Papiersammlungen
Viele Schulen sammeln Altpapier nicht mehr ein

Der Trend spricht gegen Schulen, die Altpapier sammeln. Das Thema wird kontrovers diskutiert, Fragen der Sicherheit drängen sich auf. In der Region gibt es aber immer noch «Fans» der Papiersammlung.

jürg rettenmund
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In Langenthal sammeln die Kinder nach wie vor Altpapier. archivbild In Langenthal sammeln die Kinder nach wie vor Altpapier. archivbild

In Langenthal sammeln die Kinder nach wie vor Altpapier. archivbild In Langenthal sammeln die Kinder nach wie vor Altpapier. archivbild

Solothurner Zeitung

Ohne Papier geht nichts: Selbst wenn die Tatsache, dass die Papiersammlung in Wiedlisbach nicht mehr von der Schule durchgeführt wird, zum Fasnachtssujet wird, schlägt sich das auf Papier nieder: In der Fasnachtszeitung «Heregääger. «Wie seue die Chinder jetz lehre, was es heisst Schaffe», fragen die Narren dort.

«Mit der Frage, wie pädagogisch sinnvoll die Papiersammlung ist, geraten wir in einen Glaubenskrieg», erklärt Co-Schulleiter Ernst Franz Stalder vom Oberstufenzentrum Wiedlisbach. Dabei spricht er allerdings weniger über das Arbeiten, als über den Umgang mit dem Littering und Recycling, dem Wegwerfen und dem Wiederverwerten der Abfälle.

«Das ist an unserer Schule auch weiterhin ein Thema», erklärt Stalder. Es werde allerdings künftig anders vermittelt. «Zum Beispiel ist es durchaus möglich, einen ‹Littering-Tag› durchzuführen, an dem die Schülerinnen und Schüler den Strassen entlang Müll sammeln und so konkret erfahren, wie viel Abfall einfach nur weggeworfen wird.»

Keine Lösung im Verband

Dass die Oberstufe Wiedlisbach künftig nicht mehr Papier sammle, habe denn auch nichts mit diesem Thema Abfall zu tun, sondern mit der neuen Schulorganisation. Seit dem laufenden Schuljahr befindet sich in Wiedlisbach nicht mehr eine Sekundarschule, sondern ein Oberstufenzentrum, in dem alle Schüler aus Attiswil, Farnern, Oberbipp, Rumisberg und Wiedlisbach ab der 7. Klasse den Unterricht besuchen.

In diesem Verband sei eine Papiersammlung nicht einfach zu organisieren, gibt Stalder zu bedenken, und es gebe kaum eine vertretbare Lösung: Einerseits lasse es sich mit dem grösseren Anteil auswärtiger Schüler nicht mehr rechtfertigen, nur in Wiedlisbach zu sammeln, andererseits wäre eine Sammlung in allen Gemeinden zu aufwändig, umso mehr, als bisher jede Schule ihren eigenen Turnus gehabt habe.

Zu grossen Diskussionen in der Gemeinde führte der Entscheid der Schule nicht, wie Martin Frank, Präsident der Bau- und Verwaltungskommission und Gemeinderat, erklärt: Die Kommission entschied sich, die Sammlung durch die Gerber AG durchführen zu lassen, die auch den «normalen» Kehricht entsorgt. Sechsmal im Jahr führt diese eine separate Tour und holt das Papier am Strassenrand ab.

Vor- und Nachteile

Für die Einwohner hat dies den Vorteil, dass das Papier im Jahr zweimal häufiger wegkommt als bisher, wie Frank betont. Einen Nachteil verschweigt er allerdings auch nicht: Obschon das Papier auch bisher am Strassenrand deponiert werden musste, holten die Schüler dieses zum Teil auch direkt aus dem Keller – ein Service, der gerade von älteren Leuten geschätzt wurde.

Die Einwohner von Madiswil geniessen diesen Vorteil noch, obschon dort die Schule schon lange nicht mehr Altpapier sammelt, wie Finanzverwalter Kurt Wyssmann erklärt. Dort ist das Aufgabe des Turnvereins. Die Beine der Turner sind zwar nicht mehr so jung wie die der Schüler, dafür aber trainiert. Deshalb bieten auch sie diesen Service bei Bedarf an. «Man kennt sich im Dorf», erklärt Wyssmann, der als Mitglied des Turnvereins von früher her auch praktische Erfahrung mitbringt.

