Neophyt
Urdorf lanciert Kampf gegen schädlichen Götterbaum

Der ursprünglich aus China stammende Laubbaum bildet eine Gefahr für das hiesige Ökosystem.

Alex Rudolf
Drucken
Teilen
Der Götterbaum an der Urdorfer Friedhofstrasse wird Mitte November gefällt – er ist eine Gefahr für die Schweizer Wälder.

Der Götterbaum an der Urdorfer Friedhofstrasse wird Mitte November gefällt – er ist eine Gefahr für die Schweizer Wälder.

Aru

Sehr schön sieht er aus. Mit seinen in alle Richtungen ragenden Ästen und tropfenförmigen Blättern macht der Götterbaum seinem Namen alle Ehre. So würde man es dem Exemplar in Urdorf an der Kreuzung Friedhofstrasse/Kirchgasse nicht anmerken, dass er hier in der Schweiz unerwünscht ist, ja gar eine Gefahr für das hiesige Ökosystem darstellt. Er wird Mitte November gefällt, sein Artgenosse ein paar Meter weiter auf einem Privatgrundstück musste schon vergangene Woche dranglauben.

«Auch wenn es ein schöner Baum ist, der den Platz zweifelsohne verschönert, müssen wir ihn beseitigen», sagt Philipp Frei. Der Leiter der Urdorfer Regiebetriebe führt mit seinen Mitarbeitern die Fällungen durch. Diese alleine reichen jedoch nicht aus, um den Baum unschädlich zu machen. Dazu ist er zu resistent.

Niemand weiss das besser als Marco Conedera von der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). In Bellinzona leitet er die Forschungseinheit Ökologie und Lebensgemeinschaften. «In den Tessiner Tieflagen ist der Kampf gegen den Götterbaum ziemlich aussichtslos», sagt er, verweist aber darauf, dass es für die Alpennordseite noch Hoffnung gebe. Der Götterbaum sei für die in der Schweiz ansässige Pflanzen- und Tierwelt eine grosse Konkurrenz, weil er fast keine natürlichen Feinde habe und sich durch seine fliegenden Samen sehr schnell verbreite. «So kann er innert kürzester Zeit Wälder, aber auch Magerwiesen und städtische Gebiete in Beschlag nehmen», so Conedera.

Für urbane Gebiete ist dies weitaus weniger problematisch als für Wälder. Setzt sich der Götterbaum im Wald durch, kann dieser seine Funktionen als Biotop für verschiedene Tier- und Pflanzenarten, aber auch seine Schutzfunktion bei Steinschlägen und Erdrutschen nicht mehr dauerhaft ausüben. Denn: Der Götterbaum ist für ‹Gäste› – also andere Tiere und Pflanzen, denen Bäume einen Lebensraum bieten – unattraktiv und teils gar giftig. Zudem neigt er bei leichten Verletzungen zur Kernfäule, was ihn instabil macht.

Bisher kein Handlungsbedarf

All dies hat Philipp Frei kürzlich in einem der Weiterbildungskurse des kantonalen Amtes für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) gelernt. «Ich wusste schon seit Jahren, dass wir in Urdorf mehrere Götterbäume haben», doch habe er nie einen akuten Handlungsbedarf gesehen, sagt er. «Wir wollen mit dieser Aktion unsere Vorbildfunktion wahrnehmen», fügt er an. Weitere Grundbesitzer – in mehreren Urdorfer Privatgärten wachsen Götterbäume – sollen dem Beispiel der Gemeinde nämlich folgen und dem Gewächs den Garaus machen.

Dies ist nicht ganz leicht. So wurde derjenige Götterbaum, der vergangene Woche fiel, erst gefällt, danach entwurzelt. Der Wurzelstock wurde anschliessend mit erlaubten Chemikalien behandelt, damit sich allfällige Resttriebe nicht mehr durchsetzen und somit verbreiten können. Das geschlagene Holz wurde gehäckselt und einerseits der Biogasanlage zur Nutzung bereitgestellt, andererseits als Grillholz für die Urdorfer Badi aufbewahrt – nur wenn es verbrannt wird, breitet es sich nicht mehr aus.

Marco Conedera führte schon im Jahr 2000 Studien zum Einzug des Götterbaums im Tessin durch. Bereits vor rund 250 Jahren wurde das Gewächs in Europa eingeführt, stammt aus China, Nordkorea und Vietnam. In Europa hat sich der Baum erst in urbanen Gebieten etabliert. Seine schnell und kraftvoll wachsenden Wurzeln richten auch in Städten, beispielsweise an Mauern und Strassen, Schäden an. Bei Morschheit des Holzes bestehe eine zusätzliche Gefahr für Passanten. Das grössere Problem ist aber: «Die Samen der Stadtbäume kolonialisieren den angrenzenden Wald», sagt Conedera.

Anwohner werden ihn vermissen

Dem Baum kann Conedera jedoch nicht nur Schlechtes abgewinnen: «Er kann auch bei grosser Trockenheit überleben. Dies könnte im Anbetracht der klimatischen Veränderungen durchaus auch etwas Gutes haben», sagt er. Vorerst gelte es jedoch zum Schutz der einheimischen Arten, den Bestand so gut wie möglich einzudämmen. Die Stadt Chur beispielsweise habe erst kürzlich veranlasst, dass alle 20 Götterbäume auf Stadtgebiet gefällt werden. Für Bäume im Privatbesitz wird gar die Hälfte der Rodungskosten übernommen. In Zürich sei beschlossen worden, keine neuen Exemplare zu pflanzen, aber auch noch keine gesunden zu fällen. «Das Bewusstsein der Politik für dieses Thema formt sich allmählich», so Conedera.

Philipp Frei ist sich sicher, dass die Anwohner in Urdorf den Götterbaum vermissen werden. Bald soll jedoch Ersatz kommen: «Der Gemeinderat hat beschlossen, dass ein Ersatzbaum einer unproblematischen Art gepflanzt wird.»

Aktuelle Nachrichten