Kantonsschule Limmattal
Tec Day: Keine Angst, Technik kann Spass machen

Die Kantonsschule Limmattal führt auf kommendes Schuljahr das Fach «Naturwissenschaften und Informatik» ein. Es ist eine Massnahme gegen den akuten Fachkräftemangel. Der Tec Day macht das Thema erfahrbar.

Julia Wartmann
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Tec Day an der Kantonsschule Limmattal
7 Bilder
Das Rad dreht sich für die Teilnehmer am Modul Schnickschnack für James Bond; Mikrosysteme
Schüler bei einem Experiment im Modul Faszination Brückenbau.
Schüler während einem Experiment.
Daniel Junker beim Aufbau eines Experiments.
Im Modul zu Infrastrukturgrossprojekten werden die Schülerinnen für eine Stunde zu Architektinnen.
Schüler beim Referat.

Tec Day an der Kantonsschule Limmattal

Béatrice Miller

Ein Hochhaus, dessen Wohnungen sich drehen lassen, ein Hotel unter Wasser oder ein Garten über dem Smog: Szenen aus der Zukunft oder baldige Realität? Diese und ähnliche Fragen wurden gestern im Modul «Back to the future – Die Zukunft begann gestern» des Tec Days an der Kantonsschule Limmattal behandelt. Der Tec Day hat zum Ziel, den Schülerinnen und Schülern technische und naturwissenschaftliche Studiengänge und Berufe näher zu bringen.

In den gut besetzten Klassenzimmern sah der Unterricht deshalb etwas anders aus als sonst, denn die über 700 Schülerinnen und Schüler gestalteten ihn aktiv mit. Sie hatten die Möglichkeit, aus einer Liste von fünfzig Modulen in Technik und Naturwissenschaften drei auszuwählen, wie Prorektor Andreas Messmer erklärt. Die individuelle Auswahlmöglichkeit trage ganz wesentlich zum Erfolg der Tec Days bei; dies bestätigten Schülerrückmeldungen aus vergangenen Jahren.

Die Schweizerische Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW) hat die Tec Days bereits an über dreissig Gymnasien in der Schweiz organisiert. Béatrice Miller, selber ETH-Absolventin, und seit dem schweizweit ersten Tec Day überhaupt mit dabei, der 2007 an der KSL durchgeführt wurde, sagt: «Mit dem Tec Day wollen wir ein Schlüsselerlebnis für die Schülerinnen und Schüler schaffen.» Deshalb wurden auch Persönlichkeiten aus Forschung und Industrie als Referenten und Gesprächspartner eingeladen.
Vor allem den Mädchen fehlt es, laut Miller, zum Teil an Selbstbewusstsein, wenn es um Technik und Naturwissenschaften geht. In der Schweiz herrscht momentan ein Mangel an Fachkräften in diesen Gebieten und der Stellenwert der Technik im Alltag nimmt stetig zu. Darauf soll mittels Tec Days reagiert werden. Von Modulen zur Nanomedizin über das Licht von Lasern bis hin zur Sicherheit der Daten im Internet war für jeden etwas dabei. Die Schüler lösten sich für einmal aus ihren gewohnten Klassenverbänden und besuchten die Module in durchmischten Gruppen.

Auch für das Modul zur Sicherheit der eigenen Daten im Internet interessierten sich Schüler aller Altersstufen. Sie machten sich Notizen zu den verschiedenen Arten von Datenklau und zu den Tipps des Experten, wie man sich davor schützen kann. Ein gesundes Misstrauen und sorgfältiger Umgang mit persönlichen Daten gehören laut Kursleiter Beat Küng von der auf Internetsicherheit spezialisierten Firma Verizon zu den wichtigsten Schutzmassnahmen.

Für einige Kurse wie das Modul «Schnickschnack für James Bond: Mikrosysteme» wurden gewisse naturwissenschaftliche Vorkenntnisse vorausgesetzt. Deshalb konnten auch schwierige Fragen des ETH-Referenten von den Schülern korrekt beantwortet werden.
Die meisten Anmeldungen erhielten die Themen Handystrahlen, Biochemie von Drogen und Spuren im Netz. Laut Rektor Werner De Luca ist der Tec Day Sinnbild für den Aufbruch der KSL in eine neue Richtung: «Ab kommendem Schuljahr wird an der KSL zusätzlich zum bestehenden Angebot neu das Promotionsfach ‹Naturwissenschaften und Informatik› unterrichtet.»

