Weltsensation in Zürich: Bereits 12 Föten operiert

Martin Meuli ist einer von etwa 15 Chirurgen weltweit, die pränatale Operationen durchführen – Zürich ist eines der führenden Kompetenzzentren.

SaW Redaktion
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Martin Meuli (Mitte) operiert ein Kind noch im Mutterleib. Foto: zvg

Martin Meuli (Mitte) operiert ein Kind noch im Mutterleib. Foto: zvg

Schweiz am Wochenende

Von Dominic Kobelt
Martin Meulis Patienten sind erst 25 cm gross und 500 Gramm schwer – er operiert Kinder, noch bevor sie geboren wurden. Vor drei Jahren hat Meuli diese Pioniertat zum ersten Mal am Universitäts-Kinderspital Zürich durchgeführt. In der Zwischenzeit hat er zwölf Föten operiert.
Etwa jedes tausendste Kind ist von der Fehlbildung Spina bifida betroffen, einem offenen Rücken. Die Beschwerden und Behinderungen sind von der Lage des Defekts (je höher, desto schlimmer) und vom Ausmass abhängig. Die Nerven und das ausgestülpte Rückenmark werden in ihrer Funktion gestört. Das führt zu Muskellähmungen, Empfindungsstörungen, zu Fehlstellungen und Deformierungen an Gelenken und zu Störungen der Blasen- und Darmfunktion. Da Rückenmark und Gehirn zusammenhängen, kann durch eine Zirkulationsstörung des Gehirnwassers ein sogenannter Wasserkopf entstehen. Etwa 70 Prozent der Paare entscheiden sich zur Abtreibung.
Der Eingriff dauert zwei Stunden. Sind Mutter und Kind narkotisiert, wird der Mutter die Bauchhöhle geöffnet. Mittels Ultraschall finden die Ärzte eine sichere Stelle für die Öffnung der Gebärmutter. Dem Fötus wird dann der offene Rücken (die Stelle ist 3x2 cm gross) mit der gleichen Technik verschlossen, wie es nachgeburtlich gemacht würde: es werden mehrere Gewebeschichten als Schutz über dem extrem empfindlichen Rückenmark angebracht. Während der Operation geht Fruchtwasser verloren, das ersetzt wird, bevor die Gebärmutter und die Bauchhöhle wieder verschlossen werden.
Bisher hat Meuli zwölf solcher Operationen durchgeführt, eine davon in Belgien. «Es gibt einen Trend zu mehr pränatalen Operationen, allerdings lässt sich das statistisch aufgrund der wenigen Fälle nicht eindeutig festmachen», erklärt der Chirurg. Er habe den Eindruck, es gäbe laufend mehr Akzeptanz und Kenntnis über die vorgeburtlichen Operationen. «Eine Frau muss auf die Möglichkeit der pränatalen Operation aufmerksam gemacht werden, wenn der Fötus einen offenen Rücken hat.»
Von den Frauen, die zur Beratung kommen, werden nur etwa 20 bis 25 Prozent operiert. «Es gibt klare Ausschlusskriterien: Wenn es sich um Zwillinge handelt, oder wenn die Frau bereits eine Frühgeburt hatte, dann ist der Eingriff beispielsweise nicht möglich.»
Meuli war weltweit einer der Ersten, der diese Operation durchgeführt hat. In Zürich wurde das Verfahren zum ersten Mal ausserhalb der USA nach den strengen Standards durchgeführt, die aus der sogenannten MOMS-Studie hervorgingen. Diese hat gezeigt, dass durch die Operation am Fötus die Auswirkungen des offenen Rückens klar eingedämmt werden können. Allerdings bleibt das Kind behindert – eine vollständige Heilung ist nicht möglich. Und der Eingriff birgt Risiken: Er kann zur Frühgeburt, einem Verlust von Fruchtwasser und anderen Komplikationen führen.
Wie erfolgreich die Eingriffe in der Schweiz bisher waren, kann Meuli noch nicht im Detail erläutern. Die Fallzahl sei noch zu klein und die Beobachtungszeit zu kurz. «Ich kann aber sagen, dass wir auf einem ähnlich guten Weg sind wie unsere Kollegen, die die Studie in Amerika durchgeführt haben.» Die Notwendigkeit einer Wasserkopfoperation habe sich halbiert, die meisten Kinder zeigten eine klar bessere Beinbeweglichkeit, und die Blasenfunktionsstörungen scheinen weniger ausgeprägt.
Zürich arbeitet eng mit dem weltweit führenden Zentrum für pränatale Chirurgie in Philadelphia zusammen. Bei den ersten Operationen assistierte ein amerikanischer Spezialist, der jetzt noch in beratender Funktion bei jeder Operation anwesend ist. Möglich wären weitere Operationen am Fötus: Beispielsweise könnte das Team in Zürich einen bedrohlichen Lungentumor vor der Geburt entfernen. Bis jetzt kam es zu Beratungsgesprächen, aber noch zu keiner Operation. «Das ist zum Glück noch viel seltener. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis wir auch eine solche Operation durchführen», sagt Meuli.
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