Langenthal
Wenn der Burn-out-Patient den Whisky gewinnt

Poesie ist was für ältere Herren und Damen, für die Gebildetsten, für Philosophen. Das mag vielleicht mal so gewesen sein, doch beim 8. Poetry-Slam im Chrämerhuus zelebrieren junge Poeten ihre Wortgewandtheit auf der Bühne.

Julian Perrenoud
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Solothurner Zeitung

Poesie ist was für ältere Herren und Damen, für die Gebildetsten, für Philosophen. Das mag vielleicht mal so gewesen sein, doch seit Poetry-Slam in der Schweiz Fuss gefasst hat, verbreitet es sich in kleinen Kreisen wie ein Virus. Dieses Virus zieht junge Menschen auf die Bühne, wo sie sich selber etwas beweisen können – und dem Publikum ihre Künste mit dem gesprochenen Wort. Die Sprache verkümmert in unserer digitalisierten Welt? Zumindest nicht im Chrämerhuus. Zum achten Mal kämpfen Slam-Poeten im vollen Saal um den Titel, eine Flasche Whisky und einen Baumaschinen-Simulator. Ersteres wohl zur Inspiration, letzteres wozu auch immer.

Studentenleben

Kennen Sie Studenten? Gregor Stäheli kennt viele, denn er ist selber einer. Der Basler erzählt davon, wie er maximal dreimal wöchentlich die Uni aufsucht, in der Vorlesung auf ausgedruckten Powerpoint-Folien kritzelt, damit es scheint, er schreibe fleissig mit. Wie er abends in seiner WG alles in eine Ecke schmeisst. Auch sich selber. Wie er vor dem Fernseher endet und ziellos durch die Programme zappt, bei einem Znacht mit viel Fleisch und wenig Gemüse. Und dieses sowieso nur für den Farbkontrast. Wie er nachts zweimal den Wecker stellt, auf acht und halb zehn Uhr. Einmal für das gute Gewissen, und einmal um aufzustehen.

Wie er einer älteren Dame im Bus den Platz nicht freigibt und dreist sitzen bleibt, obwohl er eigentlich aussteigen müsste. Bier, Nikotin und Party, seine Lunge gleicht einer Ansichtskarte von Seaworld. Das ist die fabelhafte Welt der Amnesie des Gregor Stäheli, für die er tosenden Applaus erntet. Trotz Klischees dürfte sich der eine oder andere Student mancherorts wiedererkannt haben.

Totaler Erfolg oder Weltuntergang

Beim Chrämerslam darf auf die Bühne, wer etwas mit der Sprache anstellt. Sechs Minuten, keine Hilfsmittel und nur selbst geschriebene Texte. «Wir wollen keinen MC Goethe», sagt Valerio Moser, Organisator des Slam-Abends. Die Zuschauer bewerten die sieben Kandidaten mit Punkten von ein bis zehn und bewerfen am Ende die zwei Finalisten mit farbigen Plüschtierchen.

Kilian Ziegler aus Trimbach liegen nach über zwei Stunden die meisten davon zu Füssen. Schon im Halbfinale und in der Vorrunde begeistert er mit einem Einblick in sein sorgloses Leben, das einzig der Entspannung Raum gewährt. So sehr, dass er beinahe in Burn-out-Gefahr schwebt, «denn ich bin wie Saddam, lasse mich oft baumeln.»

Er zelebriert die Siesta, darauf folgt der wohlverdiente Mittagsschlaf. Sowieso schlafe er täglich acht Stunden – und nachts nochmals so viel. Etwas aber irritiert ihn: «Wenn in der Ruhe die Kraft liegt, bin ich erstaunlich unmuskulös.» Sein Leben ist wie ein Spiel der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft, meistens passiert also gar nichts.

Nichts zu holen gibt es für zwei Teilnehmer, denen sofort anzusehen ist, was beim Slam-Poeten nicht anzusehen sein darf: Nervosität, Unsicherheit. Sanft schiebt Valerio Moser den einen nach sechs Minuten von der Bühne, als er nicht aufhören will, zu reden.

Punkten hingegen ergattert die einzige Frau, Lisa Christ, die es bis in den Final schafft. Dies verdankt sie ihrem unerschütterlichen Optimismus, denn das nächste Jahr werde ihr Jahr. Aufnahme an der Hochschule, ein Blick, der sogar Berlusconi in die Flucht schlägt, einen Extramuskel an der Wade, um in Highheels zu laufen, einen Virus in ihrem Körper, aus dem sich ein Serum gegen Krankheiten gewinnen lässt und die Haut rein hält, aber ein bisschen brauner macht. Und wenn das alles trotzdem nicht eintreffen sollte, bleibe ihr Ende 2012 immer noch der Weltuntergang.

In der Monopoly-Welt

Ein anderer Künstler hingegen verfrachtet die Welt auf ein Monopoly-Brett, jagt in halsbrecherischem Tempo von Stadt zu Stadt, palavert vom Zürcher Paradeplätzlein, scharfen Miezen und hohen Mieten. Entspannen lässt sich da eher beim Deutschen, der nach seiner langen Zugfahrt von Weil am Rhein ein trauriges Sommergewitter in Form einer Ballade über Langenthal niedergehen lässt.

Von noch weiter her kommen die Berliner Wortakrobaten Frank Klötgen und Wehwalt Koslovsky, die zwischen Zofingen und Bern kurz rasten, um die Geschichte von Schillers «Der Taucher» ab Strophe 27 zu Ende zu erzählten. Von einem «Täucher» ist die Rede, einem güldnen Neopren-Anzug und einem Wels, an dessen Bartel noch Hundejungen hängen. Wer hätte das gedacht.

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