Treffen mit «Frau Feuchtgebiete»

Die 28-jährige Carla Juri hat die Hauptrolle in der Verfilmung von «Feuchtgebiete» ergattert, die am Filmfestival Locarno Premiere feiert. Im Gespräch erzählt sie von Nacktszenen und Feminismus.

SaW Redaktion
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Schafft ein Bild, das über das Porträt einer seelisch gequälten Frau hinausschiesst und von utopischer Kraft ist: Carla Juri Im Film «Feuchtgebiete». Foto: Filmcoopi

Schafft ein Bild, das über das Porträt einer seelisch gequälten Frau hinausschiesst und von utopischer Kraft ist: Carla Juri Im Film «Feuchtgebiete». Foto: Filmcoopi

Schweiz am Wochenende

Da sitzt sie, in einem Garten in Locarno. Carla Juri, adrett und charmant, ist bereit, alle möglichen und vermutlich auch unmöglichen Fragen zu «Feuchtgebiete» zu beantworten. Im Roman der deutschen Autorin Charlotte Roche erzählt die 18-jährige Heldin Helen deftige Geschichten aus ihrem Unterleib. Es geht um Ausflüsse und Vaginalflora, und die ganze Zeit liegt Helen mit einer Analfissur im Krankenhaus. Wie zur Hölle spielt man so was?
«Der Skandal um das Buch hat mir nicht geholfen», sagt Carla Juri. «Es wurde ziemlich eindimensional diskutiert. Das musste ich ausblenden.» Und eine Figur suchen, die Menschen provoziert, um sie an sich zu binden, wie Juri erzählt. «Im Buch bekommt Helen mit, wie sich ihre Mutter umbringen und ihren Sohn in den Tod mitnehmen will. Sie trägt darauf ihren Schmerz herum und überspielt ihn, indem sie Leute verstört und mit den krassesten Dingen konfrontiert, die ihr einfallen.»
Wer «Feuchtgebiete» nicht gelesen hat, den überrascht der Film denn auch mit der Darstellung der psychischen Beschädigung einer jungen Frau. Aber das Drama liefert auch, was man erwartet: Blut, Smegma, spritzendes Sperma. Zu Beginn experimentiert die Heldin mit verschiedenen Gemüsesorten in der Badewanne. Da ist sie nackt, und auch sonst zeigt Juri viel Haut. «Die Nacktszenen mussten Sinn ergeben. Helen lenkt sich damit von ihrem Schmerz ab. Sie experimentiert als Ersatzhandlung. Ich dachte nie, eine Szene sei aus voyeuristischen Gründen gedreht worden.»
Aber war es schwierig, mit David Wnendt zusammenzuarbeiten, dem männlichen deutschen Regisseur, der ein Buch verfilmt hat, das viele Frauen als befreiend empfunden haben? «Das habe ich mir schon überlegt. Mir war es wichtig, dass Frauen mir glauben. Ich wollte nicht, dass Helen so wird, wie sich Männer Frauen vorstellen.»
Das gelingt Carla Juri. Es gelingt ihr hervorragend. Da trägt eine junge Schauspielerin einen ganzen Film. Weg ist das Wohlanständige und Schmachtende, das sie in Xavier Kollers «Eine wen iig, dr Dällebach Kari» an den Tag legte, eine Rolle, für die sie den Schweizer Filmpreis gewann. Jetzt katapultiert sie sich aus eigener Kraft in höhere Sphären. Carla Juri als Helen, das ist ein Erlebnis, die Show einer frechen, verschmitzten, teils bösartigen jungen Frau.
Juri wirkt mit ihrem Wuschelkopf, dem griechisch schönen Gesicht und der Natürlichkeit, mit der sie ekelhafte Dinge tut, wahnsinnig anziehend. Sie strahlt das aus, was jemand einmal «Rock’n’Rollizität» genannt hat. Wenn sie im Krankenhaus liegt, ist Helen betäubt von den Medikamenten. Aber Juri wirkt zugleich geradezu benommen von der Lust am Schauspiel. Keck flirtet Helen mit ihrem Pfleger, erregt ihn und erregt seinen Ekel. Juri schafft es, trotz aller Deutlichkeit Unschuld zu bewahren.
Liegt in dieser Unbekümmertheit eine Form von Freiheit? Helen verstösst gegen jegliche Hygienegebote, an die sich Frauen halten sollen. «Hygiene ist das Problem von Luxusgesellschaften», erklärt Juri. «Als Kind im Sandkasten befingert man alles. Dann kommt jemand und sagt: ‹Das darfst du nicht.› Das ist der Moment, in dem man nach fremden Regeln zu spielen beginnt.» Entwirft der Film damit eine feministische Praxis? Juri zögert. «Helen will keine feministische Welle auslösen. Sie handelt aus existenzieller Not. Deshalb ist ihre Rebellion berechtigt. Feministinnen dagegen haben Botschaften, weil sie wissen, dass sie etwas wert sind», sagt Juri. «Helen hat das Gefühl, sie sei nichts wert. Solche Leute haben keine Botschaften.» Sondern nur ihren Körper als Instrument des Widerstands. Im Film malen sich Helen und ihre beste Freundin einmal gegenseitig Menstruationsblut ins Gesicht. Es sieht aus wie Kriegsbemalung. Ein feministisches Bild. Ein Bild, das über das Porträt einer seelisch gequälten Frau hinausschiesst und von utopischer Kraft ist.
Schafft Carla Juri mit «Feuchtgebiete» den internationalen Durchbruch? Charlotte Roche wünscht sich, dass Juri zum Superstar werde. Juri lacht. «Ich sehe mich nicht an der Spitze. Ich mache meinen Job. Ich will Geschichten erzählen, die grösser sind als das eigene Leben.»
Weltpremiere von «Feuchtgebiete» heute Sonntag am Filmfestival Locarno (18.30 Uhr, Fevi). Ab 29. August in den Schweizer Kinos.
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