«Wer keinen Dichtestress will, soll an einen GC-Match»

Walter Kielholz, einer der wichtigsten Vertreter des Finanzplatzes, sorgt sich um die Schweiz. Der Swiss-Re-Präsident sagt: «Zu lange haben wir das Feld den isolationistischen Eiferern überlassen. Die Anti-Europa-Bewegung hat sektiererische Züge angenommen.» Leider sei die Schweiz daran, mehr und mehr Trümpfe dem «Unabhängigkeitswahn» zu opfern.

SaW Redaktion
Drucken
Walter Kielholz. Foto: Keystone

Walter Kielholz. Foto: Keystone

Schweiz am Wochenende

Herr Kielholz, Sie haben den Europa-Aufruf unterzeichnet, in dem Kulturschaffende, Wissenschafter und Wirtschaftsvertreter für eine offene Schweiz eintreten. Hat das Mut gebraucht?
Walter Kielholz: Nein. Es war ja kein Coming-out, ich hatte mich schon in der Vergangenheit dafür starkgemacht, dass wir ein offenes Land bleiben. Und der Appell ist sehr moderat, wir plädieren keineswegs für die Selbstaufgabe der Schweiz.
Dieser Generalverdacht kommt aber schnell auf, wenn man sich proeuropäisch äussert.
Dazu braucht es in der Tat nicht viel. Gerade darum halte ich es für wichtig, dass auch diese Seite sich äussert und nicht der Eindruck entsteht, 99 Prozent der Schweizer möchten sich abkapseln. Zu lange haben wir das Feld den isolationistischen Eiferern überlassen. Die Anti-Europa-Bewegung in der Schweiz hat sektiererische Züge angenommen.
Wen meinen Sie damit? Die SVP?
Es sind immer etwa die gleichen Kreise. Sie zeigen sich auch jetzt wieder, bei der Gold-Initiative. Diese Eiferer schaffen es in der heutigen Mediengesellschaft, sich weit über ihre Bedeutung hinaus Gehör zu verschaffen. Pragmatische, vernünftige Haltungen wirken dagegen schnell langweilig. Die aufgeheizte Truppe hat erreicht, dass ein Klima der Polarisierung entstanden ist, in dem andere Meinungen – etwa auf den Online-Portalen – mit Hasstiraden heruntergemacht werden. Leider beeinflussen diese Tiraden zunehmend auch die Journalisten.
Woran liegt es, dass «Eiferer» ein derartiges Gewicht erhalten konnten?
Ein Grund liegt sicher im Vertrauensverlust: Die Wirtschaftsführer haben kein Vertrauen mehr, die Politiker seit längerem nicht und die Intellektuellen schon gar nicht. Wenn früher ein Bundesrat sagte: Diese Initiative bringt Nachteile, man sollte sie ablehnen, sagten die meisten Leute, okay, er wird es wohl wissen. Heute ist es fast umgekehrt. Man wittert eine Verschwörung und sagt sich: Denen zeige ich es jetzt!
Die Eliten haben doch selber versagt, gerade in der Finanzkrise. Warum sollen ihnen die Bürger glauben?
Die Schweiz ist nicht schlecht gefahren, wenn sie Volksinitiativen auf Empfehlung von Parlament und Wirtschaftsverbänden verworfen hat, wie das lange die Regel war. Wenn jeder glaubt, selber alles besser zu wissen, oder sich von Mythen leiten lässt, kommt es dann besser heraus? Ich meine auch, dass wir heute die Folge des systematischen Schlechtmachens der sogenannten classe politique spüren. Sogar die SVP-Basis begehrt jetzt bei der Ecopop-Initiative gegen die eigene Parteileitung auf. Inzwischen herrscht fast Konsens: Politiker sind alle Deppen. Dabei hat der ehemalige deutsche Finanzminister Peer Steinbrück recht, der diese Woche in Zürich sagte: Es gibt eine Normalverteilung der Deppen, bei den Politikern sind es nicht mehr als anderswo.
Am Schlechtmachen der classe politique oder der Politik generell hat die Wirtschaft kräftig mitgewirkt, die in den 90er-Jahren alles deregulieren und privatisieren wollte.
Es gab eine Phase, wo die Wirtschaft die Politik verachtet hat, das stimmt. Ich meine, spätestens seit der Finanzkrise hat sich das geändert. Es ist aber auch schwieriger für ausländische Wirtschaftsführer, die mit dem politischen System der Schweiz weniger vertraut sind, zum besseren Verständnis zwischen Politik und Wirtschaft beizutragen. Das Primat liegt heute wieder bei der Politik. Der Vertrauensverlust ist aber nicht das einzige Problem. Wenn wir davor warnen, man gefährde mit gewissen Initiativen den Erfolg der Schweiz, kommt postwendend die Antwort: Ach was! Uns gehts doch gut, schaut mal in die EU, wo alles den Bach runtergeht!
So ist es doch, die Schweiz steht hervorragend da – auch dank der direkten Demokratie.
