Petition
Tötungen in Wildparks sorgen weltweit für Schlagzeilen

Unser Bericht, dass in Zürcher Wildparks jedes Jahr Dutzende von Jungtieren getötet und den Besuchern serviert werden, mobilisiert über 140000 Tierschützer.

Thomas Münzel
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Viele ausländische Medien forderten ihre Leser dazu auf, zum Vorgehen der Wildparks Stellung zu beziehen. Einige waren fassungslos, andere hatten Verständnis.

Viele ausländische Medien forderten ihre Leser dazu auf, zum Vorgehen der Wildparks Stellung zu beziehen. Einige waren fassungslos, andere hatten Verständnis.

mad

Tiere und ihr Schicksal bewegen die Menschen auf der ganzen Welt. Das zeigt sich gerade auch am Beispiel eines Berichtes dieser Zeitung (Ausgabe vom 7. Oktober), in welchem die Tötung von überzähligen Jungtieren – vor allem Hirsche und Wildschweine – in Zürcher Wildparks thematisiert wurde. Der Inhalt des Zeitungsartikels wurde in den vergangenen Tagen und Wochen nicht nur in der Schweiz, sondern vor allem im Ausland breit diskutiert. Publiziert wurden die entsprechenden Berichte unter anderem in Zeitungen und Onlineportalen der USA, Brasilien, England, Deutschland, Italien, Niederlande, Slowakei, Frankreich, Russland, Vietnam und China.

Nicht selten forderte man die Leserinnen und Leser direkt dazu auf, zum Vorgehen der Wildparks Bruderhaus in Winterthur und zum Wildnispark Zürich in Langnau am Albis, Stellung zu beziehen. Was diese denn auch umgehend taten – bisweilen in grosser Zahl.

Entsetzt und amüsiert

Die Tatsache, dass in den Zürcher Wildparks alljährlich etliche überzählige Jungtiere getötet und diese nicht nur den Raubtieren, sondern auch den Parkgästen in den betriebseigenen Restaurants zum Essen angeboten werden, hat in etwa genau so viele entsetzt, wie es andere amüsiert und gefreut hat. Viele fanden die Vorgehensweise der Parks «eine sehr gute», «pragmatische» und «innovative Idee» und wünschten sich beispielsweise, dass «diese Praxis auch in den USA Unterstützung erhält». Andere hingegen waren schlicht «fassungslos über so viel Grausamkeit» und «Dekadenz», stuften einzig die Spezies Mensch als «überzählig» ein und sprachen den Zürcher Wildparks so quasi ihre Daseinsberechtigung ab.

«Stoppt das Töten»

Im Fokus der Berichterstattung und der Kommentare stand vor allem der Wildnispark Zürich. Die Tatsache, dass von den rund 100 Jungtieren, die dort jedes Jahr zur Welt kommen, die Mehrheit von ihnen – unter anderem aus Platzgründen – getötet wird, hat viele empört. In diesem Zusammenhang wiesen vor wenigen Tagen mehrere Medien daraufhin, dass sich im Internet inzwischen grosser Widerstand gegen die Praxis des Zürcher Wildparks formiert habe. Allein eine in Übersee lancierte Online-Petition, die «das Töten gesunder Tiere» im Wildpark in Langnau am Albis (Wildnispark Zürich) stoppen will, wurde bis gestern von über 140 000 Personen unterstützt.

«Wir sind etwas überrascht über das Echo, das das Thema in den ausländischen Medien ausgelöst hat», sagt Martin Kilchenmann, Sprecher der Stiftung Wildnispark Zürich. «Denn in der Schweiz sind die Reaktionen über unser Vorgehen mehrheitlich positiv». Man habe in den letzten Wochen einzelne Interviewanfragen und E-Mails aus dem angelsächsischen Raum erhalten, bestätigt der Sprecher der Stiftung. «Nach unserer Einschätzung halten sich Befürworter und Gegner unserer Haltungsmethode in etwa die Waage.» Die Stellungnahme zur Forderung der laufenden internationalen Petition fällt knapp aus. «Wir wollen keine Petitionen aus dem Ausland kommentieren», sagt Kilchenmann. «Gesagt werden kann aber, dass wir unsere Grundsätze bezüglich der artgerechten Haltung von Wildtieren, zu der auch die Fortpflanzung und das Aufziehen von Jungtieren gehören, nicht ändern werden.» Dass Tierparks nicht alle Tiere behalten und deshalb einige von ihnen töten müssen, sei eine «unausweichliche Konsequenz davon».

Die Forderung von einzelnen Tierschützern, durch eine geschlechtergetrennte Haltung Jungtiere zu vermeiden, weist Kilchenmann zurück. «Eine strikt geschlechtergetrennte Haltung ist bei vielen Wildtieren nicht artgerecht.»

STS empfiehlt Sterilisation

Das sieht auch die Zoologin Sara Wehrli vom Schweizer Tierschutz (STS) so, die den in der letzten Woche publizierten Zoobericht 2014 mitverfasst hat. «Die geschlechtergetrennte Haltung beim Rotwild ist nicht ratsam – oder nur in Ausnahmefällen.» Dennoch sieht sie eine vertretbare Möglichkeit zur Begrenzung der Anzahl Jungtiere. «Sofern die Tierhaltung tiergerecht ist – wie im Fall des Wildnisparks Zürich – ist die Sterilisation ein vergleichsweise geringfügiger Eingriff in das Tierwohl», sagt Wehrli. Denn das Tier leide ja nicht unter fehlender Fortpflanzung, wie es unter der Enge in einem Käfig leiden würde. «Wenn sich das Tier mit Nahrungssuche, Klettern, Ruhen, Schwimmen, Fellpflege und Sozialkontakten beschäftigen kann, ist die Verhinderung der Fortpflanzung vertretbar – zumal auch in freier Natur nie alle Tiere zur erfolgreichen Fortpflanzung kommen.» Letztlich könnten so die Wildtiere trotz Sterilisation oder hormoneller Methoden zur Paarung kommen, «aber ohne Befruchtung».

«Offen informieren»

Im Zusammenhang mit der noch laufenden Online-Petition meint Wehrli: «Es ist gut, wenn sich die Öffentlichkeit zu dem Thema äussert, wenn man sich über Sinn und Zweck von Zoos Gedanken macht und somit der Druck auf die Zoobetreiber steigt, ihre Tierhaltung zu hinterfragen.» Dennoch stärkt die Tierschutz-Fachfrau dem Wildnispark Zürich den Rücken und gibt ihm einen Ratschlag mit auf den Weg: «Wir sind der Meinung, dass der Wildnispark offen informieren soll, dass die Haltung von Raubtieren zwingend die Zucht und Tötung von Futtertieren notwendig macht.» Denn von irgendwo her müsse ja das Fleisch stammen. «Da dürfte die eigene Bio-Hirschzucht nicht die schlechteste sein.» Und: «Solange wir Menschen Nutztiere und Wild aus Gehegen konsumieren, können wir dem Zoo schwerlich die Futtertierzucht verbieten.»