Regierungsratswahlen 2015
Thomas Heiniger: Ein Regierungsrat mit Biss und Ellbogen

Der Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger weiss, was er will. Die vielschichtige Persönlichkeit ist schwer zu fassen. Bei Kantonsräten eckt der FDP-Regierungsrat mit seinen überzeugten Auftritten zuweilen an.

Oliver Graf
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Thomas Heiniger sagt von sich, dass er die Ellbogen ausfahren und kämpfen könne, der Sache willen.

Thomas Heiniger sagt von sich, dass er die Ellbogen ausfahren und kämpfen könne, der Sache willen.

Jiri Reiner

Ein Porträt über Thomas Heiniger zu verfassen, ist nicht ganz einfach. Denn es scheint, als ob es den FDP-Politiker in zwei Versionen gibt, die sich in einem wesentlichen Bereich ganz leicht unterscheiden.

Spricht man mit politischen Weggefährten und Konkurrenten oder mit Personen aus dem Gesundheitswesen über Thomas Heiniger, ergibt sich kein ganz scharfes Bild. Die Aussagen sind zwar weitgehend deckungsgleich – doch in ihrer Interpretation besteht eine gewisse Unschärfe.

Tritt der FDP-Politiker nun verbissen auf – oder einfach nur engagiert? Gibt er sich überheblich – oder ist er einfach nur von seiner Sache überzeugt? Und wie ist der oft gehörte Vorwurf, der Gesundheitsdirektor sei eitel mit dem Bild des Sportbegeisterten zu vereinbaren, der am Zürcher Leichtathletikmeeting unerkannt mit blauem T-Shirt in der Arena als freiwilliger Helfer herumeilt?

Im direkten Gespräch am Stehtisch in seinem Büro ist der Gesundheitsdirektor gewinnend; er geht auf die Fragen ein, argumentiert überzeugend und spricht in druckreif formulierten Sätzen. Im Kantonsrat tritt der 57-Jährige meist anders auf; er liest seine Voten vom Blatt ab und er spricht in diesem Raum, der eigentlich der Debatte der Kantonsräte dient, für einen Regierungsrat zu lange, wie mehrere Kantonsräte monieren.

Den Vorwurf, dass er manchmal arrogant wirke, hört Heiniger nicht zum ersten Mal: «Ich vertrete meine Ziele mit Engagement», sagt der 57-Jährige. «Darum kann ich mich für eine Sache auch mit Feuer und Flamme einsetzen. Ich kann die Ellbogen ausfahren und kämpfen, der Sache willen.»

Dass er nicht zuhören könne und nur seine Argumente gelten lasse, wie es etwa aus der Kantonsratskommission heisst, weist Heiniger zurück. Mitarbeiter oder Kollegen seien immer wieder erstaunt, wenn sie Porträts über ihn lesen. Er sei, sagen diese, doch ausgesprochen offen.

«Es gibt zwei Ebenen», sagt der Gesundheitsdirektor. «Offen nach innen, geschlossen auftreten nach aussen.» Die Meinungsbildung in der Gesundheitsdirektion finde breit abgestützt statt. Da höre er zu, lasse sich beraten und auch durch gute Argumente überzeugen. «Aber wenn ich einen Entscheid gefällt habe, dann will und muss ich diesen auch vertreten, dann trete ich mit einer klaren Meinung und Haltung auf.»

Josef Widler, CVP-Kantonsrat und Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich, bestätigt dies und spricht von einer «konstruktiven Zusammenarbeit». Heiniger sei offen und kommunikativ. Als Verhandlungspartner sei man vielleicht nicht immer einer Meinung. «Aber bei ihm weiss man immer, woran man ist.»

Die Zielstrebigkeit von Thomas Heiniger wird unterschiedlich bewertet. Manche sprechen bewundernd von «erfolgsorientierter Akribie», andere sprechen kritisch von einer «unglaublichen Verbissenheit». Die Zielstrebigkeit manifestiert sich bei Thomas Heiniger auch in seiner Sportleidenschaft. Der Marathonläufer hat seine Zeit in dieser Legislatur auf dreieinhalb Stunden und 17 Sekunden gesenkt (in den erschienenen Porträts vor vier Jahren lag die Zeit noch sechs Minuten höher).