Einverstanden, ich habe ja auch nichts gegen die Volksrechte. Wir sind gut aufgestellt, aber unser Erfolg ist kein Naturgesetz. Wir stehen vor einer gewaltigen Transformation, und sie betrifft die Demografie. Die Babyboom-Jahrgänge, die nun pensioniert werden, neigen zu einer grossen Sehnsucht: Es sollte wieder so sein wie früher, weniger Verkehr, weniger Verbetonierung, weniger Dichtestress. Es ist eine Sehnsucht nach einem Land, das es gar nie gab. Das Problem ist, dass diese Generation derart viel Gewicht bekommen hat, dass sie zunehmend Abstimmungen entscheidet.
Die Alten bestimmen über die Jungen?
Eindeutig. Der Jahrgang der heute 70-Jährigen ist grösser als der Jahrgang der Einjährigen. Die Bevölkerungspyramide kippt. Mit der Einwanderung können wir diesen Effekt einigermassen auffangen. Denn die Einheimischen haben sich faktisch für eine Ein-Kind-Politik entschieden – im Gegensatz zu den Chinesen allerdings freiwillig. In der Stadt Zürich ist die Hälfte der Bevölkerung zwischen 18 und 65 Jahren Ausländer, bei den über 65-Jährigen sind dagegen 90 Prozent Schweizer. Das hat gewaltige politische Folgen: Die Sehnsucht nach der Vergangenheit wird mehrheitsfähig.
Spüren auch Sie diese Sehnsucht?
Wer keinen Dichtestress will, soll ins hintere Wägital gehen – oder an einen GC-Match (lacht). Aber wer will das schon? All jene, die den Dichtestress beklagen, wünschen sich ja gleichzeitig Urbanität und Lebhaftigkeit. Und war es früher denn anders? Ich erinnere mich, wie wir als Schüler keinen Platz mehr im 6er-Tram fanden und draussen auf dem Trittbrett mitfuhren. Und die Rämistrasse war bis zum Milchbuck verstopft. Hören wir doch auf, so zu tun, als sei das erst seit der Personenfreizügigkeit so.
Ist der Zukunftsglaube der Verlustangst gewichen?
Ich sehe einen Zusammenhang mit der Rentendiskussion. Wir geben bei Swiss Re den Mitarbeitern die Möglichkeit, den Zeitpunkt der Pensionierung bis 65 frei zu wählen, natürlich unter gewissen Bedingungen. Das macht betriebswirtschaftlich Sinn, aber auch politisch und gesellschaftlich. Denn wir müssen das Verhältnis zwischen aktiver und nicht-aktiver Bevölkerung stabil halten. Überspitzt gesagt: Es kann nicht sein, dass nur noch jene die Geschicke unseres Landes an der Urne bestimmen, die nicht arbeiten. Viele 65-Jährige möchten noch so gern weiterarbeiten.
Meistens scheitert es daran, dass die Arbeitgeber es nicht wollen. Schon 50-Jährige haben Mühe, eine Stelle zu finden.
Es bleibt den Unternehmern in Zukunft gar nichts anderes übrig, als ältere Arbeitnehmer zu beschäftigen – wegen der demografischen Entwicklung und wegen der Einwanderungsbeschränkungen. Hilfreich wären politische Anreize.
Was schlagen Sie vor?
Es geht nicht primär um das Rentenalter, sondern um die Pensionierungsberechtigung. Jeder soll mit 65 gehen können, aber nicht müssen. In den 90er-Jahren waren Frühpensionierungen im Trend. Warum? Weil die Babyboomer nachrückten und die Alten hinausdrückten. Jetzt kommt niemand mehr hinterher, das ist eine komplett andere Ausgangslage. Es könnte darum Sinn machen, das Arbeitseinkommen ab 65 steuerlich zu begünstigen.
Wer bis 70 weiterarbeitet, soll von tieferen Steuersätzen profitieren?
Oder besser: höhere Abzüge machen können. Dadurch könnte der Arbeitnehmer auch mit einem tieferen Lohn zufrieden sein, denn er muss weniger Steuern zahlen. So bliebe er auf dem Arbeitsmarkt konkurrenzfähig. Wir sollten – erstens – steuerliche Anreize setzen, sodass die Arbeitskosten ab einem bestimmten Alter nicht steigen, sondern sinken. Zudem sollte es – zweitens – möglich sein, die AHV aufzuschieben. Die Aufschiebung bis 70 ist zwar schon möglich, aber die versicherungstechnische Gutschrift für die Aufschiebung ist klar zu klein.
Was braucht es noch, damit die Schweiz erfolgreich bleibt?
Eine offene Aussenpolitik, die den Handlungsspielraum für die Unternehmen sichert. Wir brauchen ein gutes Netzwerk von Handels-, Steuer- und Integrationsverträgen. Leider sind wir aber daran, all das infrage zu stellen und einem Unabhängigkeitswahn zu opfern. Gewisse Kreise bemühen ja bereits wieder den Mythos von Marignano.
Niemand sagt, auch nicht die SVP, dass es keine Handelsbeziehungen brauche. Umstritten ist die politische Integration.
