Schlieren
Wenn Esel von der Decke baumeln

Martin von Aesch liebt Geschichten und das Absurde. In seinem neuen Buch vereint der Autor beides.

Bettina Hamilton-Irvine
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In Martin von Aeschs Weihnachtsgeschichten hängt auch mal ein Esel von der Decke.

In Martin von Aeschs Weihnachtsgeschichten hängt auch mal ein Esel von der Decke.

Es ist ein Glück, dass Martin von Aeschs Grossvater ein Lügner war. Wer weiss, ob von Aesch sonst zum Geschichtenerzähler geworden wäre.

Denn sein Grossvater, von dem der Schlieremer Autor und Musiker schmunzelnd sagt, er sei der grösste Lügner gewesen, den es je gegeben habe, weckte in ihm die Liebe zur Geschichte.

Tatsächlich hört sich schon Dölf von Aeschs Lebensgeschichte an wie der Beginn eines Abenteuerfilms: Erst 23 Jahre alt war er, als er 1924 nach Sumatra auswanderte, wo er eine Plantage führte, auf Tigerjagd ging und die Besetzung der Insel durch die Japaner erlebte.

Als er drei Jahrzehnte später wieder zurück in der Schweiz ankam, brachte er nicht nur allerlei Exotisches mit wie einen Elefantenfuss, der als Schirmständer diente, sondern auch schillernde Erzählungen, von denen der kleine Martin von Aesch gar nicht genug bekommen konnte.

«Tigergeschichten» nannten die Kinder diese. «Wir wussten», sagt Martin von Aesch, «dass ein Grossteil davon erfunden war. Aber das machte uns absolut nichts aus. Wir wollten einfach gute Geschichten.» Und von denen hatte der Grossvater jede Menge zu bieten.

Schöne Fussstapfen

Martin von Aesch war 18 Jahre alt, als er selber anfing, zu schreiben – zuerst für die Limmattaler Zeitung, als Reporter für Kultur und Sport. Ein paar Jahre später, als er bereits Primarlehrer war, entdeckte er sein eigenes Talent für das Geschichtenerzählen und trat damit endgültig in die Fussstapfen seines Grossvaters.

«Sehr schöne Fussstapfen» seien das, sagt er heute. «Ich habe zwar noch nie einen Tiger geschossen, aber ich kann darüber erzählen.»

Erzählen kann Martin von Aesch aber noch ganz anderes. Die Ideen scheinen dem Sohn des 2008 verstorbenen Cabaret-Rotstift-Mitglieds Werner von Aesch nie auszugehen: «Ich könnte jeden Tag fünf Geschichten schreiben», sagt er.

Man müsse nur lernen, die Inspirationen auch zu erkennen. «Ich liebe es, auf einem Bänkli zu sitzen und Leute zu beobachten. Dabei kommen mir immer wieder Ideen.»

So liegt den meisten seiner Erzählungen eine alltägliche Begebenheit zugrunde – die dann im Normalfall noch mit einer grosszügigen Portion Absurdität angereichert wird. Den Geschichten in seinem neusten Buch, das eben erschienen ist, ging das auf jeden Fall so.

Bitte nicht moralisieren

Sieben Weihnachtsgeschichten sind es, die der 64-Jährige in einem wunderschön illustrierten und in weissem Stoff eingebundenen Buch mit dem Titel «Alle Jahre wieder» zusammengetragen hat.

Aber es sind weder klassische noch gewöhnliche Weihnachtsgeschichten. Zwar geht es um Familie, Weihnachtsbäume und Geschenke. Aber es baumelt durchaus auch einmal ein Esel von der Decke und das erstaunlicherweise, ohne dass man das unpassend fände.

Ungewöhnlich ist an den Geschichten aber auch, dass sie ganz ohne Religion auskommen. Und das bewusst. Die erste Weihnachtsgeschichte entstand nämlich, weil Martin von Aesch seinem Sohn, als dieser etwa vier Jahre alt war, am Heiligen Abend eine Geschichte vorlesen wollte – und keine fand, die ihm passte.

«Die meisten waren mir zu religiös oder zu moralisierend», erinnert er sich. Er wollte einfach das, was er auch sonst von einer guten Erzählung will: dass sie unterhaltsam ist, dass sie berührt und dass sie, im besten Fall, zum Nachdenken anregt. So schrieb er kurzerhand selber eine Weihnachtsgeschichte.

Das Ganze wurde zur Tradition: Seither erfindet Martin von Aesch jedes Jahr für das Fest der Liebe eine Geschichte – jedoch längst nicht mehr nur für den Sohn, der mittlerweile 36 Jahre alt ist, sondern für die ganze Familie.

«En verruckte Cheib»

Eine Auswahl davon als Buch veröffentlicht hat Martin von Aesch, der sonst vor allem Jugendbücher, Kolumnen und Lieder schreibt sowie jährlich rund 140 Mal an Schulen liest und 60 Konzerte gibt, auf vielseitiges Drängen seiner Familie.

Dazu entschieden habe er sich, weil er wisse, dass es viele Leute gebe, die nicht-religiöse Weihnachtsgeschichten suchten, sagt er. Bis das Buch, das er selber herausgegeben hat, fertig vor ihm lag, sollte es aber noch viele Monate dauern. Es sei ein intensiver und schöner Prozess gewesen, bei dem ihn ein «irrsinniges» Team begleitet habe.

Mit Bernhard Bamert, der die Illustrationen gemacht hat, spielt Martin von Aesch auch Musik. «En verruckte Cheib» sei das, sagt er. «Wenn er nicht spielt, dann zeichnet er. Immer und überall.» Und mit Jonas Niedermann, der für Gestaltung und Satz verantwortlich war, habe er schon immer einmal zusammenarbeiten wollen.

Mit dem Resultat, das er als «Herzensangelegenheit» bezeichnet, ist Martin von Aesch glücklich. Und welches Projekt würde er als nächstes gerne in Angriff nehmen? Er überlegt nicht lange. «Ein Buch über meinen Grossvater.» Darin würde er Dichtung und Wahrheit gegenüberstellen. Denn sein Grossvater, der habe den grössten Mist erzählt: «Aber das so grandios wie kein Zweiter.»

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