Dietikon
Unerschütterlicher Optimist: Rolf Steiner strebt nach Gerechtigkeit

Rolf Steiner, bald Kantonsratspräsident, ist «keine Vorstoss-Schleuder». Seine Stärken liegen anderswo.

Bettina Hamilton-Irvine
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Kein Mann der lauten Töne: der designierte Kantonsratspräsident Rolf Steiner (SP) am Bahnhof Dietikon.

Kein Mann der lauten Töne: der designierte Kantonsratspräsident Rolf Steiner (SP) am Bahnhof Dietikon.

Alex Spichale

Rolf Steiners Leben verändert sich im Zehn-Jahres-Rhythmus. Auf viele seiner wichtigen Engagements hat sich der Dietiker Politiker etwa eine Dekade lang konzentriert. So war der diplomierte Chemiker, der heute im PR-Bereich arbeitet, zehn Jahre lang Werbeleiter für eine Firma, die chemische Messgeräte herstellt. Zehn Jahre lang war er Bundesführer der Pfadfinder und damit offiziell der «höchste Pfadi der Schweiz». Zehn Jahre lang präsidierte er die Urdorfer Stiftung Kind und Autismus. Elf Jahre lang war er Gemeinderat in Dietikon. Und nun sitzt er seit bald zehn Jahren im Zürcher Kantonsrat, dessen Präsident er am Montag wird.

Eine loyale Seele

Dass er sich oft zehn Jahre lang für eine Sache einsetzt, ist nicht nur ein neckischer Zufall. Denn Rolf Steiner ist einerseits gründlich und gewissenhaft. «Wenn ich etwas mache, dann will ich es auch richtig machen», sagt er selber. Zu früh wieder aufzugeben, lohne sich nicht: «Wenn man sich nicht mindestens acht Jahre lang einer Sache widmet, ist die investierte Energie meiner Meinung nach vergebens.» Andererseits will er auch nicht festfahren. So sei ihm aufgefallen, dass sich nach zehn Jahren oft ein Déjà-vu-Effekt bemerkbar mache. Wenn er das realisiert, zögert er nicht lange und zieht weiter. Als er sich vor fünf Jahren aus dem Parlament Dietikon verabschiedete, sagte er, es sei Zeit, Jüngeren Platz zu machen. Er sei nicht mehr so neugierig wie zu Beginn.

Es gibt Urchiges aus Dietikon

Die Feier zur Eröffnung des neuen Amtsjahres von Kantons- und Regierungsrat beginnt am Montag um 8.15 Uhr mit einem Gottesdienst in der Liebfrauenkirche Zürich. Nach der Kantonsratssitzung fährt der neue Kantonsratspräsident Rolf Steiner mit seinen Gästen nach Dietikon, wo sie um 15.53 Uhr mit Trommelwirbel empfangen werden. Mit der Bevölkerung wird auf dem Kirchplatz bei Musik, Wein und italienischen Leckerbissen gefeiert, bevor es um 17.15 Uhr auf dem Stadthausplatz Urchiges aus Dietikon für Gaumen, Augen und Ohren gibt. Das Fest für geladene Gäste findet am Abend in den Reppischhallen statt.

Wenn er sich auch immer wieder einmal einer neuen Aufgabe zuwendet, so ist Rolf Steiner doch eine zutiefst loyale Seele. Seinen Themen bleibt er treu. Zum Beispiel der Pfadi: Als Kind baute er mit den «Wölfen» in den Wäldern Zürichs, wo er aufwuchs, Hütten, später wurde er Leiter, dann Abteilungsleiter, irgendwann Bundesführer. Noch heute ist der 63-Jährige der Pfadi tief verbunden. Unter anderem ist er als Geschäftsleiter der Schweizerischen Pfadistiftung für das Organisieren von Spenden verantwortlich. Auch seine Frau hat Rolf Steiner 1980 in der Pfadi kennen gelernt. Und seine 28-jährige Tochter Regula – sie ist eine von drei Kindern – ist seit fünf Jahren Kantonsleiterin der Pfadi Züri.

