Glatttalbahn
Unfallserie der Glattalbahn - Verkehrsbetrieb prüft zusätzliche Massnahmen

Schon wieder ist eine Autolenkerin in Glattbrugg bei einer Kollision mit der Glattalbahn schwer verletzt worden. Langjährige Angestellte der Glattalbahn sind nicht besonders überrascht von dem neuerlichen Unfall.

Christian Wüthrich und Andreas Frei
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Durch den Aufprall wurde die Glattalbahn aus den Schienen gehoben und das Auto rechts übers Trottoirgeschoben.

Durch den Aufprall wurde die Glattalbahn aus den Schienen gehoben und das Auto rechts übers Trottoirgeschoben.

Christian Wüthrich

Die Kollision zwischen der Glattalbahn und einem weissen VW Golf Am Freitagmorgen fiel äusserst heftig aus. An der Kreuzung Rohrstrasse/Flughofstrasse im Industriegebiet von Glattbrugg liegen Scherben und Autobestandteile weit verstreut auf Strasse und Trottoir bis in einen Vorgarten.

Eine junge Frau, die am Freitagmorgen in Glattbrugg auf der Rohrstrasse stadteinwärts fuhr, wurde bei diesem Unfall schwer verletzt. Die 24-Jährige wurde beim Überqueren der Glattalbahn-Gleise von einer heranbrausenden Tramkomposition erfasst, mitgeschleift und seitlich in ein Kandelaber sowie ein Fussgängerlichtsignal geschoben. Beide Masten knickten sofort um, erst ein kleiner Baum auf dem Trottoir stoppte die Fahrt.

Ausser der Autolenkerin, die von der Opfiker Stützpunktfeuerwehr aus dem Wrack geschnitten werden musste, wurde niemand verletzt. Die 40 Fahrgäste inklusive der Tramführerin blieben gemäss Angaben der Kantonspolizei unverletzt.

Der Unfall ereignete sich am Freitagmorgen kurz vor 8 Uhr. Die umliegenden Strassen sowie die Linien 10 und 12 der Glattalbahn blieben für mehrere Stunden unterbrochen. Währenddessen mussten die Pendler auf Ersatzbusse umsteigen.

Chaffeure sind machtlos

«So etwas ist für einen Chauffeur ein schlimmes Erlebnis», sagt ein langjähriger Angestellter, der selber regelmässig im Führerstand der Glattalbahn sitzt. Er zeigt sich nicht besonders überrascht vom neuerlichen Unfall, denn der Abschnitt entlang der Flughofstrasse in Glattbrugg ist beim Personal der Verkehrsbetriebe längst als gefährlicher Ort bekannt. Auch der Tramführer aus Zürich, der anonym bleiben möchte, hatte schon einen Unfall auf dem Streckennetz der Glattalbahn erlebt, allerdings nicht in Glattbrugg. «Ich war mit rund 40 Stundenkilometern unterwegs, als es plötzlich krachte und nur noch Glassplitter umher flogen.» Auf einer Querstrasse hatte ein Kleinlaster an einer Ampel ein Rotlicht überfahren. Der Tramführer trug keine Schuld.

Barrieren als Option

Dass der Ruf nach Barrieren wieder lauter werden dürfte, kann der Taxichauffeur und Gewerkschaftsvorstand verstehen. Eine offizielle Forderung des betroffenen Personals gebe es aber noch nicht. Bislang habe es immer geheissen, die Übergänge und Kreuzungen auf dem Streckennetz seien vom Bundesamt für Verkehr abgenommen und ohne Barrieren sicher. «Aber das ist ein schwacher Trost, wenn doch etwas passiert ist.»

Die sogenannte Stadtbahn fahre auf dem Eigentrassee eben meistens viel schneller als die Trams in der Stadt Zürich, weshalb die Chauffeure «praktisch keine Chance» hätten, Fehler anderer Verkehrsteilnehmer auszubügeln. «In der Stadt müssen wir das ständig tun», bemerkt der Tramführer, weshalb Barrieren an neuralgischen Orten sicherlich keine schlechte Sache wären.

Jeweils Rotlicht missachtet

Esther Surber vom Mediendienst der Kantonspolizei stellt klar: «Bei allen bisherigen Unfällen auf der Flughofstrasse wurde von einem Fussgänger, Velo- oder Autofahrer das Rotlicht missachtet.» Mit den heutigen technischen Anlagen könne nachvollzogen werden, wann ein Fahrzeug das Rotlicht passiert hat oder ob es bei Grün über die Kreuzung fuhr. Damit kann bei jeder Kollision zumindest die Schuldfrage geklärt werden. Um weitere Unfälle zu verhindern, suche die Kantonspolizei zusammen mit den VBG nach Lösungen. Seit letztem Sommer würden solche Massnahmen definiert, das könnten für die Kreuzungen an der Flughofstrasse beispielsweise weitere Markierungen oder optimierte Signalisationen sein, erklärt Surber. Auch eine optische Hervorhebung des Tramtrassees werde geprüft.

Unfälle trotz Massnahmen

Bei der Kreuzung Flughofstrasse/Riethofstrasse wurde dies bereits Ende letzten Jahres gemacht, sagt Hannes Schneebeli, Leiter Infrastruktur und Gesamtprojektleiter Glattalbahn bei den Verkehrsbetrieben Glattal VBG. Zusätzliche Bodenmarkierungen und Warn-Signale konnten aber auch nicht verhindern, dass Mitte März eine Fussgängerin auf dem Zebrastreifen von einem Tram erfasst und getötet wurde. Und vor nicht einmal zwei Wochen kam es erneut an dieser Ecke zu einer Kollision.

«Wir bedauern das sehr», sagt Schneebli. «Jeder Unfall ist einer zu viel.» Die VBG prüfe zusammen mit der Polizei laufend weitere Massnahmen. «Dazu gehören auch Barrieren.» Ob und wo Barrieren möglich und sinnvoll seien, könnten die VBG aber nicht eigenmächtig entscheiden. «Dabei stellen sich neben verkehrsplanerischen Frauen auch solche der Verhältnismässigkeit», sagt Schneebeli. «Theoretisch könnte man überall Barrieren bauen. Dies würde jedoch den Verkehrsfluss erheblich behindern und könnte zu langen Staus und Wartezeiten auf der Strasse führen.»

Trams werden unterschätzt

Auf dem eigenen Trassee, wie beispielsweise auf der Flughofstrasse, seien die Trams mit bis zu 60 Stundenkilometern unterwegs. Eine Barriere gibt es nur davor, am Bahnhof Glattbrugg, und danach, beim Balsberg-Viadukt kurz vor dem Flughafen. Die restlichen Kreuzungen sind mit Ampeln versehen. «Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass die Gleise bei Rotlicht auf keinen Fall überquert werden dürfen», mahnt Schneebeli. «Es gilt zu bedenken, dass unsere modernen Fahrzeuge ausserhalb des Stadtgebiets sehr leise und schnell unterwegs sein können.» Das werde oft unterschätzt und verleite womöglich dazu, die vorhandenen Warnsignale zu missachten.

An Orten, an denen festgestellt werde, dass Verkehrsteilnehmer die Strasse trotz Rotlicht häufig queren würden, mache die Polizei vermehrte Kontrollen. Ob neben zusätzlichen Bodenmarkierungen und Warnsignalen noch weitere Massnahmen umgesetzt werden könnten, werde nun geprüft.