Die Bilateralen sind doch wirtschaftliche Verträge. Wenn sie wegbrechen, wäre es fatal zu meinen, sie liessen sich einfach so wieder neu schliessen. Es herrschen Wahnvorstellungen über unsere Prioritäten. Für unsere Unternehmen ist es enorm wichtig, dass die Schweiz ein verlässliches Land bleibt, das internationale Verträge einhält. Ginge es nur um die Steuern, könnten wir in Singapur längst viel günstiger leben.
Braucht es eine Reform der Volksrechte, konkret: höhere Hürden für Volksinitiativen?
Die direkte Demokratie ist zu unserer raison d’être geworden. Wir sind nur noch da, um abzustimmen. Dabei ist der ursprüngliche Gedanke dahinter ganz pragmatisch: Die Leute sollen über Dinge entscheiden können, die sie selbst betreffen. Wenn es nur noch darum geht, dass die Volksrechte dazu gebraucht werden, das internationale Recht infrage zu stellen, habe ich Mühe. Man stelle sich vor: Ausgerechnet die Schweiz, die das Menschenrecht mitgeschaffen hat, soll sich darum foutieren. Damit machen wir uns zur Lachnummer.
Sie sind FDP-Mitglied. Wann waren Sie das letzte Mal an einer Parteiveranstaltung?
Ich besuche regelmässig die Versammlungen der «Freunde der FDP». Ich habe in den letzten Jahren damit begonnen, mich wieder vermehrt um die Partei zu kümmern.
Materiell oder emotional?
Ich befasse mich mit den Problemen der FDP. Über die Parteien schimpft man ja heute auch gerne. Aber wir brauchen sie. Es sind die Parteien, die mehrheitsfähige Lösungen finden, das geschieht nicht in den Zeitungen, in der „Arena“ oder am Stammtisch.
Was sind die grössten Probleme der FDP?
Sie hat sich in den letzten Jahren etwas zusammengerauft. Das ist ja auch einfacher geworden, seit sie kleiner ist. Deshalb treten kleine Parteien oft auch geschlossener auf.
Der Freisinn, die ehemalige Staatspartei, ist also für Sie bereits eine kleine Partei?
Die meisten Parteigründungen sind Abspaltungen des Freisinns, von der BGB - heute SVP - bis zu den Grünliberalen. Das ging natürlich an die Substanz.
Wie sehen Sie die Zukunft des Freisinns?
Es gibt immer noch genug Leute, die eine konservative Fiskalpolitik wollen, einen schlanken Staat, eine liberale Gesellschaftspolitik und eine offene Aussenpolitik. 25 bis 30 Prozent der Wähler würden das unterschreiben. Dieses Potenzial schöpft die FDP aber nicht aus.
Sollten sich Wirtschaftsführer wieder stärker in der Politik engagieren, oder ist diese Zeit endgültig vorbei?
Es gab sie ohnehin nie, das ist eine Verklärung. Immer bemüht man das Beispiel von Ulrich Bremi, aber viel mehr waren da auch nicht. Auch Peter Spälti hatte, so ich mich erinnern kann, die grösste Mühe, seine verschiedenen Engagements in Beruf, Militär, Politik und Sport unter einen Hut zu bringen. Doch es stimmt, dass wir heute ein faktisches Berufsparlament haben. Das kritisiert Christoph Blocher zu Recht.
Fehlt dem Parlament das Verständnis für Wirtschaftsfragen?
Wer jahrelang in den Mühlen des Politbetriebs steckt, dem fehlt naturgemäss die Erfahrung in der Wirtschaft. Deshalb gibt es ja heute überall diese Treffen zwischen Wirtschaft und Politik, zwischen Kultur und der Wirtschaft und so weiter, wo man sich gegenseitig alles erklären muss. Im Militär sassen wir früher im Regimentsstab zusammen, dann waren da ein Lehrer, ein Beamter, ein Gewerbler und ein Bauunternehmer, und man tauschte sich aus. Dieses gegenseitige Verständnis ist verschwunden.
Wie schätzen Sie die makroökonomische Lage ein?
Die geldpolitische Situation ist höchst unbefriedigend. Seit Jahren wird versucht, mit billigstem Geld Wachstum zu erzeugen, und mit Ausnahme der USA scheint es nirgends zu funktionieren. Die Aussichten für Europa sind nicht gut. Es ist nicht ersichtlich, woher das Wachstum kommen sollte.
Was heisst das für die Aussichten der Swiss Re?
Die Margen im Rückversicherungsgeschäft waren in den vergangenen Jahren aussergewöhnlich hoch, doch nun geraten sie unter Druck. Wir müssen deshalb die Kosten anpassen. Gleichzeitig wollen wir in den aufstrebenden Märkten weiter wachsen. Wir sind selten so gut gerüstet in ein schwieriger werdendes Umfeld eingetreten.
Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper

Aktuelle Nachrichten