Wenn es die Agenda zulässt, joggt er jeden Dienstag von Adliswil, wo der in Wollishofen aufgewachsene Heiniger seit 1980 lebt, ins Büro. Derzeit legt er dabei auch gewisse Umwege ein, um mehr Kilometer zurückzulegen. Er bereitet sich gerade auf den Zürcher Marathon vor, wo er zum ersten Mal als Pacemaker das regelmässige Tempo für andere Läufer vorgibt (Zielzeit: vier Stunden).

«Natürlich hat das Laufen, hat der Sport mit Ehrgeiz zu tun», sagt Heiniger. Aber das sei auch eine seiner Grundhaltungen – Erfolge fallen nicht vom Himmel. «Das Leben, die Politik ist nicht immer nur easy going.» Es brauche Durchhaltevermögen, einen gewissen Biss, um etwas zu erreichen. Und schliesslich ist das Joggen für Heiniger nicht nur Mühsal: «Das Laufen, die Bewegung macht, trotz des Aufwandes, Spass. Es ist einfach lässig, der Sihl oder dem Seeufer entlang in den erwachenden Tag zu laufen.»

In der Gesundheitsdirektion, der er seit acht Jahren vorsteht, fühlt sich Heiniger wohl. Der 57-Jährige zieht selber eine positive Bilanz: «Die grosse Ordnung ist gemacht.» Damit meint er die Spitalplanung und die Spitalfinanzierung, die der Kanton Zürich unter seiner Leitung zügig vorangetrieben hatte.

«Trotz Anti-Zürich-Reflex übernehmen 24 Kantone unser System der Spitalplanung.» In den kommenden vier Jahren will sich Heiniger, dessen Wiederwahl unbestritten sein dürfte, den Schnittstellen im Gesundheitswesen widmen. «Diese sollen zu Nahtstellen werden», sagt Heiniger, der etwa in der Schnittstelle zwischen Ärzten und Pflegenden neue Berufsfelder sieht.

Kritik am Zürcher Gesundheitswesen kommt von verschiedenen Seiten auf. Privatspitäler, die sich gern freier auf dem Markt bewegen würden, werfen Heiniger etwa «Überregulierung» vor. Der beabsichtigte Verkauf des Kantonsspitals Winterthur sorgt auf linker Seite für Aufregung («Ausverkauf»).

Für FDP-Fraktionspräsident Thomas Vogel zeigt dies, dass der FDP-Gesundheitsdirektor auf dem richtigen Weg sei. Er setze sich nicht für das Wohl einzelner Akteure im Gesundheitswesen ein, sondern für jenes der Patienten. «Er kämpft hartnäckig darum, die Gesundheitskosten im Kanton tief zu halten. Folgerichtig tritt er dagegen an, dass die Zürcher im schweizweiten Vergleich zu hohe Krankenkassenprämien bezahlen müssen.» Und dies mit Erfolg, sagt Vogel. «So konnte er den Zürchern einen Teil ihrer zu viel bezahlten Prämien zurückholen.»

9 Fragen Thomas Heiniger über den Orion, Vorbilder und die Liebe.

Limmattaler Zeitung: Was würden Sie ändern, wenn Sie könnten?

Thomas Heiniger: Vieles hat seine Ordnung in der Welt. Die Natur hat das sinnvoll eingerichtet. Ändern wollen und doch nicht können, das macht unzufrieden. Ich setze dort an, wo ich wirklich kann.

Wohin würden Sie auswandern, wenn Sie müssten?

Wenn, dann nicht wandern, sondern fliegen. Zum Orion vielleicht.

Welche noch lebende Persönlichkeit halten Sie für vorbildlich?

Es genügt nicht eine Person als Vorbild. Ich bin von vielen beeindruckt und lerne gerne da und dort, vom einen und von der andern dazu.

Welche Lektüre liegt bei Ihnen auf dem Nachttisch?

Nur der Wecker. «Nächster Halt» von Arno Camenisch, könnte aber gut und gerne dort liegen.

Welche Ausrede können Sie nicht ausstehen?

Jede. Ich mag Begründungen. Dafür habe ich Verständnis.

Bei welcher Gelegenheit werden Sie schwach?

Nicht bei solchen Fragen. Deswegen verrate ich meine Schwächen nicht.

Welchen Traum möchten Sie sich noch erfüllen?

Noch einen Wunsch, und dann gehen? Nein, da habe ich noch viele Wünsche offen ...

Was ist für Sie Glück?

Lieben und geliebt zu werden.

Macht Ihnen die Vorstellung Mühe, dass Ihr Leben endlich ist?

Nein. Aber jetzt möchte ich noch bleiben. Es gefällt mir da. (og)