Bezirksgericht Dietikon
Waffenfanatiker verurteilt: «In den USA wären sie von der Polizei längst erschossen worden»

Bis an die Zähne bewaffnet wollte ein psychisch gestörter Mann bei einer Tankstelle jemanden umbringen. Gestern wurde er in eine stationäre Massnahme eingewiesen.

Attila Szenogrady
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Bezirksgericht Dietikon schiebt 18 Monate Gefängnis zugunsten einer geschlossenen Psychotherapie auf.

Bezirksgericht Dietikon schiebt 18 Monate Gefängnis zugunsten einer geschlossenen Psychotherapie auf.

Limmattaler Zeitung

«In den USA wären sie von der Polizei längst erschossen worden», sagte der Gerichtsvorsitzende Stephan Aeschbacher und sprach während der Urteilseröffnung vom hoch professionellen Verhalten von zwei Angehörigen der Kantonspolizei Zürich. Die Polizeibeamtin und ihr Berufskollege hatten am 19. März 2015 eine Tankstelle in Dietikon aufgesucht, um einen offenbar ausgerasteten Schweizer zu stoppen.

Fest steht, dass der heute 48-jährige Sozialhilfeempfänger bis an die Zähne bewaffnet war und wiederholt herumrief, einen «Scheissjugo» umbringen zu wollen. Er hatte sich mit mehreren Messern, Stahlketten, mit spitzigen Fleischerhaken, einem Baseballschläger, einem Beil sowie mit einer Axt ausgerüstet. Als ihn die Polizeipatrouille kontrollieren wollte, liess sich der Beschuldigte nicht beruhigen und schrie weiter herum. Wobei er die Klinge seines Klappmessers gegen die Geschädigten richtete und die Polizeibeamten als Dreckschweine betitelte. Er hörte auch nicht auf, als die Ordnungshüter mit einer Pistole und einem Taser auf ihn zielten. Sicher ist, dass noch Verstärkung eintraf und rund acht Polizeibeamte den Täter überwältigen konnten.

Psychisch gestörter Täter

Zum Tatmotiv ergaben die Ermittlungen, dass der psychisch gestörte Täter am Tattag per SMS versucht hatte, einen früheren homosexuellen Gelegenheitspartner unter Androhung zu einem Treffen zu bewegen. Als der Ex-Freund dennoch ablehnte und durch einen Kollegen aus dem Balkan den abschlägigen Entscheid ausrichten liess, rastete der Beschuldigte aus und forderte den von ihm beschimpften Boten zum Duell bei der Tankstelle auf. Bei seiner Ankunft schaltete eine schockierte Shop-Angestellte die Polizei ein.

Seit letzter Woche musste sich der Schweizer wegen strafbaren Vorbereitungshandlungen zu einer Tötung, mehrfacher Gewalt und Drohung gegen Beamte sowie versuchter sexueller Nötigung vor dem Bezirksgericht Dietikon verantworten. Während Staatsanwalt Adrian Kägi eine hohe Freiheitsstrafe von vier Jahren verlangte, setzte sich Verteidiger Thomas Wirz für eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen sowie die sofortige Haftentlassung seines Klienten ein. An der gestrigen Urteilseröffnung sorgte das Bezirksgericht Dietikon für eine Neuheit, indem es den 12-minütigen Videofilm über die Vorfälle an der Tankstelle abspielen liess. Darauf waren sowohl der Beschuldigte als auch die Polizeibeamten sichtbar.

Das Gericht sah aufgrund des Streifens diverse Vorwürfe der Anklageschrift als nicht erwiesen an. So beispielsweise die Darstellung des Staatsanwaltes, wonach der Beschuldigte wild mit einem Messer herumgefuchtelt habe. Er habe auch keine Axt hervorgenommen, führte der Gerichtsvorsitzende Stephan Aeschbacher aus. Es habe sich um ein erheblich weniger dramatisches Geschehen gehandelt, als in der Anklageschrift beschrieben, erklärte Aeschbacher.

Obwohl das Gericht dem Staatsanwalt in einigen Punkten widersprach, folgte es zum Schluss in wesentlichen Teilen der Anklage. So sprach es den Schweizer nicht nur der versuchten Nötigung, sondern auch wegen strafbaren Vorbereitungshandlungen zu einer Tötung sowie Gewalt und Drohung gegen Beamte für schuldig. Aufgrund einer schwer verminderten Schuldfähigkeit des Drogenkonsumenten setzten die Richter eine unbedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten fest. Wobei sie den Strafvollzug gemäss den Empfehlungen eines psychiatrischen Gutachters zugunsten einer stationären Massnahme zur Behandlung von psychischen Störungen aufschoben.

Präsident Aeschbacher wollte allerdings nicht von einer «kleinen Verwahrung» sprechen, da der Gutachter von einer geschätzten Therapiezeit von bis zu zwölf Monaten ausgegangen sei. Deshalb sei kaum anzunehmen, dass der Beschuldigte bis zu fünf Jahre weggesperrt würde, machte Aeschbacher sinngemäss geltend. Allerdings können noch alle Parteien Berufung gegen den Entscheid einlegen. Der Beschuldigte bleibt vorläufig im Gefängnis.

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