Fokus Gesundheit
Wenn schnelle Unterstützung nötig ist

Die Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG) sind bei psychischen Notfällen und Krisen die erste Anlaufstelle im Kanton. Mitte Monat zieht das Team rund um Zentrumsleiter Michel Dang in den grossen Neubau. Auch sonst haben sie alle Hände voll zu tun.

Moira Cassidy
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Gesundheit Aargau

Geschichten wie das folgende fiktive Szenariospielen sich aktuell regelmässig ab: Heinz B., 56 Jahre alt, verliert nach 17 Jahren Firmenzugehörigkeit seine Stelle aufgrund der Coronakrise. Er fragt sich, wie es so weit kommen konnte. Das sei doch unfair, immerhin habe er fast zwei Jahrzehnte für das gleiche Unternehmen gearbeitet. Und jetzt die Kündigung! Ihn plagen finanzielle Sorgen und Existenzängste. Nach dem er wochenlang nicht mehr schlafen konnte und keinen Ausweg mehr sieht, kommen Suizidgedanken hinzu, die ihm Angst machen. Er begibt sich auf den psychiatrischen Notfall der PDAG. Im Gespräch zur Erstabklärung mit dem Leitenden Arzt Michel Dang erfährt Heinz B. erste medizinische und psychologische Unterstützung und erhält eine sozialpsychiatrische Beratung. Auch werden mit ihm mehrere Optionen zur Weiterbehandlung besprochen. Bei den PDAG gilt grundsätzlich «ambulant vor stationär», das bedeutet, dass –wenn immer möglich – eine ambulante Behandlung Vorrang vor einem stationären Eintritt hat.

Angebote für jede Lebenssituation

Für jede einzelne Patientin und jeden Patienten soll die optimale Behandlung für die aktuelle Situation gefunden werden. Zusätzlich zum eigentlichen Notfall gibt es im Zentrum für integrierte Notfallpsychiatrie und Krisenintervention (ZINK) weiterführende Angebote. Eine ambulante psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung ohne lange Wartezeit kann Heinz B. im Kriseninterventionsambulatorium erhalten. Befindet er sich beispielsweise in einer Krisensituation, die zwar einer kurzen Auszeit, aber keiner längeren stationären psychiatrischen Behandlung bedarf, wäre die Kriseninterventionsstation eine geeignete Wahl. Dort werden Patienten bis zu zehn Tagen stationär aufgenommen. Ist eine längere psychotherapeutischen Behandlung zur Vorbereitung und Begleitung einer Arbeitsintegration nötig und besteht seitens des Patienten gleichzeitig der Wunsch, seine Abende
und Wochenenden zu Hause zu verbringen, ist die Akut-Tagesklinik mit ihren 20 Plätzen eine massgeschneiderte Lösung. «So behalten Patienten ihre Selbstständigkeit und verlieren nicht den Anschluss im Alltag», erklärt Michel Dang. Eine weitere, äusserst innovative Behandlungsform, die von den PDAG in einer Vorreiterrolle in die psychiatrische Versorgung integriert wurde, ist das Home Treatment.«Diese Form der Behandlung erfolgt in der gewohnten Umgebung zu Hause und ist beispielsweise bei Müttern mit Kleinkindern sehr sinnvoll.»

Bei allen vier Varianten arbeitet das Klinikteam interprofessionell: Nebst der psychiatrisch-psychotherapeutischen Unterstützung erhält Heinz B. auch konkrete sozialpsychiatrische Unterstützung wie Hilfestellung zur Anmeldung bei den Sozialversicherungen (z.B. RAV), Vermittlung von externen arbeitsrechtlichen Beratungsstellen und auch eine Vorbereitung zur Arbeitsintegration. So werden Patienten umfassend begleitet mit dem Ziel, dass sie sich möglichst rasch wieder in den Alltag integrieren können.

Jede Geschichte ist komplex und aussergewöhnlich

Michel Dang sitzt am Arbeitstisch in seinem Büro. Als Zentrumsleiter und Leitender Arzt des ZINK gehören auch administrative Tätigkeiten zu seinen Aufgaben. Auf die Frage nach aussergewöhnlichen Fällen auf dem Notfall lächelt er:«Für uns ist jeder Patient mit seiner individuellen Lebensgeschichte, seinem Umfeld und seiner Erkrankung komplex und aussergewöhnlich. Täglich stellen sich hier Menschen vor, die das gesamte Spektrum der psychiatrischen Erkrankungen abdecken.»

Dennoch nennt er einen exemplarischen Fall eines 18-jährigen Patienten, der in seinem Leben nicht Fuss fassen konnte und stattdessen seine ganze Zeit zu Hause verbrachte. «Er hatte keinen Antrieb, seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Seine Eltern sorgten sich und begleiteten ihn auf den psychiatrischen Notfall. Gemeinsam mit dem Behandlungsteam, bestehend aus Pflegefachpersonen, Psychologen und Ärzten, erarbeiteten wir einen langfristigen Behandlungsplan, um eine persönliche und berufliche Perspektive zuentwickeln.» Häufig kämen auch Menschen auf den Notfall, die zum ersten Mal in eine Depression geraten und selber nicht verstehen, was mit ihnen geschieht. «Sie finden nicht mehr selbstständig aus dem Teufelskreis von negativen Gedanken und Antriebslosigkeit heraus. In solchen Fällen werden betroffene Personen meist von ihrem Hausarzt den PDAG zugewiesen.»

Breite Erfahrung und viel Fingerspitzengefühl

Die Nachfrage ist in den letzten Jahren steigend.«Man holt sich heute sicherlich früher Hilfe bei psychischen Krisen als noch vor ein paar Jahren», erklärt Michel Dang. Ausserdem habe das ambulante Praxisangebot ausserhalb der PDAG durch den Fachkräftemangel in der Medizin abgenommen. Dies führt teilweise zu längeren Wartezeiten. «Wenn aber beispielsweise bei einem Patienten eine nahe Verwandte
unerwartet verstorben ist, möchte er jetzt gleich Hilfe erhalten und nicht erst in drei Monaten», so Dang. «Dann werden bei den PDAG sofort mögliche Lösungen gesucht und passende Massnahmen eingeleitet.»
Auf dem psychiatrischen Notfall gestaltet sich für die Pflegefachpersonen, Psychologen und Ärzte jeder Tag anders. Es gibt keine Standardverfahren und Standardlösungen. Es bleibt somit herausfordernd und abwechslungsreich, sagt Michel Dang:«Von allen Mitarbeitenden auf dem Notfall verlangt dies eine breite Erfahrung, sehr viel Fingerspitzengefühl für die Situation und eine grosse Portion an Einfühlungs-vermögen.» Grund dafür sei, dass man zu den Patienten auf dem Notfall wenige Vorinformationen habe oder die Krankheitsgeschichte oft nur bedingt kenne und sich schnell auf die Krisenthematik einstellen muss.«Das macht unseren Job sehr intensiv und spannend.»