Gerichtsfall
Toten Freund angeschwärzt

Hohe Geldstrafe für einen Mann, der das Bipperlisi gerammt hat. Der Angeklagte versuchte sich mit einer unglaubwürdigen Geschichte herauszureden.

Samuel Misteli
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Solothurner Zeitung

Die Verhandlung auf dem Richteramt Solothurn-Lebern war rund fünf Minuten alt, da gab es Lob für den Angeklagten von Gerichtspräsident Daniel Wormser: «Eine schöne Geschichte, die Sie mir da erzählen, sehr schön.» Die Ironie war unverhohlen – der Angeklagte sollte offenbar spüren, dass der Richter die Erzählung für ein Märchen hielt. Der 53-jährige Garagist hatte zuvor zum Vorwurf Stellung genommen, den ihm die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift machte, und zu dem er auf der Polizei noch beharrlich geschwiegen hatte: Er habe am 5. April 2007 kurz vor Mitternacht beim Bahnübergang Kirchgasse in Flumenthal die Wechselblinkanlage ignoriert und das Bipperlisi seitlich gerammt. Während der beschädigte Zug stehen blieb, habe er daraufhin in seinem Jaguar die Flucht ergriffen und so unter anderem verhindert, dass die Polizei überprüfen konnte, ob sein Blackout auf übermässigen Alkoholkonsum zurückzuführen war.

Angebliche Freundschaftsdienste

Die Geschichte, mit der sich der Angeklagte das nicht ganz ernst gemeinte Lob des Gerichtspräsidenten verdiente, ging so: Nicht er, sondern ein Bekannter habe den Wagen in jener Nacht gelenkt. Der Freund habe sich das Auto geborgt, weil er eine Frau ausführen wollte, aber über kein adäquates Fahrzeug verfügte. Spät abends habe dann das Telefon geläutet: Am anderen Leitungsende war der Bekannte, der ihm das Malheur gebeichtet habe und ihn anflehte, nicht die Polizei zu benachrichtigen. Ein Wunsch, dem er entsprochen habe.

Eine schöne Geschichte, wie Gerichtspräsident Daniel Wormser fand. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten die Version nicht kennen gelernt, weil der Garagist in den Befragungen die Aussage verweigert hatte. Gesprochen hatte dafür sein Bekannter – in dessen Garage der Jaguar zwei Wochen nach dem Unfall aufgrund des Hinweises eines anonymen Zeugen gefunden worden war.

Der Bekannte hatte ausgesagt, der Garagist habe den Zusammenstoss verursacht und das Auto nach der Flucht bei ihm auf dem Parkplatz zurückgelassen. In der Folge wurde der Garagist angeklagt wegen grober Verkehrsregelverletzung, wegen fahrlässiger Störung des Eisenbahnverkehrs sowie wegen Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrunfähigkeit.

Er machte Mitwisser zum Täter

Der Bekannte des Angeklagten konnte gestern nicht mehr Stellung nehmen zur neu präsentierten Version, die ihn vom Mitwisser zum Täter machte: Er war kurze Zeit nach dem Unfall gestorben.

Stattdessen versuchte der Verteidiger, die offenkundigen Zweifel des Richters an der neuen Geschichte zu zerstreuen: Er tat dies unter anderem mit dem Hinweis, dass unmittelbar nach dem Unfall zwei Anrufe des Bekannten an den Garagisten registriert sind – was nur Sinn macht, wenn die Version seines Mandanten stimmte.

10000 Franken Schadenersatz

Gerichtspräsident Wormser liess sich indes nicht mehr überzeugen: Nach einer nur knapp zweiminütigen Bedenkzeit verkündete er das Urteil – diesmal unter Verzicht auf Ironie: «Ihre Geschichte ist äusserst unglaubwürdig», liess er den Angeklagten wissen. Einerseits erachtete es der Richter als seltsam, dass der Garagist drei Jahre lang geschwiegen hatte, um dann an der Gerichtsverhandlung einen Toten als Schuldigen zu präsentieren. Zudem vermutete Wormser hinter den Aussagen des 53-Jährigen Methode: Auch bei einem weiteren Vorwurf, einer massiven Geschwindigkeitsüberschreitung, machte der Angeklagte geltend, eine andere Person sei am Steuer gesessen. Da hier das Gegenteil nicht belegt werden konnte, wurde der Angeklagte in diesem Punkt freigesprochen.

In den übrigen Anklagepunkten aber ergingen Schuldsprüche. Verurteilt wird der Mann zu einer bedingten Geldstrafe von 2700 Franken (90 Tagessätze à 30 Franken) sowie zur Zahlung einer Busse von 660 Franken. Zudem muss er rund 10000 Franken für den Schaden am Bipperlisi und für Folgekosten aufbringen.