Langenthal
Wenn ein Arbeitseinsatz zum Glücksfall wird

Der soziale Arbeitsvermittler Etcetera an der Käsereistrasse 3 boomt und gibt vielen Menschen Motivation.

Urs Byland
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Carmen Schildknecht und Mitarbeiterin Irene Liechti im «Etcetera»-Büro an der Käsereistrasse 3. uby

Carmen Schildknecht und Mitarbeiterin Irene Liechti im «Etcetera»-Büro an der Käsereistrasse 3. uby

AZ

Suchen Sie kurzfristig eine Arbeitshilfe im Haushalt, eine Hilfe beim Umzug oder beim Aufstehen und zu Bett gehen? In Langenthal und sechs weiteren Städten im Kanton finden Suchende bei «Etcetera - Soziale Arbeitsvermittlung» Hilfe.

Das Büro an der Käsereistrasse 3 ist die Drehscheibe für Auftraggeber einerseits, meist Privathaushalte und Firmen, und den Arbeitswilligen. Diese sind zum grossen Teil Sozialhilfebezüger, denen der Sozialdienst die Vermittlungsstelle Etcetera empfohlen hatte.

«Die Leute melden sich freiwillig bei uns und wir versuchen sie zu vermitteln», erklärt Carmen Schildknecht. Sie ist Fachbereichsleiterin BIAS (Beschäftigungs- und Integrationsangebote der Sozialhilfe) und von Bern aus auch zuständig für das «Etcetera» Langenthal.

Eine weitere Personengruppe, die sich für Arbeitseinsätze meldet, sind die Working Poor, also Arbeitende ohne ausreichendes Einkommen.

«Etcetera» erhält die meisten Aufträge von Privathaushalten. Etwa 80 Prozent der Anfragen betreffen Arbeiten im Haushalt, Reinigung oder Garten. Im Preis von «Etcetera» sind alle Sozialkosten mitgerechnet. «Der Privatkunde muss sich nicht um Pensionskasse und Versicherungen sorgen, das übernehmen wir, was auch eine schöne Prävention gegen Schwarzarbeit darstellt», sagt Schildknecht.

Der Auftraggeber zahlt

Fr. 26.45 pro Stunde. «Etcetera» gibt davon Fr. 19.10 an die Arbeitnehmer weiter und bezahlt die Lohnnebenkosten. Es komme vor, das eine Firma einen Temporäreinsatz für eine 50- oder 100-Prozent-Stelle benötigt. «In der Regel vermitteln wir aber Stundeneinsätze. Und es sind eher niederschwellige Arbeiten, die wir anbieten können.» Zu den Aufträgen kommt «Etcetera» durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Geld für Werbung ist kaum vorhanden.

Eine neue Sparte, die «Etcetera» ausbauen will, ist die Heimpflege. «Es gibt nach wie vor viele Leute, die sich die Spitex-Tarife nicht leisten können, die aber angewiesen sind auf ganz niederschwellige Arbeiten wie Einkaufen oder Körperpflege», sagt Carmen Schildknecht. Dieser Ausbau erfolgt in Absprache und in Zusammenarbeit mit der Spitex.

Gefragte Dienstleistung

Im «Etcetera» erhalten die Arbeitswilligen einen Lohn, den sie aber der Sozialhilfe deklarieren müssen. «Unter dem Strich erhalten sie nicht mehr Geld.» Arbeitet aber eine Person ein Pensum von 100 Prozent, erhält er eine Motivationszulage zum Sozialgeld in der Höhe von maximal 300 Franken. Im letzten Jahr vermittelte das «Etcetera» 14 288 Arbeitsstunden. So viele wie noch nie, seitdem das Büro 1999 vom Schweizerischen Arbeiterhilfswerk (SAH) Kanton Bern in Langenthal eröffnet wurde. 2011 haben knapp 100 Personen in 890 Einsätzen für 299 Kundinnen und Kunden gearbeitet.

Trotz aller Erfolge wird die eigene Arbeit auch kritisch betrachtet. SAH-Co-Geschäftsleiter Roland Aeschlimann zum Arbeitsbereich, in dem das «Etcetera» tätig ist: «Auch wenn wir uns soziale Arbeitsvermittlung nennen, vermitteln wir Leute in prekäre Arbeitssituationen hinein: sie sind relativ schlecht bezahlt und sie können nur auf Abruf arbeiten.» Die Anzahl der Menschen, die in einer solchen Situation ihr Brot verdienen müssen, nimmt stark zu. «Man geht davon aus, dass in der Schweiz bereits ein Drittel der Menschen so arbeiten müsse.»

Die Hoffnung, Leute in den ersten Arbeitsmarkt zu lotsen, ist klein. «Es kommt manchmal vor. Im letzten Jahr fanden im ganzen Kanton 18 Personen dank den ‹Etcetera›-Einsätzen eine Stelle. Das waren meist Glücksfälle.»