Fokus Gesundheit
Wenn sich der Schmerz verselbstständigt

Chronische Schmerzen ohne klaren körperlichen Befund sind keine Einbildung. Dank spezifischer Diagnose- und Behandlungsmethoden erhalten Betroffene Hilfe. Die Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG) beschreiten hier neue Wege.

Andreas Krebs
Merken
Drucken
Teilen
Fokus Gesundheit

Fokus Gesundheit

Gesundheit Aargau

Manuel K. hat seit Jahren drückende Schmerzen beidseitig im Kopf- und Nackenbereich. Medikamente und weitere Therapieversuche waren nur wenig erfolgreich. Auch Untersuchungen mit MRI-Aufnahmen zeigten keine Auffälligkeiten. Immer öfter meldete sich Manuel K. wegen der Schmerzen von der Arbeit ab, und bei seinen geliebten Töfffahrten mit Kollegen musste er meist passen. Er fühlte sich zunehmend niedergeschlagen und hoffnungslos.

Bekannter Krankheitsverlauf bei chronischem Schmerz

Das Schmerzerleben von Manuel K. entwickelte sich zu einem Leidensdruck, der nicht nur die Arbeitsfähigkeit, sondern auch soziale Kontakte massiv beeinträchtigte. Ben Brönnimann, Leiter Spezialsprechstunde Chronische Schmerzen bei den Psychiatrischen Diensten Aargau AG (PDAG), trifft diesen Krankheitsverlauf häufig an: «Neben körperlichen Beschwerden entstehen psychische und soziale Einschränkungen. Dies kann zur Chronifizierung des Leidens beitragen.»

«Die Unterteilung in psychische und in körperliche Schmerzen ist überholt.»

Schmerzempfindungen sind unangenehm und gleichzeitig überlebenswichtig. Sie warnen uns vor Gefahren und gehören zu einem unserer stärksten motivationalen Systeme. Schmerzen können jedoch zu einer eigenständigen Erkrankung werden. Es werden grundsätzlich zwei Schmerzarten unterschieden: akuter und chronischer Schmerz. Akut schmerz verschwindet in der Regel, wenn die verursachende Bedingung wegfällt, z. B. wenn der Rosendorn aus dem Finger entfernt ist. Chronischer Schmerz hingegen bleibt, auch nachdem seine körperliche Ursache behoben ist, länger als drei Monate bestehen und verliert seine Warnfunktion.

Der Umgang mit «psychischen» Schmerzen

Gelegentlich wird Schmerzpatienten unterstellt, sie bildeten sich die Schmerzen ein, denn diese seien «nur» psychisch bedingt. Ben Brönnimann differenziert: «Die Unterteilung in psychische und körperliche Schmerzen ist überholt. Moderne Forschungsergebnisse zeigen, dass kör perliche und seelische Vorgänge zusammen zu betrachten sind.» Zur Illustration: Eine Depression kann sich aus einem chronischen Schmerz entwickeln und gleichzeitig haben Depressive eine deutlich niedrigere Schmerzschwelle. Dabei weist Ben Brönnimann darauf hin, dass das Schmerzempfinden individuell ist und sich nicht objektiv messen lässt: «Schmerz kann man nicht sehen, weder in MRI-, noch in Röntgenaufnahmen oder in Laborwerten.» Behandlungsmethoden von chronischen Schmerzen wie Medikamente oder Operationen vernachlässigen häufig die Berücksichtigung psychischer und sozialer Auswirkungen, bemängelt Schmerzspezialist Ben Brönnimann. Dabei liege gerade hier ein Lösungsansatz, denn lang andauernde Schmerzen senkten Motivation, Stimmung, Entspannungsfähigkeit und Schlafqualität, was zu Ängsten, sozialem Rückzug und Medikamentenabhängigkeit führen kann. Für den besseren Umgang mit dem Schmerz sei deshalb die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen und Physiotherapeuten wichtig.

Erfolgreiche Schmerztherapie ist interdisziplinär

Es sei zentral, nebst dem Leidensdruck durch den Schmerz auch weitere Belastungen zu berücksichtigen und hilfreiche Ressourcen zu fördern, betont Ben Brönnimann. So hat Manuel K. ein schmerzpsychologisches Assessment aufgezeigt, dass er sich durch Versagensängste bei der Arbeit und im Privatleben häufig selber überfordert. Durch die Unterstützung von Schmerzpsychologen hat er seine Entspannungsfähigkeit und seinen Umgang mit Stress verbessern und so den Leidensdruck senken können.

«Neben körperlichen Beschwerden entstehen psychische und soziale Einschränkungen.»

Leidensdruck senken können. Auch hat er eine Entlastung erfahren, nachdem er seine Partnerin und seine Vorgesetzten in den Umgang mit seinem chronischen Schmerz mit einbezogen hat. Auch das ist Teil der modernen, interdisziplinären und ganzheitlichen Schmerztherapie. Wie Manuel K. können davon viele Betroffene profitieren, ist Ben Brönnimann überzeugt. Manuel K. freut sich derweil, dass er wieder arbeiten und Töff fahren kann – eine deutliche Steigerung seiner Lebensqualität.

Angebot für Schmerzpatienten in Aarau

Die Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG) bieten für Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen Spezialsprechstunden an. Ziel ist, den Schmerzpatienten eine zweckmässige interdisziplinär orientierte Abklärung und Behandlung zu ermöglichen. Weitere Informationen: Telefon 056 461 91 00, E-Mail: ambulatorium.aarau@ pdag.ch, www.pdag.ch.