Zero Waste
Von der Kunst, ohne Abfall durchs Leben zu gehen

Keinen Abfall zu produzieren, ist das Ziel des Lebensstils Zero Waste. Die Bewegung pendelt zwischen Pragmatismus und vehementer Kompromisslosigkeit. Nun eröffnet in Winterthur der erste verpackungsfreie Laden.

Jigme Garne
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Unverpackte Waren sind das A und O für Zero Waste, das abfallfreie Leben: Lebensmittel im neuen Geschäft von Iris Huber und Adriana Puente. Johanna Bossart

Unverpackte Waren sind das A und O für Zero Waste, das abfallfreie Leben: Lebensmittel im neuen Geschäft von Iris Huber und Adriana Puente. Johanna Bossart

Für die ersten Schritte mit Zero Waste braucht es gar nicht viel. Anna Serra beginnt damit, dass sie beim Einkauf Stoffsäckli für Gemüse und Früchte mitnimmt, ausserdem kommt der«Coffee to go» in den mitgebrachten Becher mit Deckel. Und wenn sie Schinken kauft, was selten genug vorkommt, lässt sie ihn sich am Markt direkt in die Tupperware-Dose geben. Teigwaren und Reis kauft sie derzeit noch verpackt, aber nur in Karton- statt in Plastikverpackungen.

Die 22-jährige Winterthurerin beschäftigt sich erst seit kurzem mit Zero Waste. «Doch eigentlich war mir schon immer klar, dass Plastikverpackungen unsinnig sind. So wie alles, was nur für den einmaligen Gebrauch produziert und danach weggeworfen wird.»

Die Studentin liest sich nach und nach ins Thema ein. Sie hat gelernt, wie sie aus Kokosöl, Natron und Maisstärke einfach selber eine Deodorantcreme herstellt, und damit ist sie erst noch zufriedener als früher mit den gekauften Deos. Auch das Pulver für die Abwaschmaschine mischt sie selber, Putzmittel sowieso, und Seife und Shampoo kauft sie unverpackt in fester Form.

Mittlerweile verursacht der Zweipersonenhaushalt von Serra und ihrem Freund bloss noch einen 17-Liter-Sack Abfall alle drei bis vier Wochen. Sie sagt: «Zero Waste bedeutet für mich nicht Verzicht. Sondern vielmehr eine Befreiung von Unnötigem.» Sie nehme sich mehr Zeit, kaufe und koche bewusster als früher. «Zero Waste entschleunigt.»

Müll kommt mit dem Wohlstand

Müll gehört von jeher zur modernen Gesellschaft, jedoch haben die Mengen stark zugenommen. Laut dem Umweltbericht des Bundes ist die jährliche Abfallmenge in der Schweiz seit 1990 doppelt so schnell angestiegen wie die Einwohnerzahl. Heute landen pro Kopf und Jahr 700 Kilogramm im Abfallkübel, wie aus einer Erhebung der europäischen Umweltagentur hervorgeht. Das ist kontinentaler Negativrekord; in Deutschland sind es 600, in Italien 530 Kilogramm. Am wenigsten Abfall produziert mit 260 Kilogramm Albanien.

Das zeigt: Der Müll kommt mit dem Wohlstand. Wer viel konsumiert, wirft mehr weg. Der Zero-Waste-Lifestyle ist die ökologische Reaktion auf diese Entwicklung.

Offene Ohren bei Landwirten

Mit «Bare Ware» eröffnet in Winterthur diese Woche das erste Lebensmittelgeschäft, das ganz ohne Verpackungen auskommt. Biologische, regionale und faire Produkte sind die Eckpfeiler von Bare Ware, der verpackungsfreie Verkauf ist das Fundament. «Wir sind uns bewusst, dass Plastikverpackungen nur einen kleinen Teil der ganzen Erdölindustrie ausmachen», sagt Co-Geschäftsleiterin Iris Huber. «Uns geht es auch darum, den bewussten Konsum bekannt zu machen.» Damit meint sie die Verbraucherinnen und Verbraucher, aber auch die Produktionsseite. Ihre Geschäftspartnerin Adriana Puente sagt: «Es war erfreulich, wie viele Landwirte sich offen für unsere Idee zeigten und uns ihre Waren in Mehrweggebinden ausliefern.»

Das Einmachglas ist immer dabei

Die Glasbehälter und Baumwolltaschen gibt es im Depotsystem oder zum Kauf. Die Produkte selbst sollen preislich zwischen dem Biosortiment von Coop und Migros sowie den klassischen Bioläden zu liegen kommen.

