Sozialinspektoren
Wenn der Sozialinspektor anruft, statt klingelt

Fast jeder Sozialdienst greift auf Inspektoren zurück – und die greifen gerne nach Aufträgen Sozialhilfemissbrauch

Johannes Reichen
Merken
Drucken
Teilen

Limmattaler Zeitung

Noch hat kein Sozialinspektor an der Tür eines Sozialhilfebezügers in Huttwil oder Sumiswald geklingelt. Seit Anfang Juli hätte der Sozialdienst Region Trachselwald aber die Möglichkeit, Sozialinspektoren einzusetzen. Der Druck durch die Öffentlichkeit, sagt Präsidentin Verena Ramseier, habe den Gemeindeverband dazu bewogen, bei Bedarf auf dieses Mittel zurückzugreifen. «Vor allem durch die Medien ist Misstrauen geschürt worden.» Darunter leide auch ihre Behörde, und so habe man das Angebot des Kantons angenommen (siehe Kasten). So arbeitet Trachselwald jetzt mit einer Firma zusammen, die Sozialinspektoren in verdächtige Haushalte schickt. «Bis jetzt gab es jedoch noch keinen Fall», sagt Ramseier.

Wenn das so weitergeht, wenn nie ein Inspektor klingeln muss an einer Tür, dann klingelt vielleicht bald mal das Telefon. Beim Sozialdienst.

«Die Erwartungshaltung ist gross»

Warum das so ist, das erfährt man beispielsweise von Fred Schlatter, dem Leiter des Regionalen Sozialdiensts Roggwil. Der verzichtet zumindest vorläufig auf Inspektoren. «Bevor wir nicht einen konkreten Fall haben», sagt er, «werden wir keinen Vertrag abschliessen.» Das hat einen Grund: «Wie ich in der Stellenleiter-Konferenz gehört habe, ist die Erwartungshaltung der Firmen gross, dass sie auch Fälle bekommen.»

Zumindest im Oberaargau arbeiten alle Sozialdienste mit demselben Unternehmen zusammen, sofern sie auf Detektivarbeit setzen wie etwa Langenthal, die Region Niederbipp oder die Region Trachselwald: mit der ABS Betreuungsservice AG in Pratteln und deren Abteilung Leistungsabklärungen/Sozialinspektoren in Egerkingen. ABS war bereits beim kantonalen Inspektoren-Pilotversuch engagiert und unterhält derzeit laut Verwaltungsratspräsident Ernst Klauser Verträge mit rund 20 bernischen Sozialdiensten, die in gegen 50 Gemeinden tätig sind. Auch von ihm erfährt man, dass ABS nicht nur Verträge abschliessen, sondern auch Fälle bearbeiten will. Und aktiv dafür sorgt.

«Im Schnitt rufen wir einmal pro Quartal bei den Sozialdiensten an.» Es sei nun mal so, dass die Sozialdienste unterschiedlich intensiv ihre Fälle bearbeiteten. «Jetzt hätten sie die Chance, ein paar spezielle Dossiers zu untersuchen», sagt Klauser. Darum sollten sie diese Möglichkeit jetzt nutzen, findet er. «Von einem aggressiven Vorgehen kann aber keine Rede sein», sagt Klauser.

Noch hätte er was von den Untersuchungen. Mit dem Ende der Übergangsfrist am 31. Dezember 2011 aber laufen die Verträge von ABS und den bernischen Gemeinden aus. Doch das macht ihm keine Sorgen, die Fälle würden im normalen Rahmen weiterbearbeitet. «Wir haben niemanden neu eingestellt.» ABS übt die Sozialinspektoren-Tätigkeit mit 500 Stellenprozent aus und hat Kapazitäten für neue Klienten.

«Kurz vor der Einführung»

«Wir stehen kurz vor der Einführung», sagt Martin Röthlisberger, Leiter der Sozialabteilung Herzogenbuchsee. «Das ist ein sinnvolles und ergänzendes Instrument, das hilft, die Glaubwürdigkeit herzustellen.» Ausgehend von der allgemeinen Annahme, dass 2 bis 5 Prozent der Bezüger in der die Sozialhilfe nicht alle Einkünfte deklarieren, würden das im Jahr etwa ein halbes Dutzend Fälle sein. Verhandlungspartner: ABS.

Zudem hat gestern Gerda Graber, Gemeindeschreiberin von Aarwangen und eben aus den Ferien zurückgekehrt, ein entsprechendes Papier auf ihrem Schreibtisch vorgefunden. «Es liegt ein Antrag der Sozialkommission vor», bestätigt sie. Gewünschter Partner: ABS.