Melchnau
Stoff Nr. 6650 ist der Klassiker in der 125-jährigen Lantal-Geschichte

Vor 125 Jahren wurde der Grundstein für die heutige Lantal Textiles AG gelegt. Das ist eine Zahl, die gefeiert werden will. Gefeiert hat sich die Firma bereits letzte Woche: Mit einem grossen Betriebsfest.

Andrea Marthaler
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Geschäfsleiter der Lantal, Urs Rickenbacher, und Urs Baumann, ehemaliger Inhaber und heutiges Vorstandsmitglied
21 Bilder
Lantal erfand ein neuartiges Polster mit Luft- statt Schaumstofffüllung
Das am besten laufende Produkt - Stoff Nr. 6650
Auch mit Spiegelchen im Teppich wurde experimentiert
Die Ausstellung befindet sich im ehemaligen Fabrikraum 5 in Melchnau
Ein neueres Produkt ist der bereits plissierte Vorhang
Das Design für die Sitzbezüge der Postautos entwickelte Lantal
Experiment mit Lochkarten der Webmaschinen - vielleicht ein neues Design
Mit diesem Brandkoffer überzeugte Urs Baumann die Luftfahrtindustrie von seinem schwer entflammbaren Wollstoff
Die Webschiffe
Einmal entwickelte Lantal ein Design aus der Vogelperspektive
Lehrlinge experimentierten mit Kartons - vielleicht gibt es dereinst Stoff mit solchem Muster
Stoff gefärbt mittels Spritztechnik
Rickenbacher zeigt, wie Garn-Spuhlen für die Färbung vorbereitet werden
Der fertig gewobene Teppich wird ein erstes Mal gereinigt
Lantal-CEO Urs Rickenbacher präsentiert die Jahreszahlen 2011
Vorbereitete Spuhlen mit verschiedenen Garn-Sorten
Garn-Spuhlen werden mit Weber-Knöpfen laufend ersetzt
Das angelieferte, gefärbte Garn wird zum Verweben vorbereitet
Zweite, manuelle Kontrolle der Teppiche von Auge
Lantal Textiles AG in Melchnau

Geschäfsleiter der Lantal, Urs Rickenbacher, und Urs Baumann, ehemaliger Inhaber und heutiges Vorstandsmitglied

az Langenthaler Tagblatt

«Wir wollten es mit unseren Leuten geniessen», sagt Geschäftsführer Urs Rickenbacher. Denn diesen sei der Dank geschuldet für ihr Mitwirken. Am vergangenen Freitag waren darum alle Angestellten, aber auch die Pensionäre eingeladen. Die Strasse entlang der Fabrik in Melchnau wurde gesperrt, man hat sich selber gefeiert.

Doch auch der Bevölkerung und allen Interessierten will Lantal anlässlich des Jubiläums einen Einblick in die Firma geben. Im ehemaligen Fabrikraum 5 wurde eine Ausstellung eingerichtet, welche die Geschichte thematisiert und Beispiele von Stoffen, Produkten und Designs zeigt. Auch hier ganz zu Beginn der Ausstellung werden die Mitarbeitenden honoriert. «Lantal dankt seinen Mitarbeitenden für ihr Mitwirken», steht in grossen Lettern.

Melchnauer Perserteppiche

Gegründet wurde die Firma 1886 als die Baumann & Brand Leinenweberei. Im Laufe der Jahre kamen weitere Firmen hinzu wie die Möbelstoffweberei Langenthal AG, die Weberei Meister AG aus Zürich, die Teppichfabrik Melchnau und erst 2008 die Wollspinnerei Huttwil AG. 1996 wurde der Firmenname in Lantal Textiles AG umbenannt. Lange Zeit war die Firma mit Hauptsitz in Langenthal ein Familienunternehmen, geführt über drei Generationen von der Familie Baumann. 2004 übergab Urs Baumann die Aktienmehrheit an den bereits als Geschäftsführer amtenden Urs Rickenbacher.

Doch nicht nur die Firmengeschichte wird in der Ausstellung thematisiert. Die verflossenen Jahre zeigen sich an den verschiedenen Stoffen und Produkten, welche die Lantal in den 125 Jahren hergestellt hat. Darunter sind auch – aus der heutigen Sicht gesehen – Sünden der früheren Firmeninhaber. So webte Lantal Teppiche, die stark Perserteppichen ähneln. Selbst Urs Baumann, der nach wie vor im Verwaltungsrat sitzt, gibt zu: «Der typische Perserteppich müsste eigentlich aus Persien kommen.»

Doch noch heute finden sich die «Melchnauer Perser» in vielen Betrieben, so auch im Hotel Victoria Jungfrau in Interlaken. Ein weiteres Auslaufmodell der Lantal waren Stoffe gestaltet mit Spritztechnik. Statt in verschiedenen Farben gewoben, wurden diese nachträglich draufgespritzt. «Damals war man von der Technik fasziniert. Durchgesetzt hat sie sich aber nie», so Baumann.

Durchgesetzt hat sich hingegen ein anderes Produkt. Nr 6650. Dieser sehr robuste Stoff sei der am besten laufende Artikel der Firma und wurde für Kirchenbänke aber auch für die Sitze der Lokomotivführer verwendet. Auch heute sei er wieder In, allerdings in anderen Farben.

Durchbruch mit Luftpolster

Früher waren die Produkte der Lantal breit gefächert. 2003 hat man entschieden, sich zu spezialisieren. Bezüge von gewöhnlichen Stühlen sowie Teppiche für den Büro- und Heimgebrauch wurden aus dem Sortiment genommen. Stattdessen setzt Lantal seither voll auf die Transportmärkte und stellt Produkte für die Luftfahrt, Schiffe, aber auch den öffentlichen Verkehr her. Urs Baumann machte sich mit schwer entflammbaren Wollstoffen einen Namen. Wobei bei der ersten Präsentation alles schief ging. «Ich hatte das Material zuvor nie getestet, flog nach Amerika und dieses ist beim Test restlos verbrannt», so Baumann.

Heutiges Vorzeigeprodukt ist ein Polster mit Luftkissen statt Schaumstoff. Bisher wird es vor allem in Flugzeugen eingesetzt. Es ist leichter als herkömmliche Polster und erst noch bequemer. «Vor zehn Jahren haben wir diese Technik entwickelt, heute haben wir den Durchbruch geschafft», sagt Urs Rickenbacher. Bereits hat die Swiss ihre Sitze damit umgerüstet, neu habe die Lantal Verträge mit fünf weiteren Fluggesellschaften abgeschlossen. Sein Rezept: «Wir bieten Gesamtlösungen an: Materialien, Innovation und Tests.»

Trotz des geschichtlichen Rückblicks betont Rickenbacher, dass man auch nach vorne schaue. Erst kürzlich sei man eine Zusammenarbeit mit der Ecole cantonale d’art de Lausanne (ECAL) eingegangen. Und in ihrer letzten Projektwoche beschäftigten sich Lehrlinge mit Designs der Zukunft, die ebenfalls Teil der Ausstellung sind.

Werkschau 125 Jahre Lantal: Berghofstrasse 1, Melchnau, Samstag, 10–16 Uhr mit Anwesenheit der Geschäftsleitung, weitere Zeiten für Gruppen auf Anfrage.

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