In der Deutschschweiz gibt es seit kurzem drei weitere ähnliche ZeroWaste-Läden: zwei in Zürich, einen in Luzern. Wie so vieles stammt die Bewegung aus den USA, wo Bea Johnson mit dem Buch «Zero Waste Home» einen Trend ausgelöst hat.

Die Umweltaktivistin nutzt im Supermarkt nur den Offenverkauf für Fleisch, Fisch und Käse, wofür sie dann Einmachgläser dabei hat. Sie kennt alle Tricks, um Müll zu vermeiden. So putzt die vierköpfige Johnson-Familie die Zähne nicht mit Zahnpaste aus der Kunststofftube, sondern mit einer Mischung aus Backpulver und Stevia. Bea Johnson verzichtet auf Tampons und Binden, stattdessen benutzt sie Menstruationstassen. Und wenn sie auf Lese- und Vortragstour ist, hat sie ein Einmachglas dabei: Darin ist sämtlicher Abfall, der in ihrem Haushalt während eines ganzen Jahres angefallen ist.

«Keine belehrende Botschaft»

So sehr solche Bilder beeindrucken – in ihrer Radikalität schrecken sie auch ab. So wie manche Fleischesser Veganismus als Angriff auf ihren Lebensstil empfinden, könnten sie bei Normalverbrauchern Abwehrreflexe provozieren. «Das glaube ich nicht», sagt Iris Huber. Es liege ihr fern, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. «Wir möchten einzig einen Weg anbieten, bei dem weniger Plastikabfall entsteht. Es soll eine positive, keine belehrende Botschaft sein.»

Die beiden Jungunternehmerinnen kennen die Folgen von Massenproduktion und Plastikmüll. Iris Huber war nach ihrem ETH-Studium der Umweltnaturwissenschaften beratend in Energie- und Nachhaltigkeitsprojekten sowie in der Landwirtschaft tätig. Adriana Puente, Mexikanerin und seit vier Jahren in der Schweiz, hat in verschiedenen Projekten in Costa Rica, Tansania und Indien gesehen, wie sich über die Zeit Plastikabfälle an den Stränden ansammeln. In Mexiko führte sie ein Geschäft mit nachhaltigen Produkten, das bis heute besteht.

Radikal sind sie deswegen nie geworden. Für sie ist Zero Waste eine Maxime, nach der zu leben sich lohnt, aber kein Dogma. Beide leben bis heute nicht völlig abfallfrei. Weil es in normalen Läden Bioware meist nur eingepackt gibt, sei sie bisher Kompromisse eingegangen, sagt Puente.

Als Startkapital verwenden sie die je 5000 Franken, die sie als Fördergelder von den Umweltalumni der ETH und der Klimalandsgemeinde Winterthur erhalten haben. Weiter sammeln sie Bare-Ware-Mitglieder über die Plattform Differencelab.org: Der WWF-Ableger legt für jeden Mitgliederbeitrag in Höhe von 180 Franken zusätzliche 60 Franken drauf. Für die Mitglieder bietet Bare Ware künftig Workshops und Anlässe wie Kleidertauschbörsen.

Bewusstsein bei Kunden wächst

Bare Ware besetzt damit eine Nische; dass andere Läden mitziehen, ist noch nicht absehbar, wie das Beispiel Rägeboge zeigt. Der Winterthurer Bioladen führt zwar schon seit längerem ein Offensortiment, das auch Nüsse, Saaten wie Leinsamen, Trockenfrüchte und eine Müeslimischung umfasst sowie Reinigungsmittel zum Nachfüllen.

«Viele Kunden möchten heute Plastikverpackungen vermeiden, dieses Anliegen ist bestimmt gewachsen», sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Maren Weinthaler. Im Rägeboge auch Pasta, Reis oder Kaffee offen anzubieten, sei bisher aber kein Thema, weil die Produkte der grossen Biolieferanten nur verpackt zu haben sind. Aus persönlicher Sicht begrüsse sie Initiativen wie Bare Ware aber sehr, sagt Weinthaler. «Mich erinnert das an früher: Ich komme aus Ostdeutschland, und in der DDR war auch alles unverpackt – wenn auch aus anderen Gründen.»

Bare Ware, Steinberggasse 29, Winterthur. Geöffnet Montag bis Freitag 7 bis 20 Uhr sowie Samstag 10 bis 18 Uhr.

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