«Schwupp» – und er war in der SP

Auch der Politik ist Rolf Steiner treu. Interessiert habe sie ihn «schon immer», sagt er. Aber so richtig gepackt hat es ihn während seiner Zeit als Pfadi-Bundesführer. Damals, so um 1990, war er als Vertreter der Jugendverbände in einer Arbeitsgruppe des Bunds, bei der es um Leiterausbildungen ging. Das Projekt war ein Erfolg und Rolf Steiner war politisiert. «Damals habe ich realisiert, ich kann etwas bewegen, indem ich verhandle», erinnert er sich. «Ich merkte, das liegt mir.»

SP-Mitglied wurde er aber erst, als er mit seiner Frau und den drei damals kleinen Kindern 1994 nach Dietikon zog. In Zürich, wo sie vorher gewohnt hatten, sei die Familie sehr aktiv in der katholischen Kirche gewesen, habe sich aufgehoben gefühlt. So lag es nahe, dass sie auch in Dietikon bei der katholischen Kirche «andocken» wollte, wie Rolf Steiner es nennt. Doch das war gar nicht so einfach. Die Familie fühlte sich nicht willkommen. «Wir brachten keinen Fuss auf den Boden», sagt Rolf Steiner. Ganz anders, ja, «das pure Gegenteil» sei es gewesen, als er eines Tages an einer Standaktion auf Manuel Peer – heute ein Dietiker SP-Urgestein – traf.

«Schwupp» seien sie in der SP gewesen, wo sie mit offenen Armen empfangen wurden.
Trotzdem: Dass Rolf Steiner, der schon in Zürich SP-Sympathisant war, bei den Sozialdemokraten landete, war kein Zufall. Hätte es eine christlich-soziale Partei gegeben, hätte es ihn, der auch Aboverwalter für eine religiös-sozialistische Monatszeitschrift ist, zwar durchaus auch dorthin verschlagen können. «Wenn man das Evangelium ernst nimmt, muss man fast sozialistisch sein», sagt er. Schliesslich passte die SP aber doch am besten zu ihm, der als seinen Urantrieb das Streben nach einer gerechteren Gesellschaft beschreibt. So ist denn auch eines seiner zentralen politischen Themen die Frage, wie man mit Minderheiten umgeht.

Kein Mann der lauten Worte

Woher nimmt er die Motivation, sich auch nach so vielen Jahren immer noch politisch zu engagieren – zumal er als Linker sowohl im Dietiker als auch im Kantonsparlament immer in der Minderheit war? Rolf Steiner lacht verschmitzt. «Ich habe einen relativ unerschütterlichen Optimismus.» Zudem gebe es nebst den öffentlichen Sitzungen – «wo wir dauernd verlieren» – auch die Arbeit in den Fraktionen und Kommissionen – «wo man noch etwas bewegen kann». Hier, wo verhandelt wird, ist eher Rolf Steiners Welt als am Rednerpult der Parlamentssäle. Dass er «keine Vorstoss-Schleuder» ist, wie er selber über sich sagt, ist kein Geheimnis.

Auch seine Wegbegleiter beschreiben ihn als «keinen Mann der lauten Worte», wie beispielsweise die ehemalige Kantonsratspräsidentin Brigitta Johner (FDP) aus Urdorf sagt: Er habe seine Anliegen zwar durchaus dezidiert vertreten, aber in einer ruhigen, besonnenen Art. Zudem sei er verlässlich: «Ob Sturm oder Schnee, mit seinem Drahtesel kam er stets pünktlich an die Sitzungen und blieb danach auch gerne zum Feierabendbier.» Der Dietiker SVP-Kantonsrat Rochus Burtscher betont ebenfalls Rolf Steiners verlässliche und ruhige Art. Er sei zwar ein Technokrat und «durch und durch SP», aber auch offen für andere Meinungen. Rolf Steiner suche das Verbindende, nicht das Trennende, sagt der Dietiker CVP-Kantonsrat Josef Wiederkehr. Weil er anständig und korrekt und bereit sei, einen konstruktiven Beitrag zu einer gemeinsamen Lösung zu bieten, geniesse er breite Akzeptanz. Doch manchmal muss man sich auch über Rolf Steiner ärgern, wie sein ehemaliger Dietiker Fraktionskollege René Stucki einst sagte. Sein Wissen sei einfach nicht zu schlagen: «Egal wie gut vorbereitet man an eine Sitzung kam, er wusste immer noch etwas mehr.»