Filmkritik
Unser Trumpf im Oscar-Rennen: «La petite chambre»

Ein Erstling, der berührt: Ein alter Mann will ohne Bevormundung sein Leben bis zum Ende leben, eine junge Frau findet in ihr eigenes Leben zurück. Nun will «La petite chambre» Hollywood erobern - und ist an den Solothurner Filmtagen zu sehen.

Geri Krebs
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Am Anfang sind die verschneiten Alpengipfel hoch über den Ufern des Genfersees von Wolken verdeckt. Es ist irgendwann gegen Ende des Winters, als Jacques (Joel Delsaut) vor einem längeren Auslandaufenthalt seinen greisen Vater Edmond (Michel Bouquet) mit dem Auto zur Besichtigung in ein Altersheim an den Hängen des Lavaux fährt.

Doch Edmond denkt nicht daran, sich in das idyllisch zwischen Weinbergen gelegene Absterbeasyl verfrachten zu lassen. So bleibt dem Sohn nichts anderes übrig, als den renitenten Vater wieder in seine Wohnung zurückzufahren und ihn fortan von einer Krankenschwester, der jungen Rose (Florence Loiret Caille), betreuen zu lassen. Diese soll täglich nach dem Rechten sehen und darauf achten, dass der resolute alte Herr sich richtig ernährt und als Diabetiker seine Insulinspritzen nicht vergisst.

Das Geheimnis der Aussenseiter

Doch auch jetzt fühlt sich Edmond bevormundet, er zeigt Rose, die er süffisant nur mit «Madame l'infirmière» anredet, dass er sie eigentlich nicht braucht, denn das Einzige, was er will, ist, in Ruhe gelassen zu werden und ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Dazu gehören für ihn etwa die Pflege seiner Pflanzen oder das ungestörte Anhören klassischer Musik. Edmond kann sich durchsetzen bis an ein Ende, als die Alpengipfel vor dem makellosen Blau eines strahlenden Vorfrühlingstags gestochen scharf zu sehen sind.

Gänzlich unaufdringlich und ohne jeglichen sozialarbeiterischen Fingerzeig erzählt «La petite chambre» von der Stellung alter Menschen, die in einer auf Anpassung und bedingungslosem Funktionieren beruhenden Gesellschaft ebenso wenig einen Platz haben wie jene Jüngeren, die den Leistungsanforderungen nicht genügen. Rose gehört zu ihnen, denn sie verbirgt ein Geheimnis, und Edmond kommt ihm bald auf die Spur.

Die starke Frauenfigur

Mit der Geschichte der langsamen Annäherung zwischen zwei höchst unterschiedlichen Aussenseitern ist den Newcomerinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond so etwas wie eine Hymne an Verständigung und Freundschaft zwischen den Generationen gelungen. Dabei brilliert der heute 85-jährige Franzose Michel Bouquet als Edmond in einer Rolle, die er vor exakt zwanzig Jahren bereits einmal in ähnlicher Weise gespielt hatte: als rebellischer Altersheiminsasse Thomas, alias Toto, in Jaco von Dormaels Geniestreich «Toto, le héros». Auch damals haderte er in bisweilen tragikomischer Weise mit einem sich langsam dem Ende zu neigenden Leben. Und auf der anderen Seite steht ihm Florence Loiret Caille als so zerbrechliche wie entschlossene «Madame l'infirmière» Rose in nichts nach, die hier in ihrer Ambivalenz eine der stärksten Frauenfiguren verkörpert, die man seit längerem in einem Schweizer Film gesehen hat.