Mühleberg I
Weiterhin offene Sicherheitsfragen bei AKW Mühleberg

Die Sicherheit im AKW gab und gibt Anlass zur Diskussion. Die Erdbebensicherheit und die Gefahr wegen Überflutung sind am bestehenden AKW in Mühleberg noch immer unklar.

Samuel Thomi
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Wohlensee und geplantes (M.) sowie bestehendes AKW. Montage: BKW/zvg Wohlensee und geplantes (M.) sowie bestehendes AKW. Montage: BKW/zvg

Wohlensee und geplantes (M.) sowie bestehendes AKW. Montage: BKW/zvg Wohlensee und geplantes (M.) sowie bestehendes AKW. Montage: BKW/zvg

Solothurner Zeitung

Die Atomkraftwerke Fukushima und Mühleberg I stehen sich näher, als vielen dieser Tage zu wissen lieb ist: Derselbe Reaktortyp, gleicher Hersteller, ähnliches Baujahr. Während der Kernmantel in Mühleberg seit 15 Jahren mit vier Zugankern zusammengehalten wird, musste das AKW-Herzstück in Fukushima wegen vergleichbaren Rissen ersetzt werden.

Doch: Im Gegensatz zum japanischen Problem-Meiler, der eigentlich Ende April hätte stillgelegt werden sollen, tobt um die Abschaltung Mühlebergs seit Jahren ein heftiger Kampf. Ursprünglich wurde das Aus 2012 angesetzt. Vor anderthalb Jahren entschied jedoch der Bund, auch dem bernischen AKW eine unbefristete Betriebsbewilligung zu erteilen. Nicht zuletzt aufgrund bislang nicht behobener Sicherheitsmängel kämpfen dagegen Tausende Einsprecher; Parteien, Verbände oder Städte wie Bern und jüngst auch Biel.

Ungenehme Grafik einfach herausgestrichen

Immer wieder gab und gibt die Sicherheit Mühlebergs zu heftigen Diskussionen Anlass. Zuletzt Ende Januar, als die atomkritische Gruppierung Fokus Anti Atom einen internen Mailverkehr zwischen der BKW Energie AG und der Resun AG publik machte. Als gemeinsame Projektentwicklungsgesellschaft aller AKW-Betreiber plant Letztere die neuen Atomkraftwerke – und musste 2009 auf Druck der BKW-Konzernkommunikation aus einem Foliensatz für eine Behördeninformation eine Grafik wieder herausstreichen. Der Grund: Man wolle «keine schlafenden Hunde» wecken, hiess es im Mail. Daher dürften die Resultate der neuesten Berechnungen eines Dammbruchs des oberhalb des AKW gelegenen Wohlensees nicht «allzu transparent» gemacht werden.

«Liest man diesen Satz, muss die Überflutungsgefahr dramatisch sein», so Jürg Joss von Fokus Anti Atom. «Dieses Mail ist für uns nach wie vor nur ein Hinweis, dass uns grössere Mängel vorenthalten werden», wiederholte der Bätterkinder gestern seine Kritik. «Wir kämpfen auf juristischer Ebene Seite um Seite für die nötige Einsicht in relevante Sicherheitsunterlagen.»

«Spezifische Extremsituationen»

Mit Blick auf die Atom-Katastrophe in Japan sagt Joss: «Auch wenn die Erdbebengefahr sowie die wahrscheinliche Intensität eines Erdbebens bei uns geringer ist, bleiben viele Risiken.» Und da setzt Joss’ harsche Kritik an der BKW ein. Noch immer habe der bernische AKW-Betreiber nicht alle Forderungen des Eidgenössischen Nuklearinspektorats (Ensi) erfüllt. Tatsächlich sind auf der online einsehbaren Ensi-Liste immer noch mehrere Projekte «in Bearbeitung», obwohl sie bereits seit zwei oder drei Jahren umgesetzt sein sollten. Darunter etwa eine Erdbebenanalyse für den Betriebszustand, eine für ein Beben, welches das AKW im Stillstand träfe, oder eine Baugrund-Untersuchung des AKWs aufgrund neuester Erdbeben-Erkenntnisse vom Herbst 2008.

Da inzwischen eine ordentliche periodische Sicherheitsüberprüfung des AKWs Mühleberg gestartet wurde, sei die Ensi-Liste nicht mehr auf dem neuesten Stand, erklärte gestern Anton Treier. Der Ensi-Sprecher konnte auf Nachfrage allerdings nicht sagen, welche Sicherheitsfragen inzwischen geklärt wurden und welche nicht.

«Im Dezember 2010 haben wir eine vollumfängliche neue Sicherheitsanalyse beim Ensi eingereicht», sagte gestern Abend dazu Antonio Sommavilla. Laut dem BKW-Sprecher umfasst diese auch «Szenarien wie Erdbeben, Überflutungen oder Brände». Daher sehe die BKW derzeit keinen Handlungsbedarf; «wir warten die Resultate der Prüfung durch das Ensi ab.» Sommavilla betont, das Kernkraftwerk Mühleberg sei auf «standortspezifische Extremsituationen» ausgelegt und habe «umfangreiche Sicherheitssysteme». Inwiefern bestehende Sicherheitsvorkehrungen aufgrund der Ereignisse in Japan neu beurteilt werden müssten, werde die Analyse der Ereignisse ergeben.

Mitarbeit: F. Muster