Regierungskandidaten im Gespräch
Susanne Hochuli: «Ich bleibe nicht bis ins hohe Alter im Amt»

Susanne Hochuli (Grüne) möchte angefangene Dossiers gern zu Ende führen. Im Gespräch mit der az spricht sie über ihre Twitter-Affinität, ihre Kindheit und wie sich ihr Auftreten durch ihre bisherige Amtszeit als Regierungsrätin verändert hat.

Christian Dorer, Hans Fahrländer
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Frau Landammann, der für Sie wichtige Gegenstand, der Sie durch den Wahlkampf begleitet, ist eine Puppe. Was hat es mit ihr auf sich?

Susanne Hochuli: Das ist die kleine Argovia. Ich habe sie von meinem Amtsvorgänger Urs Hofmann an der Landammannfeier geschenkt erhalten. Für mich war das ein sehr symbolisches Geschenk: Er hat mir quasi «den Aargau in die Hände gelegt». Die Argovia ist allerdings nicht nur ein herziges Bäbi, sondern ein ausgewachsenes Weibsbild mit Ecken, Kanten und Kurven.

Sitzt die Argovia in Ihrem Büro?

Ja, sie beobachtet mich täglich bei der Arbeit. Ich habe sie aber auch schon mal an eine Regierungssitzung mitgenommen.

Smartvote

Sie sind ein Phänomen: Sie gehören einer Partei an, die im Aargau weniger als 10% Wähler mobilisiert, und trotzdem sind Sie vor vier Jahren souverän im ersten Wahlgang in die Regierung gewählt worden. Wie war das möglich?

Das müssen Sie jene fragen, die mich gewählt haben. Sicher ist: Ich habe schon als Grossrätin über Parteigrenzen hinweg gearbeitet. Ich bin nicht dogmatisch, politisiere im Dienst der Sache. Ich kann auf Leute aus allen politischen Lagern offen zugehen.

Wurden Sie auch als Frau gewählt?

Hoffentlich! Im Aargau leben mehr Frauen als Männer. Vor meiner Zeit war die Regierung längere Zeit frauenlos. Für viele hat diese Zusammensetzung nicht gestimmt.

Sie fielen durch unkonventionelles Auftreten auf. Konnten Sie das beibehalten oder hat das Amt Sie verändert?

Das Amt hat mich schon verändert, ja. Ich bin zum Beispiel gelassener geworden. Ich kann besser mit Kritik umgehen. Aber ich bin immer noch die Person, die ich vorher war.

Die Arbeitslast ist gross...

... aber sie erdrückt mich nicht. Ich bin – das gäben mir viele Leute nicht – ein äusserst disziplinierter und strukturierter Mensch. Ich strukturiere nicht nur mein Berufsleben, sondern auch die Freizeit. Bewegung ist mir extrem wichtig. Ich habe in meinem Departement Angebote für alle eingeführt, zum Beispiel Spiraldynamik gegen Haltungsschäden.

Sie gelten als Naturkind, lassen sich mit Hund und Ross ablichten, laufen barfuss durchs Gras ...

Das Reiten habe ich aufgegeben. Aber ja, ich bin ein Naturkind. Auf meiner Wanderung rund um den Aargau habe ich oft draussen geschlafen, als ich auf den Kilimandscharo stieg, habe ich eine Woche lang nicht geduscht. In der Mittagspause kaufe ich in Aarau ein Sandwich und setze mich damit irgendwo ins Grüne.

Schauen die Leute Sie da nicht komisch an?

Gibt es ein Handbuch, in dem drinsteht, wie man sich als Regierungsrätin zu verhalten hat? Kann man, wenn man mitunter barfuss läuft, die Akten weniger gut studieren? Ich denke, ich bin bei meinen Auftritten authentisch, bin korrekt angezogen und habe keine Lust am Provozieren. Es muss mit den Vorstellungen in den Köpfen der Leute zusammenhängen, wie ein Regierungsmitglied sich zu geben hat.

Sogar der NZZ ist aufgefallen, dass Sie Neuland begehen, zum Beispiel indem Sie fleissig twittern.

Ja, das hat mich gepackt. Ich gelte ja nicht als Fan von elektronischen Geräten, schaue nicht fern, hatte lange kein Handy. Aber diese Möglichkeit, öffentlich, kurz und knapp etwas zu kommentieren, das fasziniert mich. Man muss sich extrem disziplinieren, wenn man mit 140 Zeichen eine Geschichte erzählen will.

Ihre Gegner sagen: Das ist Wahltaktik, wie Ihre Auftritte in Beizen, die Wanderung durch den Aargau ...

Die Stammtische habe ich von Urs Hofmann übernommen. Ich habe gern direkten Kontakt mit den Leuten. Und in den Ferien den Heimatkanton zu erwandern, halte ich für keine abwegige Idee. Als sie mir kam, habe ich nicht an Wahlen gedacht.

Ist Gesundheit und Soziales Ihr Wunschdepartement?