Umstritten hier, unbestritten dort

Der Trend geht eindeutig weg von den Schulen», erklären sowohl Johannes Kipfer wie auch Alain Probst. Kipfer ist Vorsteher der Abteilung Volksschule deutsch in der Erziehungsdirektion des Kantons, Probst in der Geschäftsleitung der Papierfabrik Utzenstorf zuständig fürs Altpapier (vgl. Text rechts). Weisungen oder Empfehlungen des Kantons für die Schulen gibt es nicht, erklärt Kipfer. Es gibt denn auch nach wie vor viele Schulen, die an den Papiersammlungen festhalten.

Zu ihnen gehören jene von Huttwil und Langenthal. Im Oberstufenzentrum Hofmatt in Huttwil sei das Thema zwar auch schon kontrovers diskutiert worden, hält Otto Herrmann fest, der dort für die Papiersammlung verantwortlich ist. «Die Mehrheit wäre glücklich, wenn die Gemeinde eine andere Möglichkeit für die Sammlung fände». Dies umso mehr, als die Schule in Huttwil das finanzielle Risiko der Sammlung trägt: Ist der Preis für Altpapier wieder einmal im Keller, fällt auch ihr Ertrag geringer aus, den sie für Lager und Ausflüge einsetzen kann.

«Persönlich etwas leisten»

Das Problem der Sicherheit beim Einsatz lasse sich lösen, ist sich Herrmann mit René Bissegger einig. Bissegger ist Stellvertreter des Schulleiters im Schulhaus Hard, koordiniert in Langenthal die Sammlungen und ist im Hard selbst dafür verantwortlich. In Huttwil erhalten alle Kinder Leuchtwesten, auf den Traktoren fahren zudem Lehrer mit. Im Langenthaler Hard werden die Sammelcontainer von der Papierfabrik Utzenstorf dezentral verteilt, sodass die Schüler die Aarwangenstrasse gar nicht und die Bützbergstrasse möglichst wenig überqueren müssen. Der Werkhof stellt Warnschilder für die Automobilisten auf, und eine besonders heikle Häusergruppe erledigt Bissegger selbst.

Im Kollegium Hard sei die Papiersammlung in den letzten zehn Jahren nie infrage gestellt worden, erklärt Bissegger, der sich selbst als «Fan» der Papiersammlung bezeichnet. Mit Herrmann ist er sich einig, dass die Schüler bei der Papiersammlung in kleinen Gruppen Verantwortung für eine öffentliche Aufgabe übernehmen können, wie sonst kaum in der Schule. «Wenn die jeweils eingesetzten sechs bis acht Klassen am Ende des Tages 100 Tonnen Bündel eingesammelt haben, so sieht jeder, dass er persönlich etwas geleistet hat», verdeutlicht dies Herrmann.

Gemeindeversammlung sagt Ja

Was in Wiedlisbach zu Fasnachtsversen Anlass gibt, kennt Herzogenbuchsee bereits seit Jahren: Die Abfuhr des Altpapiers. Dort hätten Sicherheitsüberlegungen den Ausschlag gegeben, auch wenn diese Lösung etwas teurer sei, erklärt Gemeindeverwalter Rolf Habegger.

Vor zwei Jahren umgestellt hat Kirchberg. Damals hatten mehrere Unfälle in der Schweiz die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert. Weil die Umstellung im Zusammenhang mit einer generellen Neuorganisation der Abfallentsorgung geschah, konnte sogar die Gemeindeversammlung zur nötigen Reglementsänderung Stellung nehmen, wie sich Gemeinderatspräsident Werner Wyss erinnert. Opponiert worden sei höchstens vereinzelt. Die Schule führt seither das Projekt Schulwald durch: Der Wald wird geputzt und gepflegt, die Schüler helfen bei Aufforstungen. Als Gegenleistung äufnet die Gemeinde das «Kässeli» der Schule für Lager und Ausflüge.

Auch die Einwohner hätten sich organisiert, erklärt Wyss: An vielen Orten wurden Container angeschafft, sodass das Papier jederzeit deponiert und nicht gebündelt werden muss. So braucht es nicht einmal mehr trainierte Turnerbeine!