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VBZ wollen Chaffeuren nur noch halb so viele Vorschriften machen

Der ellenlange Verhaltenskodex für Chauffeure der Zürcher Verkehrsbetriebe (VBZ) hat viel Kritik ausgelöst . Nun wird das Regelwerk gestutzt. Die Geschäftsleitung reagiert damit auf die Kritik und den Druck der Gewerkschaften.

Marius Huber
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Die SVP stört sich an falsch intonierten Haltestellennamen key

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Für viele Tram- und Busfahrer in der Stadt Zürich war es die Liste des Grauens schlechthin: Die Rede ist von jenem mehrere Seiten umfassenden Regelkatalog, der ihnen bis ins kleinste Detail vorschrieb, wie sie sich im Dienst zu verhalten hätten. Und der bei vielen von ihnen zusätzlichen Stress auslöste, weil sich Verstösse dagegen schnell einmal als lohnwirksam erweisen konnten.

Jetzt ist dieser Verhaltenskodex reif fürs Altpapier. Die Geschäftsleitung der VBZ hat auf das immer lauter werdende Rumoren in der Belegschaft und den Druck der Gewerkschaften reagiert, indem sie ihn in seiner aktuellen Form fallen gelassen hat, wie Mediensprecher Andreas Uhl gestern auf Anfrage bestätigte.

Eine Gruppe von Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern hat den Auftrag gefasst, bis März 2013 ein von Grund auf erneuertes Reglement zu verfassen. Laut Duri Beer von der Gewerkschaft VPOD soll dieses nicht einmal mehr halb so lang sein wie das alte. Das Ziel seien vier bis acht Bewertungskriterien statt der ursprünglichen 18 – das habe auch der neue VBZ-Betriebschef Jürg Widmer bestätigt. Bis es so weit ist, gilt ein leicht abgespeckter Katalog.

Gift fürs Betriebsklima

Die Gewerkschafter haben bereits angekündigt, wo sie den Rotstift ansetzen wollen. Als «sehr schweres Fehlverhalten» taxiert werden sollen zum Beispiel künftig nur noch grobfahrlässige Handlungen, welche die Sicherheit gefährden. Heute fällt bei den VBZ unter anderem das Rauchen im Fahrzeug in diese Kategorie. Wer «Fundgegenstände nicht korrekt verarbeitet» oder den «Briefkasten nicht leert», macht sich immer noch eines «schweren Fehlverhaltens» schuldig.

Aus Sicht der Gewerkschafter ist es ein Fehler, alle möglichen Fehlverhalten schwarz auf weiss nach Kategorien aufzulisten, statt auf das Ermessen und den gesunden Menschenverstand der Vorgesetzten zu vertrauen. Dieses bürokratische Vorgehen habe bei den VBZ zu einer grossen Zahl von Rügen, Mahnungen und Kündigungsandrohungen geführt, die für das Betriebsklima Gift seien.

Um es bei den VBZ zum Superchauffeur zu bringen, braucht es nach dem zurzeit noch geltenden Reglement einiges. Wer sich im Jahresgespräch berechtigte Hoffnungen machen will auf eine A-Qualifikation, muss nicht nur gepflegt rasiert und frisiert sein, sondern auch zu jeder Zeit Hemd, Krawatte und Veston tragen – selbst im Hochsommer. Was das Personal von solchen Verhaltensregeln hält, zeigt der Kommentar eines Fahrers in einem Online-Forum: «Mit dem Veston in die Tram-Sauna? Wahnsinn!»

Für eine A-Qualifikation genügt es nach bisherigen Vorgaben auch nicht, ortsunkundigen Passagieren erst auf Anfrage Auskunft zu geben, nein, ein Chauffeur muss Hilfesuchende «aktiv» unterstützen. Er muss die Passagiere nicht nur bei einem Fahrerwechsel über Lautsprecher begrüssen, sondern zusätzlich ein «gewinnendes und kommunikatives Auftreten» an den Tag legen. Und er muss nicht nur seinen Führerstand sauber halten, sondern zusätzlich Papierkörbe leeren und Spiegel sowie Scheiben reinigen.

Der Chef fährt inkognito mit

Angesichts solcher Vorgaben dürfte all jenen Passagieren ein Licht aufgehen, die sich bisweilen über die offensive Freundlichkeit mancher Chauffeure wundern. Diese müssen stets damit rechnen, dass ihnen ein Vorgesetzter während der Fahrt inkognito auf die Finger schaut. Wer den Verhaltenskodex auf die leichte Schulter nimmt, droht bei der nächsten Lohnrunde leer auszugehen. VBZ-Sprecher Andreas Uhl relativiert allerdings: Lohnerhöhungen habe es in den vergangenen Jahren aus Spargründen zum Teil sowieso keine mehr gegeben.

Für die Gewerkschafter ist das neue Verhaltensreglement erst ein Zwischenziel. «Langfristig wollen wir dieses ganze System der Kontrollen und der Leistungslöhne abschaffen», sagt Duri Beer vom VPOD. Dazu fehlt es den Gewerkschaftern aber noch an Unterstützung im Zürcher Gemeinderat – dieser hat die Leistungslöhne erst vor wenigen Jahren eingeführt.

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