In der Pause wurden die Erfahrungen aus dem ersten Block lautstark ausgetauscht. Adrian Orrego (18) aus Maschwanden sagt: «Bis jetzt finde ich den Tec Day spannend. Das breite Themenspektrum erlaubt es mir, mehr über Naturwissenschaften und Technik zu erfahren.

Väter sollen auch Töchter für Technik begeistern

Wer sich bei den Jugendlichen in der Schweiz umhört, kann sich kaum vorstellen, wie sich dieses Land zu einem führenden Hightech-Standort entwickeln konnte. Denn Schulfächer und Ausbildungen in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) sind wenig beliebt. Die Folge: In der Forschung und den Berufen mit technischer Ausrichtung fehlt es an qualifizierten Personen.

Die Akademien der Wissenschaften Schweiz haben in einer aktuellen Studie – dem sogenannten «MINT-Nachwuchsbarometer» die Gründe für diesen Missstand eruiert. Dazu befragten sie 3500 Schülerinnen und Schüler in Gymnasien und Berufsschulen sowie Studierende aus dem MINT-Bereich und Erwerbstätige, die in solchen Berufen arbeiten.
Das Fazit der Studie ist so simpel wie erstaunlich: Schuld am Mangel an gut ausgebildeten Technikern ist nicht alleine – wie oft behauptet wird – unser Schulsystem. Eine mindestens ebenso grosse Rolle bei der Förderung des Technikinteresses spielen das familiäre Umfeld – allen voran die Väter und Grossväter – sowie die Geschlechterrollen, die in der Gesellschaft vorherrschen. Und schliesslich nimmt die Studie auch die Unternehmen in MINT-Bereichen in die Pflicht.

Sorgenkinder Mathe und Physik

Die Untersuchung zeigt, dass gerade Physik und Mathematik seit dreissig Jahren die unbeliebtesten Schulfächer sind. Problematisch ist dies, weil sie als «Schlüsselfächer für eine spätere Karriere im MINT-Bereich» gelten. Einen Grund für den schlechten Stand von Mathe und Physik bei den Schülern verortet die Studie darin, dass sie in diesen Fächern mehr ungenügende Noten erhalten als in anderen. Daher sei es «besonders wichtig, dass dieser Unterricht auf allen Schulstufen bestmöglich gestaltet wird». Weil ein erhöhtes Interesse an Naturwissenschaften nicht automatisch auch das Interesse an Technik erhöhe, brauche es ausserdem eine spezifische Förderung in beiden Bereichen.
Zentral ist laut der Studie auch, dass das Interesse an der Technik bei Mädchen und Jungen gleichermassen und früh geweckt wird. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Väter und Grossväter. Schülerinnen und Schüler wie auch Berufstätige nannten durchgehend sie als jene Familienmitglieder, die ihr Interesse an Technik geweckt hätten. Dies entspreche dem Verständnis, wonach Technik «Männersache» sei, hält die Studie fest: «Männer sollten daher ermutigt werden, diese Vorbildfunktion zu übernehmen – insbesondere gegenüber Töchtern und Enkelinnen.» Geschlechter-Stereotypen widerspiegeln sich denn auch im «Selbstkonzept» von Schülerinnen und Schülern – der Selbsteinschätzung ihrer Fähigkeiten. Das geringe Selbstkonzept hemme Mädchen, MINT-Ausbildungen zu ergreifen, so die Studie. «Deshalb ist es wichtig, dass Mädchen spezifisch gefördert werden.»

Und der Nachwuchsbarometer betont, dass auch Arbeitgeber und Ausbildungsstätten in der Pflicht stünden: Es müsse vermehrt vermittelt werden, dass MINT-Berufe «vielseitig, kreativ und praxisbezogen» sind. Viele Jugendliche und vor allem Frauen lassen sich bei ihrer Berufswahl oft von intrinsischen Motiven leiten – also aus Freude, Interesse oder als Herausforderung. Daher sollten Unternehmen, Berufslehr- und Studiengänge im MINT-Bereich die Arbeitsbedingungen auch für diese Gruppe attraktiver gestalten, raten die Akademien der Wissenschaften.(fni)

«Expo Nano» Ausstellung an der Kantonsschule in Urdorf über Chancen und Risiken der Nanotechnologie. Bis 15. Dezember, 8 bis 17 Uhr.