Langenthal
Textilhersteller Lantal plant eine zusätzliche Produktion im Ausland

Der Textilhersteller Lantal hat konkrete Auslandspläne. Darunter sollen die Oberaargauer Standorte der 130-jährigen Textilherstellerin aber nicht leiden.

Franz Schaible
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Urs Rickenbacher will am Werkplatz Oberaargau festhalten.Hanspeter Bärtschi

Urs Rickenbacher will am Werkplatz Oberaargau festhalten.Hanspeter Bärtschi

hanspeter baertschi

Es ist lärmig in der Produktionshalle der Lantal Textiles AG in Langenthal. Zig Webmaschinen rattern im Takt. Rasant packen die Greifer die Garnfäden und weben diese zu Stoff in zig Variationen. Genauer zu Stoffbezügen für Sitze, Wandverkleidungen und Vorhänge in Flugzeugen, in Zügen und in Bussen sowie in Jachten. Ebenso liefern die Oberaargauer Teppiche. Auf insgesamt 110 Webmaschinen werden jährlich rund 2 Millionen Laufmeter Stoffe und etwa 800 000 Quadratmeter Teppich gefertigt.

Genau mit dieser bereits 1954 eingeleiteten Konzentration auf die Textilausrüstung für die internationale Transportindustrie legte die Gründerfamilie Baumann das Fundament für den Geschäftserfolg. Lantal ist eines der wenigen Unternehmen in der ehemaligen Textilhochburg Oberaargau, welche den landesweiten Strukturwandel überlebt haben. «Wir sind in einem ausgesprochenen Nischenmarkt aktiv», sagt Urs Rickenbacher, CEO und Mehrheitsaktionär der 1886 gegründeten Firma. Und dort gehört Lantal – typisch für ein Schweizer KMU – zu den ganz Grossen. «Aktuell liegt unser globaler Marktanteil im Bereich Stoffe im Luftverkehr bei 65 Prozent.»

Die Langenthaler rüsten die Maschinen von 300 bis 340 Airlines aus und belegen deren Kabinen mit Sitzbezügen, Teppichen, Wandverkleidungen und Vorhängen. Die Sparte Luftverkehr steuert rund zwei Drittel an den Gesamtumsatz bei. Im Bereich Bus- und Bahnverkehr kommt Lantal in Einzelmärkten wie die Schweiz, Deutschland, Frankreich, Österreich oder den USA auf einen Marktanteil gar von 90 Prozent. Das kleinste Geschäftsfeld heisst Executive. Lantal stattet für gut betuchte Kunden ihre Luxusjachten oder Privatflugzeuge mit Sitzstoffen und Teppichen aus. Zum Kundenkreis gehören etwa der Modeschöpfer Giorgio Armani, der Fussballmäzen Roman Abramowitsch oder auch die US-Regierung für ihre Air Force One.

Der Stoff als «DNA der Kunden»

Die starke Marktstellung ist Programm. «Als Nischenplayer müssen wir in unserem Markt führend sein. Denn in der Regel ist ein Hersteller mit Standort Schweiz der Teuerste», umschreibt der 59-jährige Unternehmer die Herausforderung. Damit die Produkte trotzdem abgesetzt werden können, gebe es nur einen Weg. «Unsere Qualität und Dienstleistung muss besser sein als jene der Mitbewerber.» Darauf wurde die Produktion ausgerichtet. «Der ganze Fertigungsprozess findet inhouse statt. Wir decken speziell im Bereich der Teppiche die gesamte Wertschöpfungskette ab.»

Lantal hat die Wollspinnerei Huttwil übernommen, welche das Garn liefert. Die auch zu Lantal gehörende Teppichfabrik Melchnau produziert die Teppiche sowie den Plüsch für die Bus- und Bahnindustrie. Die hauseigene Designabteilung entwickelt die Stoffe, die «DNA der Kunden», so Rickenbacher. Zudem habe sich Lantal vom reinen Textilhersteller zum Systemanbieter entwickelt.

Lantal liefere die Stoffe und Teppiche zunehmend nicht mehr in Rollen, sondern fixfertig konfektioniert. Dies erlaube es, sich von Mitbewerbern zu unterscheiden und dabei bessere Margen zu erzielen. Die Wertschöpfungstiefe ermögliche es, Einfluss auf die Qualität auf jeder Produktionsstufe zu nehmen und flexibel zu reagieren.

