Niederbipp
Trotz Raubbau profitiert die Natur in Niederbipp

Beim Kiesabbau wird Natur zerstört: Mulden werden gegraben, Felder abgetragen und Bäume gerodet. Doch Kieswerke bieten auch Lebensraum. In Niederbipp ist eine grosse Artenvielfalt entstanden.

Andrea Marthaler
Merken
Drucken
Teilen
Thomas Brönnimann hat in der Kiesgrube nicht nur mit Lastwagen zu tun, sondern auch mit Tieren.

Thomas Brönnimann hat in der Kiesgrube nicht nur mit Lastwagen zu tun, sondern auch mit Tieren.

AMA

Kiesabbau ist ein schmerzlicher Eingriff in die Natur. Dies die gängige Meinung. Nur geht dabei ganz vergessen, dass Kieswerke auch Lebensraum bieten können. «Kieswerke sind ein optimaler Ersatzlebensraum für Arten, deren Lebensraum verbaut wurde», sagt Samuel Bachmann, Bereichsleiter Naturarbeiten bei der Stiftung Landschaft und Kies. Die Stiftung wahrt die Interessen von Landschaft und Natur beim Abbau von Steinen und Erde. Insbesondere könnten Arten, die früher in der Auenlandschaft bei Kiesbänken heimisch waren, in den kargen Kiesgruben neuen Lebensraum finden. «Kleinräumig gesehen ist der Kiesabbau vielleicht ein Verlust für die Natur, grossflächig aber auf jeden Fall ein Gewinn», sagt Bachmann.

So auch in Niederbipp, wo die Kiesgrube von der Iff AG betrieben wird. In den Steilwänden der Gruben nistet beispielsweise die Uferschwalbe. «In der Schweiz ist diese Vogelart fast nur noch in den Kiesgruben zu finden», sagt Bachmann. Der Flussregenpfeifer andererseits hat auf den kiesigen Böden seinen neuen Brutplatz gefunden. In der Kiesgrube in Niederbipp wurden insgesamt 27 Vogelarten gezählt, dazu viele Insekten- und Spinnenarten. Schon kurz nach dem Abbau siedeln sich erste Pionierpflanzen an und mit ihnen kommen auch die Tiere. Rund 135 Pflanzenarten wurden in der Kiesgrube in Niederbipp entdeckt, manche davon sind selten oder gar gefährdete Arten.

Besonders wichtig seien die Kiesgruben für Amphibien, sagt Beatrice Lüscher von der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz im Kanton Bern. «In Niederbipp haben wir eine grosse Population der Geburtshelferkröte, besser bekannt als Glögglifrosch, sowie die Kreuzkröte. Diese beiden Arten erlebten starke Rückgänge.» Ohne Kiesgrube würden diese Arten aus der Region verschwinden, glaubt Lüscher.

Ersatzmassnahmen neben Grube

Wegen des Eingriffs in die Natur müssen die Kieswerke zudem auch Ersatzmassnahmen treffen. «In der Zeit, in der wir der Natur etwas wegnehmen, müssen wir ihr auch etwas geben», erklärt Thomas Brönnimann, Leiter Produktion Gruppe West bei der Iff Kies+Beton AG. In Niederbipp werden insbesondere die benachbarten Moore aufgewertet. Nächstens sollen im «Tubenmöösli» beispielsweise zusätzliche Teiche für Amphibien ausgehoben werden.

Brönnimann ist passionierter Jäger, deshalb sind für ihn die Ersatzmassnahmen nicht nur Zwang. Mit Freude bemerkt er, dass im als Test angelegten Teich bereits Laich zu sehen ist. Ein für die Natur wichtiger Bestandteil in der Kiesgrube in Niederbipp ist das vor einigen Jahren geschaffene Naturreservat. In der ehemaligen Grube ist heute ein Teich, in dem insbesondere Amphibien, aber auch Fische leben. Selbst der Eisvogel hat den Platz für sich entdeckt. Damit dieser Lebensraum erhalten bleibt, werden regelmässig Bäume und Sträucher zurückgeschnitten. Gut sichtbar sind Steinhaufen, die als Rückzugsmöglichkeit für Eidechsen aufgehäuft wurden.

Wald wird wieder aufgeforstet

Kritisiert wird der Kiesabbau insbesondere, weil er Land fordert. So zuletzt an der Gemeindeversammlung in Niederbipp, wo sich zwei Einwohner gegen die Rodung des Waldes aussprachen. Denn aktuell baut die Iff AG im Waldgebiet Kies ab. «Wir füllen die Grube aber wieder auf, sobald der Abbau an der betreffenden Stelle beendet ist. Laufend wird aufgeforstet», wehrt sich Brönnimann gegen den Vorwurf, dass es Jahrzehnte dauert, bis der Wald wieder steht. «Der Zeitraum, bis sich der Wald wieder eingestellt hat, ist natürlich gross. Doch das ist auch ein spannender Prozess», sagt Ernst Grütter. Er beobachtet schon seit Jahren die Entwicklung der Tiere und Pflanzen in dieser Grube. Sein Wissen wurde auch bei verschiedenen Bewilligungsverfahren eingebracht. Auch hat er ein Mandat, einen Teil der Naturschutzauflagen bei der Umsetzung zu betreuen.

Ohnehin ist der Eingriff vorübergehender Natur. Denn die zurückgelassenen Kiesgruben gehören laut Brönnimann der Vergangenheit an: «Eine Zeit lang grub man riesige Löcher und wollte diese nie mehr füllen. Damals war Aushub Mangelware.» Heute sei das Gegenteil der Fall. Aufgrund der regen Bautätigkeit werde sogar dafür bezahlt, dass Aushub angeliefert werden darf. «Deponieplatz wird in Zukunft gesucht sein.» Entsprechend werden die Gruben nach und nach gefüllt. Wo in Niederbipp früher Kies abgebaut wurde, schneidet heute der Landwirt bereits wieder Gras oder wachst wieder der Wald. «Unser Endziel ist, das Land wieder so herzustellen, wie es zuvor war», betont Brönnimann. Oder eben sogar wertvoller für die Natur.