Grenchner Kleintheater
Textlich geschliffen und innovativ, musikalisch beindruckend vielseitig

Das war ein wahrlich starker Auftritt. Musikalisch wie textlich: «Wortfront» bescheren dem Grenchner Kleintheater einen gelungenen Saisonstart.

André Weyermann
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Die beiden Wahlberliner Sandra Kreisler und Roger Stein.

Die beiden Wahlberliner Sandra Kreisler und Roger Stein.

zvg

Die beiden Wahlberliner Sandra Kreisler (Gesang) und Roger Stein (Gesang, Piano, Texte) beeindruckten zur Saisoneröffnung im gut besetzten Kleintheater mit einem ungemein dichten Programm. Äusserst poetisch, schlagfertig und fantasievoll werden grosse Gefühle und spannende Geschichten erzählt. Mal schelmisch-augenzwinkernd, hintersinnig, aber auch mal derb-direkt, doch nie belanglos. Man merkt es, der studierte Germanist Roger Stein arbeitet mit der Sprache, er schleift an den Texten, und doch wirken sie nie abgeschliffen. Im Gegenteil. Er verblüfft mit unverschämt-gewagten Wortbildern, die den sprachlichen Horizont beinahe ins Unendliche erweitern. Das Publikum ist gefordert. Die mit treffsichereren End- und Stabreimen durchsetzten Wortkaskaden bedürfen der höchsten Aufmerksamkeit. Das Auftaktlied zeigt, wo es langgeht. Beinahe stakkatoartig wird das Wortfeld «Zeit» in seiner ganzen epischen Breite ausgelegt. Hier eine kleine Kostprobe: «Zeitlöcher, Zeitverschiebung, Zeitzigarren wie bei Momo’/Und Zeit ihres Lebens wäscht meine Oma nur mit OMO/Und ich schreib ihr zum Geburtstag noch schnell ein paar Gedichte/Denn bald ist meine Oma auch schon wieder Zeitgeschichte.»

Dann wieder trifft die Grill-Manie des Normalbürgers auf Zitate und Anspielungen von Schopenhauer, Freud, Marx oder Kant sowie Goethe und Schiller: Dichterfürste duellieren sich um Würste. Oder der Tod hat einen traumhaften Auftritt, ein Ertrinkender wird nicht gerettet, da man für die Aktion zuerst Regeln aufstellen muss, die «Helden» der Postmoderne kriegen ihr Fett ab, «ein Herz aus Freilandhaltung» schüttet sich aus. Herrlich auch, wenn Wortfront selbstironisierend Volksmusik komponiert, um sich quer zu subventionieren, ein Salzstreuer zur Anmache dient, ein «Söldner der Gegenwart» einen Feldzug gegen die Werbeflut unternimmt oder ein Tierlied sich der Amöbe Ferdinand annimmt. Oder, oder . . .

Dass Roger Stein auch eine Ausbildung in klassischem Gesang durchlaufen hat, ist unverkennbar. In einem berührenden Song begibt sich der gebürtige Schweizer ins bäuerliche Milieu, wo ein Landwirt dank seiner Tierliebe zu Geld kommt, darob aber vereinsamt. Gesanglich übernimmt jedoch Sandra Kreisler den grösseren Part. Ob Hiphop, Reggae, Samba oder Pop, die ausgebildete Schauspielerin scheint in jedem Genre zu Hause. Und die Ausflüge ins Chanson-Metier erinnern an eine Dietrich oder eine Knef. Wobei, «Wortfront» will sich eigentlich nicht schubladisieren lassen. Kammerpop lassen die beiden noch gelten oder mit ihren eigenen Worten: «Wortfront macht Musik für offene Herzen und Ohren, für Neugierige und Melodiesüchtige, für Humorvolle, Aufgeweckte und Berührungshungrige. Musik für jene, die sich gerne verzaubern lassen, anstatt vorbei zu hören.»

Zweieinhalb Stunden stehen die Künstler auf der Bühne. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Spielt ihnen die Technik mal einen kleinen Streich, wird improvisiert. Kaum ist ein Text verstummt, der letzte Ton verklungen, breitet sich Spannung darüber aus, womit die beiden einen nun wieder überraschen werden.

Wer das Duo bis jetzt noch nicht gekannt hat, sollte dieses Versäumnis schleunigst nachholen. Nicht umsonst hat sie einer der Meister des Fachs, der unvergleichliche Konstantin Wecker, mit den Worten geadelt: «Wortfront ist einfach grosse Klasse. Was für Texte. Immer eine besondere Wendung, wenn man befürchtet, jetzt könnte es banal werden. Klug und poetisch, und höchst musikalisch.»