«Rickenbacher, jetzt bist du zu teuer»

Und trotzdem muss Lantal kämpfen. «Der Konkurrenzkampf ist brutal hart», sagt der Patron. Insbesondere beeinflusst der Wechselkurs bei einem Exportanteil von 96 Prozent den Geschäftsgang massiv. «Wir waren bereits vor den Währungsturbulenzen 15 bis 20 Prozent teurer. Die Kunden sind wegen der Qualität nicht abgesprungen.»

Nach der Aufhebung der Wechselkursuntergrenze aber sei nochmals ein Aufschlag von 10 bis 15 Prozent hinzugekommen. «Da haben doch etliche Kunden gesagt: Rickenbacher, jetzt bist du zu teuer.» So ist der Umsatz 2015 um 5 Prozent auf 96,7 Millionen Franken gesunken. «Wir haben aber schwarze Zahlen geschrieben.» Es sei auch zum Abbau weniger Stellen in der Produktion und zu zusätzlichen Kostenreduktionen gekommen, und in der Wollspinnerei habe man zeitweise Kurzarbeit einführen müssen.

Konkrete Auslandspläne

Angesichts des Marktumfeldes erstaunt es nicht, dass Rickenbacher auch über die Grenze blickt. «Wir prüfen ernsthaft, eine Produktionsstätte im Ausland aufzubauen.» Es gehe aber nicht um eine Verlagerung von Arbeitsplätzen, sondern darum, dank der geografischen Nähe zu den Kunden zusätzliche Aufträge zu generieren. Entscheide für Partnerschaften in Europa und in Asien könnten noch 2016 oder im kommenden Jahr fallen. Damit wird Lantal kein Neuland betreten.

Denn seit 1979 betreiben die Langenthaler in den USA eine eigene Weberei. Die Nähe zu den Kunden sei sehr wichtig. So führt Lantal in Seattle (Boeing), in Toulouse (Airbus), in Singapur (Markt Asien wächst stark) und neu ab September für den arabischen Markt in Abu Dhabi eigene Verkaufs- und Dienstleistungszentren.

Am Werkplatz Oberaargau will man «um jeden Preis festhalten». Es gebe trotz Auslandsplänen keine Abbauabsichten. Derzeit laufen die Geschäfte gut. «Wir liegen umsatzmässig sowohl über Vorjahr wie Budget, und wir werden mit einem Gewinn abschliessen.» Ziel sei es, sich leicht über dem Markt, welcher jährlich 3 bis 5 Prozent wachse, zu entwickeln. «Zudem versuchen wir, jedes Jahr pro Marktsegment eine Weltneuheit zu präsentieren.» Jüngstes Beispiel sei ein sogenanntes Deckensegel für Flugzeugkabinen.

Die inwendige Decke zwischen den Gepäckablagen soll nicht mehr mit einem Hartkunststoff verschalt werden, sondern mit einer gespannten Textilbahn. Dank einem einfach zu bedienenden Reissverschluss sei die darüberliegende Technik leicht erreichbar und pro Flugzeugabteil könne 70 Kilogramm an Gewicht gespart werden. «Im Flugzeugbau spielt das Gewicht die entscheidende Rolle.» Die Marktchancen werden als «sehr hoch» eingestuft.

Lantal: seit 1886 am Markt

Vor 130 Jahren wurde in Langenthal die Leinenweberei Baumann & Brand gegründet, spezialisiert auf die Herstellung von Leinenstoff für die Käseproduktion. 1930 wurde die Firma von den Söhnen Fritz und Willy Baumann weitergeführt. 20 Jahre später kam es zur Trennung. Es entstanden drei erfolgreiche Firmen, die heutige Création Baumann als Spezialistin für Vorhangstoffe, die Leinenweberei sowie die Möbelstoffweberei Langenthal AG, die heutige Lantal. Bis 1954 fertigte Lantal Sitzbezüge für Bürostühle, dann erhielt die Firma von der Airline KLM den ersten Auftrag. Der heute 59-jährige Urs Rickenbacher übernahm 2003 von Urs Baumann (dritte Generation) die Geschäftsleitung, ein Jahr später auch die Mehrheit am Unternehmen. Zuvor war der Solothurner als Geschäftsführer von USM Deutschland tätig. Lantal beschäftigt aktuell weltweit 376 Mitarbeitende, davon 333 im Oberaargau. (FS)