Dietikon
Über tausend Jahre alten Gesänge können in einem Workshop gelernt werden

Joseph Schelbert führt in Dietikon in die Geheimnisse der melodiösen, gregorianischen Gesänge ein.

Cynthia Mira
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Joseph Schelbert tritt mit seiner Gruppe in Gottesdiensten auf.

Joseph Schelbert tritt mit seiner Gruppe in Gottesdiensten auf.

Cynthia Mira

Sie sind uralt und geraten in Vergessenheit, obwohl sie die gesamte europäische Musikgeschichte geprägt haben: Die gregorianischen Gesänge der Kirche. Auch im Limmattal gibt es eine Möglichkeit, diese melodiösen Kompositionen zu erlernen. Joseph Schelbert hat vor zehn Jahren in Schlieren die «Schola gregoriana» gegründet. Seither organisiert er gemeinsame Proben in der Werktagskapelle der katholischen Kirche St. Agatha in Dietikon. Bisweilen bereichert die Gruppe Gottesdienste mit den gesungenen Worten des Herrn. Nun lädt Schelbert zu einem Einführungskurs ein, um diese Tradition an Interessierte weiterzugeben. Der Kurs für Anfänger beginnt am 24. Februar. «Jeder kann es lernen, es braucht weder musikalisches Vorwissen noch eine besondere Gesangsausbildung», sagt er.
Es ist bereits die dritte «Schola gregoriana», die Schelbert gründete. Zuvor hatte er Gruppen in Wädenswil und in Rüti ins Leben gerufen. «Es gibt solche gregorianischen Gesangsgruppen fast nirgends mehr und es ist mir ein grossen Anliegen, dass dieses kulturelle Erbe nicht untergeht.» Während die Gesänge in Klöstern zum täglichen Ritual gehören, würden sie aus den Kirchen zusehends verschwinden. Er selbst sei bereits mit 16 Jahren fasziniert von diesen Melodien gewesen. Auch während seines Musikstudiums und diversen Ausbildungen zum Dirigenten, Organisten, Musiklehrer am Gymnasium sowie Solosänger habe ihn der Choral stets begleitet. Um das Musikerbe weiterzugeben, reist Schelbert immer von seinem Wohnort Brunnen in der Innerschweiz nach Dietikon.

Aus diesen Gesängen entwickelte sich die heutige Notenschrift

Es bedarf Übung, um die Mächtigkeit der Worte in den Gesang zu übertragen, und dennoch hat sie die Fähigkeit, einem durch Mark und Bein zu fahren. Dies zeigt sich besonders dann, wenn die St. Agatha Kirche mit dem Gesang der Gruppe ausgefüllt wird. Es habe auch viel mit Gefühl zu tun und die Musik orientiere sich stark an der Sprache. Es sei doch faszinierend, wie melodiös diese Gesänge seien, so Schelbert.
Ursprünglich bestanden die Noten nur aus besonderen grafischen Zeichen, den Neumen, über dem lateinischen Text. Daraus entwickelte sich dann unsere heutige Notenschrift. In der Tat sind über den einzelnen lateinischen Worten ungewohnte Zeichen vorhanden; sie geben die Tonlage und die Länge an, in der eine Silbe gesungen werden sollte. «Diese melodiöse Musik macht etwas mit einem», ist Schelbert überzeugt. Es erstaune ihn immer wieder, dass die Texte in derselben Form bereits vor über tausend Jahren gesungen wurden. Die ersten Aufzeichnungen gehen ins neunte Jahrhundert zurück. «Mich fasziniert diese Verbindung zu den Menschen, die vor so langer Zeit diese Melodien schon gesungen haben.»

Der Rucksack aus dem Leben wird leichter durch das Singen

Erst seit drei Jahren dabei ist die Dietikerin Monika Schmucki: «Ich singe wahnsinnig gerne. Es hat auch etwas Meditatives», sagt sie. Zudem singe Schelbert so schön, dass sie sich damals gleich angesprochen fühlte und sie es lernen wollte. Seit der Gründungszeit mit dabei ist Bruder Josef Stadler aus Urdorf: «Der eigene Rucksack, den man durchs Leben trägt, wird durch das Singen leichter», sagt er. Zudem habe die Gruppe ein sehr schönes Verhältnis untereinander. «Ob reformiert oder katholisch, alle singen wir miteinander», sagt er. Das sei eine Bereicherung in seinem Leben, die er niemals missen möchte.