Ja. Dafür habe ich gekämpft. Nach meinem Verständnis besteht Gesundheit nicht nur aus Heilen, sondern ebenso aus Vorsorgen. Der Bericht «Finanzierbare Gesundheitspolitik» zeigt klar: Wenn wir nicht starkes Gewicht auf das Gesundbleiben legen, wird das System früher oder später kollabieren. Ebenso spannend ist der Sozialbereich. Sozialpolitik ist nicht einfach Sozialhilfepolitik. Im Zentrum muss das Bemühen stehen, dass möglichst viele Menschen eigenständig und selbstverantwortlich ihr Leben bestreiten können.

Neben unbestreitbaren Erfolgen gab es für Sie auch Enttäuschungen. Stichwort Asylchaos, der Plan, in Bettwil 140 Asylbewerber unterzubringen. Der Hauptvorwurf an Sie: Sie hätten zu wenig und zu spät informiert.

Diesen Vorwurf kann ich nicht auf mir sitzen lassen. Sofort, nachdem ein Regierungsbeschluss vorlag, habe ich den Gemeinderat informiert. Natürlich war er nicht begeistert. Aber der Riesenwirbel, der dann entstanden ist, war im Kontakt mit den Gemeindebehörden nicht absehbar. Ich bin nach wie vor überzeugt: Es braucht Asylzentren in Militäranlagen des Bundes, sonst bewältigen wir das Problem nicht.

Ihr Auftritt in Bettwil geriet zum Fiasko.

Es war ein schwieriger Auftritt, aber ein Fiasko stelle ich mir anders vor.

War nicht einfach der Entscheid falsch, in einem so kleinen Dorf ein so grosses Zentrum zu planen?

Erstens: Die Anlage wurde vom Bund geplant. Zweitens: Bundesanlagen kann man viel professioneller führen als kleine dezentrale Unterkünfte. Drittens: Zentrumsgemeinden tragen noch grössere Lasten. Im Umfeld des Bahnhofs Aarau leben 300 Asylbewerber, und zwar nicht bloss für sechs Monate, sondern permanent.

Eine Niederlage brachte auch Ihre Vorlage einer Kantonsspital Aargau AG mit den Standorten Aarau und Baden. Sie wurde vom Parlament zurückgewiesen. War sie zu wenig gut vorbereitet?

Nein. Was wir unterschätzt haben, ist die Angst, die in vielen Köpfen sitzt. Jedes Spital denkt noch vorwiegend für sich. Man denkt regional statt kantonal oder interkantonal. Die Konstruktion einer einzigen Aktiengesellschaft ist ja nicht neu, man hat sie bei der Verselbstständigung der Kantonsspitäler schon angedacht, sich dann aber für getrennte AGs entschieden. Mir geht es darum, dass wir die Spitäler in Aarau und Baden interkantonal gut positioniert halten können.

Die Diagnose im Grossen Rat lautete aber: zu wenig Entscheidungsgrundlagen.

Die vorberatende Kommission hat die Vorlage mit 12:1 gutgeheissen und keine zusätzlichen Unterlagen verlangt. Danach hat die grosse Lobbyarbeit gegen die Vorlage eingesetzt. Fakt ist und bleibt: KSA und KSB müssen sich so aufstellen, dass sie interkantonal möglichst wettbewerbsfähig sind.

Die Verlustangst kommt vor allem aus Baden, weil eben in der Vergangenheit alle «Filetstücke» nach Aarau vergeben wurden.

Ich habe keine Präferenz für ein Spital, sondern muss für die Erfüllung des Versorgungsauftrags schauen. Der Ostaargau legt bevölkerungsmässig am stärksten zu, an der Grenze zu Zürich ist die Verlockung am grössten, in ausserkantonale Spitäler abzuwandern. Diese Entwicklung müssen wir genau im Auge behalten.

Wie schätzen Sie Ihre Wiederwahlchancen ein?

(lacht) Ich weiss es nicht. Sie haben es gesagt: Ich habe eine relativ kleine Partei hinter mir, ich brauche Unterstützung weit darüber hinaus. Ich weiss einfach: Ich würde gern noch vier Jahre weitermachen, weil mir das Amt extrem gut gefällt.

Sind Sie froh, dass die SVP keine Frau als Gegenkandidatin gefunden hat?

Ich kümmere mich nicht gross darum, was die anderen Parteien machen. Ich finde es allerdings bemerkenswert, dass die wählerstärkste Partei keine Frau auf den Schild gehoben hat.

Die SVP behauptet, ihre zweite Kandidatur sei nicht gegen Sie gerichtet. Glauben Sie das?

Es gibt verschiedene Anzeichen dafür, dass mich die SVP weghaben will. Das ist ihr gutes Recht. Was ich seltsam finde: Erst schiesst man voll auf mich, dann sagt man, es gehe nicht gegen mich. Das ist nicht ehrlich. Wer mich weghaben will, soll es offen sagen.

Sie sind noch jung, sie könnten auch eine dritte, vierte Amtsperiode anhängen.

(lacht) Ich bleibe nicht Regierungsrätin bis ins hohe Alter. Allerdings finde ich: Vier Jahre sind für die grossen Geschäfte eines Departementes zu wenig. Ich möchte sie im Interesse der Sache gerne weiterführen.

Lesen Sie morgen das Interview mit Stephan Attiger (FDP), Baden.