Madiswil
Untergang der Titanic lässt sich in Madiswil vorführen

Mit farbigen Lichtbildern eines Kinopioniers lässt sich der Untergang der «Titanic» vorführen. Doch warum brachte ein Schweizer Filmpionier ausgerechnet in Madiswil den Untergang der «Titanic» dem Publikum näher?

Jürg Rettenmund
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So sah man in der Laterna magica das Zusammentreffen mit dem Eisberg. zvg

So sah man in der Laterna magica das Zusammentreffen mit dem Eisberg. zvg

Von «Titanic» steht zwar nichts auf den in Holz gerahmten farbigen Glasbildern, die das Museum Salzbütte in Huttwil aufbewahrt. Doch der Zusammenhang mit der Schiffskatastrophe, die sich am nächsten Samstag zum 100.Mal jährt, ist offensichtlich: Auf dem ersten Bild schwimmt ein grosser Eisberg im Meer. Auf dem zweiten lässt sich ein grosses Schiff über dieses Meer bewegen. Die Fahrt endet mit einem abrupten Aufprall auf dem Eisberg. Mit dem dritten Bild schliesslich lässt sich das bereits in arger Schieflage schwimmende Schiff im schwarzen nächtlichen Wasser versenken.

Ein «Titanic»-Abend

Am Jahrestag des Untergangs führt das Museum Salzbütte das Theaterstück von Albert Roth-de Markus im Dachstock des Kulturzentrums Salze mit den erhaltenen Bildern wieder auf (Sa, 14. April, 16 Uhr). Die Veranstaltung wird ergänzt durch einen Vortrag von Jürg Rettenmund über die aus Lotzwil stammende «Titanic»-Passagierin Bertha Lehmann sowie eine Lesung von Stefan Ineichen aus seinem Buch «Endstation Eismeer». Das gleiche Programm ohne den Teil von Stefan Ineichen wird am Mi, 18. April, im Kirchgemeindehaus Geissberg in Langenthal im Rahmen der Reihe «Hora Cultura» der Reformierten Kirchgemeinde Langenthal wiederholt (Beginn 19 Uhr). (jr)

Die Bewegungseffekte lassen sich erzielen, in dem eine Glasscheibe mit einer Kurbel oder einem Hebel über die zweite im Holzrahmen bewegt wird. Im Vergleich zu Darstellungen im «Titanic»-Film von James Cameron oder anderen Dokumentationen, die zum Jahrestag ausgestrahlt werden, ist das zwar primitiv dargestellt. Aber es zeigt, mit welchen Mitteln die Zeitgenossen sich von der Katastrophe ein Bild machen wollten und konnten, lange bevor Cameron und seine Hauptdarsteller Kate Winslet und Leonardo DiCaprio auf der Welt waren. Denn die Bilder stammen aus dem Nachlass eines Mannes, der damals in Sachen Film die Nase im Wind hatte: Albert Roth-de Markus aus Madiswil.

Filmfabrik war geplant

Roth, aus Vevey gebürtig, wandte sich nach einer kaufmännischen Ausbildung der Musik zu und betätigte sich als Drucker und Verleger. Grosse Entwicklungsmöglichkeiten sah er jedoch auch in damals neuen Medien: der Fotografie und dem Film. In Lausanne erwarb er 1908 das Theaterkino Lumen am Grand Pont und baute es zum grössten der Schweiz mit über 1000 Plätzen aus. Ebenso grosse Pläne hatte er jedoch in Madiswil, wo er 1912 – im Jahr des Untergangs der «Titanic» – im Zielacker ein grosses Haus bauen liess. Dort wollte er eine Filmfabrik errichten. Die Rede ist von Entwicklungslaboratorien, elektrischen und hydraulischen Anlagen, Filmlagern, Künstlerwohnungen, Verwaltungsbüros, Garagen für die Autos der Schauspieler und Kameraleute und einem «Aufnahme-Theater», einem riesigen Glashaus. Auch wollte Roth «spezielle Käfige und Gehege zur Aufnahme jener wilden Tiere bauen, die in jenen Stücken zu spielen haben werden, in denen man die prähistorische Zeit unseres Landes wieder aufleben lassen will».

Im September 1913 wagte sich Roth an seinen ersten Spielfilm – es ist der erste bekannte in der Schweiz überhaupt. «Roulez Tambours» (Trommelwirbel) nannte er den Kostümfilm mit Szenen aus der Schweizer Geschichte, für den er 2000 bis 3000 Statisten aus der Bevölkerung des Oberaargaus rekrutieren wollte. Doch dann machte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges seinen hochfliegenden Plänen ein Ende. Vom Film hat sich nur ein Prospekt auf Papier erhalten.

Mit bewährteren Mitteln machte sich Albert Roth-de Markus ans Werk, als er den Untergang der «Titanic» künstlerisch gestaltete. Die farbigen Projektionsbilder im Huttwiler Museum sind ein Teil davon. Es muss allerdings noch mehr davon gegeben haben, um das ebenfalls überlieferte Theaterstück, das Roth für seine Tochter Elisabeth schrieb, aufzuführen. Im Gegensatz zu andern Bildern in Roths Nachlass, die Massenprodukte aus einer Hamburger Fabrik waren, waren die zur «Titanic» offensichtlich Einzelanfertigungen, die Roth für sein Stück herstellen liess. Die Bilder liessen sich mit einer Laterna magica projizieren – einer lang vor dem Film bekannten Technik, um bewegte Bilder zu erzeugen. Damit liessen sich Effekte wie ein Alpenglühen, aber auch der Wellengang eines Gewässers erzeugen. Durch geschickte Kombination liessen sich aber auch ganze Szenenfolgen abspielen, etwa ein Zug, der einen Viadukt überquert, während gleichzeitig die Nacht hereinbricht und die Lichter angehen – oder eben der Untergang der «Titanic».

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