Waldgeschichten
«Unser Waldboden – so sauer wie eine Coca-Cola»

Als Revierförster führt Markus Bürki den «Betrieb» Wald. Dieser umfasst nebst dem Holzschlag auch den Holzverkauf oder den Unterhalt von Feuerstellen und Waldhütten. Der Förster liebt seinen Beruf - und den Wald.

Martina Schlapbach
Drucken
Teilen
«Wenn man einen Wald gern hat, hat man jeden Wald gern», sagt der Langenthaler Revierförster Markus Bürki. Hanspeter Bärtschi

«Wenn man einen Wald gern hat, hat man jeden Wald gern», sagt der Langenthaler Revierförster Markus Bürki. Hanspeter Bärtschi

Solothurner Zeitung

Seegras umschlingt die Beine des Sprechenden, derweil dieser sein Engagement im Wald erläutert. Zuoberst steht dabei der Begriff der Betriebsführung. «Der Wald ist aus unserer Sicht ein Betrieb», sagt Markus Bürki, der seit 36 Jahren als Revierförster tätig ist. Der «grösste Brocken» seines Unternehmens bildet dabei die Holzerei. Diese allein vom Holzschlag bis zum Holzverkauf zu verstehen, greift zu kurz. Das Holzgeschäft beginnt damit, dass man «Wald begründet», wie der Wald-Betriebsleiter sagt: Junge Bäume werden gepflanzt und die wachsenden Bestände über Jahre hinweg geschützt und gepflegt. Die Säge taucht erst ganz am Ende dieses Prozesses auf.

Die Säge als von Menschenhand geschaffenes Werkzeug steht sinnbildlich für das menschliche Interesse, das den Wald zu einem Betrieb macht. «Der Wald käme ohne unsere Bewirtschaftung mühelos aus», erläutert Bürki. Primär der Holzbedarf begründe, weshalb der Mensch dem Leben eines Baums ein frühzeitiges Ende setze. Besteht die natürliche Lebzeit eines Baums aus 400000 Jahren, lebt ein Baum in einem Forstbetrieb zwischen 80 bis 150 Jahren.

Das ökonomische Prinzip

Mit 14000 Hektaren Wald beziffert Bürki die Grösse seines Reviers. Hinter dieser Zahl steht der Wandlungsprozess der Forstwirtschaft, wie er die vergangenen Jahre prägte. Ursprünglich zeichnete Bürki, selbst Roggwiler, nur für die Bewirtschaftung des Forstreviers seiner Wohngemeinde verantwortlich. Vor acht respektive fünf Jahren kamen das Revier Murgenthal und Langenthal dazu, sodass sein Grossrevier heute drei Gemeinden umfasst.

Die Reviervergrösserung spiegelt die ökonomischen Prinzipien, denen der Forst unterliegt: Aus einer kostengünstigen Bewirtschaftung soll ein Maximum an Gewinn resultieren. Die jüngste Umstrukturierung beeinflusste folglich auch massgebend den Arbeitsalltag des Revierförsters, dessen Beschäftigung dieser Tage knapp zur Hälfte aus administrativer Arbeit besteht.

Jede Stunde geniessen

So geniesst der 52-Jährige jede Stunde, die er draussen an seinem eigentlichen Arbeitsort verbringt. Dichtes Dickicht umzingelt die Baumgruppen zwischen Langenthal und Obersteckholz. Bürki schreitet dadurch und spricht von seiner Beziehung zum Wald. «Wenn man einen Wald gern hat, hat man jeden Wald gern», sagt er. Damit hebt er hervor, dass diese Liebe selbst dann anhalte, wenn man durch kniehohe Brennnesseln zu schreiten habe.

Mit diesen Worten macht er deutlich, dass er den Wald nicht als Betrieb allein verstanden wissen will. Vielmehr gestalte der Förster mit seiner Unterhaltsarbeit an Bänken und Feuerstellen, Waldhütten und Wegen einen Lebensraum mit, indem sich der Mensch mit anderen denn wirtschaftlichen Interessen bewegt. Mit Pilze-Sammeln, einsamem Spazieren und geselligem Bräteln nennt Bürki derartige Interessen, die ihn persönlich auch in seiner Freizeit in den Wald führen. Dass aus diesen freizeitlichen Freuden für Fauna und Flora nicht nur positive Auswirkungen hervorgehen, verbirgt der Förster nicht. Littering und Vandalismus hätten jüngst stark zugenommen, sodass die Forstarbeit auch immer häufiger aus Abfallaufräumen besteht.

Wissenschaftliches Verstehen

Als negative Entwicklung aufführen liesse sich ebenso der durch die Klimaerwärmung generierte Zuwachs unerwünschter Pflanzen- und Tierarten. Doch ausführen will Bürki diesen Aspekt nicht. «Für mich besteht die Faszination am Wald seit jeher darin, hier eine unfassbare Vielzahl von Lebewesen in einer Weise miteinander in Einklang leben zu sehen, wie es die Menschen nicht können.» In dieser Sicht ist für Bürki der Wald «nicht nur schön, sondern vollendet».

Dieses Vollendete ansatzweise zu erfassen, bildet sodann ein anhaltender Reiz für den Förster. Durch den naturwissenschaftlichen Blick wird sein Forstrevier zu einer Waldgesellschaft, genauer: einer Gesellschaft an Peitschenmoos-Fichten-Tannen-Wälder. Der hohe Tannenbestand lässt die hiesigen Wälder damit als Ausläufer des Emmentals erkennen und von den anderen Mittelland-Wäldern unterscheiden, die einen höheren Anteil an Laubbäumen vorweisen. In unmittelbarer Relation stehe diese Gegebenheit mit der Zusammensetzung des Oberaargauer Waldboden. Dieser sei einerseits «so sauer wie Essig oder Coca-Cola» und verhindere eine grössere Artenvielfalt an Bäumen. Andererseits sei der Boden derart arm an Kalk, «dass viele Leute Wasser für ihr Aquarium oder ihre Kaffeemaschine an einer Waldquelle holen». Markus Bürki lächelt. Er selber mache das nicht; stattdessen schreitet er im Wissen um dessen Vielseitigkeit auf dem Waldboden fort.

Aktuelle Nachrichten