Dietikon
Wenn Mama immer traurig ist - leiden Kinder und Partner mit

Dietikon Um Familien, in denen ein Elternteil an einer psychischen Krankheit leidet, kümmern sich oft unzählige Fachpersonen. Diese sollten sich untereinander besser absprechen, fordert die Psychologin Christine Gäumann.

David Hunziker
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Im Kanton Zürich leiden rund 4000 Kinder unter der psychischen Erkrankung mindestens eines Elternteils.Thinkstock

Im Kanton Zürich leiden rund 4000 Kinder unter der psychischen Erkrankung mindestens eines Elternteils.Thinkstock

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Die Zahlen sind beeindruckend: Laut einer 2009 durchgeführten Studie von Kurt Albermann, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Kantonsspital Winterthur, leiden in der Schweiz über 20'000 Kinder an der psychischen Erkrankung mindestens eines Elternteils.

4000 sollen es allein im Kanton Zürich sein. Bei diesen Kindern besteht erwiesenermassen eine erhöhte Gefahr, dass sie selber eine psychische Erkrankung entwickeln.

Dennoch ist das Schicksal dieser Kinder nicht in Stein gemeisselt. «Erfahrungen werden lebenslang überarbeitet und durch nachfolgende Erfahrungen modifiziert», lautet eine hoffnungsvolle Feststellung des Schweizer Psychoanalytikers Mario Erdheim.

Sprich: Auch wer in der Kindheit schlimme Erfahrungen gemacht hat, ist nicht zu einem schlimmen Leben verdammt. Auch die Hilfe von Fachpersonen kann dazu beitragen, Erdheims Aussage in Zukunft noch mehr Gewicht zu geben.

Viele Angebote geschaffen worden

Dass die Unterstützung von Fachpersonen jedoch gelingt, ist für die Familienpsychologin Christine Gäumann keineswegs garantiert.

«Wir müssen vernetzter miteinander arbeiten», lautet die Kernaussage eines Vortrags, den sie am Mittwochabend im reformierten Kirchgemeindehaus Dietikon hielt.

Auch bei der Betreuung von Familien, in denen mindestens ein Elternteil an einer psychischen Erkrankung leidet, gilt für sie: Zu viele oder besser, zu unorganisierte Köche verderben den Brei.

In ihrer Arbeit als Bereichsleiterin Adoleszentenpsychiatrie der Integrierten Psychiatrie Winterthur-Zürcher Unterland (IPW) wird Gäumann immer wieder direkt mit der Problematik konfrontiert.

Zur IPW gehört auch eine Beratungsstelle für Jugendliche. «70 Prozent der Jugendlichen, die sich an die Beratungsstelle wenden, haben mindestens einen Elternteil, der mit psychischen oder Suchtproblemen zu kämpfen hat», sagt Gäumann.

Noch vor zehn Jahren habe man die Probleme von Kindern psychisch kranker Eltern stark vernachlässigt. Das sei heute ganz anders, betont Gäumann: «Viele entsprechende Therapie- und Hilfsangebote sind geschaffen worden.»

Dennoch würden diese Angebote noch keine nachhaltige und gute Versorgung der betroffenen Familien garantieren.

«Es fehlt nicht an Hilfsangeboten», so Gäumann, «vielmehr haben wir es mit einem Dschungel an involvierten Fachpersonen zu tun, die teilweise auf widersprüchliche Weise auf eine Familie einwirken.»

Konkret nennt Gäumann zwei häufig auftretende Widersprüche, denjenigen zwischen Fachpersonen, die auf Erwachsene spezialisiert sind, und solchen, die auf Kinder spezialisiert sind; und denjenigen zwischen der Psychiatrie auf der einen Seite und dem Sozial- und Jugendhilfewesen auf der anderen Seite.

Ein Versuch, dem Problem der fehlenden Vernetzung entgegenzukommen, ist das 2014 aus einer ähnlichen Vereinigung hervorgegangene Institut Kinderseele Schweiz (IKS).

Das IKS strebt eine stärkere Vernetzung relevanter Institutionen an und unterstützt die Erforschung der Früherkennung und Behandlung von psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen.

Neben Gäumann gehören dem Stiftungsrat unter anderen auch EVP-Nationalrätin Maja Ingold, der Chemie-Nobelpreisträger Richard R. Ernst oder Thomas Zeltner, ehemaliger Direktor des Bundesamts für Gesundheit, an.

Aller Hilfe müsse immer der Grundsatz zugrunde liegen, die Selbsthilfekräfte – die Forschung spricht von Resilienz – der betroffenen Personen zu stärken, so Gäumann.

«Wir müssen den betroffenen Familien eine Sprache für das geben, was mit ihnen geschieht.»

Nur so könnten Fachpersonen dazu beitragen, dass diese Familien die psychischen Krankheitssymptome konstruktiv ins Familienleben integrieren und so einen Umgang mit der Krankheit finden können.