehenkt.
Natürlich kann man sagen, dass jeder leichtfertig handelt, der in Iran wohnt und seine Homosexualität auf Facebook preisgibt. Doch was ist, wenn man auf einem Foto markiert wurde, das in einer Schwulenbar aufgenommen wurde? Unter Umständen hat der Jeweilige das nicht einmal gemerkt, weil Facebook seine Nutzer früher nicht informiert hat, wenn sie auf Fotos markiert wurden. Man muss nicht bis zu Irans Homosexuellen gehen, um die schädliche Wirkung von Gesinnungsangaben oder Fotos zu erkennen. Für jeden kann ein aus Jux oder Unachtsamkeit gesetzter Link oder eine nicht gelöschte Markierung eine kompromittierende Wirkung haben. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, zu prüfen, welche Bilder eigentlich von einem durch Facebook geistern und welche Seiten man alles «geliket» hat. Denn das Gefährliche an Rasterfahndungen ist, dass jeder aufgrund einer (verirrten) Angabe in ein Raster fallen kann, in das er eigentlich gar nicht hineingehört.
Das ist bei den Rasterfahndungen von NSA und Co. nicht anders. Um mit der enormen Datenmenge umzugehen, die wir täglich durchs Netz jagen und die von den Internet-Schnüfflern mitgelesen werden, braucht es raffinierte Filterwerkzeuge, wie das von Whistleblower Edward Snowden publik gemachte Programm XKeyscore. Damit lassen sich E-Mails, Chats und soziale Netzwerke auf bestimmte Nutzernamen, Mail-Adressen, verwendete Wörter und weitere Angaben hin durchsuchen. Geheimdienstmitarbeiter können damit also nicht nur verdächtige Personen observieren, sondern aufgrund von Rastern auch neue Verdächtige ausmachen. Das Prinzip ist hier das gleiche wie bei Graph Search, ausser dass Geheimdienste keinen Unterschied zwischen öffentlichen und privaten Daten machen.
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