Regierungsratskandidaten im Gespräch
Stephan Attiger: «Ich kann einschätzen, was auf mich zukommt»

Stephan Attiger (FDP) will nicht ewig Badener Stadtammann bleiben, sagt er im Interview mit der az Aargauer Zeitung. Attiger glaubt nicht, dass das Rennen um den Regierungsratssitz schon gelaufen ist.

Hans Lüthi
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Stephan Attiger will in den Regierungsrat

Stephan Attiger will in den Regierungsrat

Annika Buetschi

Sie haben die Lokomotive Zugkraft Aargau mitgebracht, als Symbol?

Stephan Attiger: Ja, mir gefallen solche Symbole. Die Zugkraft Aargau symbolisiert einen starken Kanton, ebenso die Mobilität der Gesellschaft. Sie hat mit Verkehr und Service public zu tun und mit Energie.

Bei Doris Leuthard hiess es symbolisch, sie werde in der Sänfte in den Bundesrat getragen. Geht es Ihnen für die Regierung ähnlich?

Die Ausgangslage ist gut, aber die Wahlen sind Ende Oktober, das Resultat wissen wir am Sonntag. Die Partei hat mich einstimmig nominiert, ich bin der einzige Kandidat aus dem Ostaargau. Aber jede Wahl ist immer offen.

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Also ist es noch nicht gelaufen?

Es sind jetzt doch neun Kandidaten für fünf Sitze, das gibt eine Ausmarchung, was ja auch gut ist. Gut möglich ist, dass es zu einem zweiten Wahlgang kommt.

Ist es ein Naturgesetz, dass der Badener Stadtammann für die Regierung kandidieren muss?

Nein, es ist fast 30 Jahre her, seit ein Badener Stadtammann kandidierte. Als Stadtammann von Baden ist man Profipolitiker, zusammen mit dem Mandat als Grossrat. Wenn man gerne in der Exekutive arbeitet und nicht bis zur Pension Stadtammann bleiben will, gibt es nicht viele Alternativen. Der Schritt ist logisch.

Steigt die Belastung nochmals?

Ich kann gut einschätzen, was da auf mich zukommt. Für mich war der grosse Schritt der Wechsel von der Privatwirtschaft zur Politik. Man wird zur öffentlichen Person, für die Familie gibt es Veränderungen. Unter der Woche bin ich über Mittag und am Abend sehr selten daheim. Dazu kommen Einsätze am Samstag und Sonntag, wobei ich auch für die Familie da bin.

Die Rückkehr in die Privatwirtschaft ist kein Thema?

Das wäre eine Alternative. Mit 39 Jahren wurde ich relativ jung Stadtammann, da war schon klar, dass acht bis zwölf Jahre die richtige Zeitdauer sind. Das ist ein vernünftiger Horizont. Jetzt würde mich die Wahl in den Regierungsrat freuen und motivieren.

Das Baudepartement scheint auf Sie zugeschnitten. Ist das so?

Wenn man gewählt wird, kann man nicht auswählen, es gibt das Prinzip der Rangfolge. Am Schluss muss der Regierungsrat bestimmen. Ich kann mir verschiedene Departemente vorstellen, im Baudepartement kann man sicher viel gestalten, das kommt mir entgegen.

Die Regierung predigt Wachstum und will 100000 Personen ansiedeln. Ist das verkraftbar?

In der nächsten und übernächsten Legislatur muss man sagen, wie stark das Wachstum sein soll und wo und wie wir das wollen. Bisher war es für den Kanton sicher gut und nötig, es geht uns wirtschaftlich sehr gut. Aber jetzt kommen Ängste, bedingt durch Wachstum und Zersiedlung, weil wir mit der Infrastruktur überall anstehen, im motorisierten Verkehr, beim öV und im Langsamverkehr.

Welches Wachstum wollen Sie?

Die Umkehrbetrachtung führt zur Frage, wo wir noch Freiräume haben, die wir unbedingt sichern wollen. Das muss man diskutieren, denn wir kommen mit unserer Infrastruktur an die Grenzen des Wachstums. Bestehendes Bauland verdichten und allenfalls arrondieren hat Priorität.

Und die Zersiedlung nimmt zu.

Dort, wo wir schon Bauzonen haben, sollte die prioritäre Entwicklung stattfinden. Es gibt gute Beispiele, wie Industriebrachen umgenutzt und neue Arbeitsplätze und Wohnungen angeboten werden konnten. Das sind Projekte, die wir weiter entwickeln müssen, die unternutzten Bau- und Gewerbegebiete.

Das ist zu kompliziert, auf der grünen Wiese geht es viel schneller und kostet weniger.

Das stört mich an unseren vielen Gesetzen und Vorschriften. Wenn wir in einer Industriebrache einen Neubau für Arbeitsplätze machen wollen, haben wir eine Bewilligungskaskade. Darum dauert es fünf bis sechs Jahre bis zur Baubewilligung, auf der grünen Wiese wird sie in einem Jahr erteilt. Hier stimmen die Bedingungen überhaupt nicht, der Anreiz zum Revitalisieren der Industriebrachen fehlt. Wir brauchen schnellere Bewilligungen. Wenn jemand bauen will, braucht er den Raum rasch.

Zum Verkehr: Der Baldeggtunnel kostet 750 Millionen Franken. Das ist doch wahnsinnig viel Geld, für ein paar Minuten Zeitgewinn?

Es ist teuer, aber bei einer Mitfinanzierung durch den Bund möglich. Wenn ich sehe, was vom Bund in den Berggebieten für Umfahrungen bezahlt wird, dann darf Bern auch im Mittelland mehr Geld einsetzen. Es geht um ein Projekt für die Regionen Baden, Brugg und Zurzach, welche von einem Baldeggtunnel profitieren können. Das ist erstens ein grosser Teil des Kantons, zweitens sind zahlreiche Arbeitsplätze betroffen.

Kommen Signale für eine Mitfinanzierung des Bundes aus Bern?

Man muss kämpfen dafür. Die Herausforderung besteht darin, unseren Kanton besser zu vernetzen und anzubinden, die Zentren zu entlasten. Und gleichzeitig nicht den Durchgangsverkehr von Norwegen nach Italien anzuziehen.

Was sagt der künftige Energiedirektor zum Atom-Ausstieg?

Als Präsident der Regionalwerke Baden mit eigenen Wasser-Kraftwerken und Stromverkauf ist klar, dass es eine Wende geben muss. Auf den Bericht des Bundesrates von Mitte September bin ich sehr gespannt. Jetzt müssen wir in neue Techniken investieren, zum Beispiel in die Geothermie, wo wir im Aargau sehr gute Bedingungen haben. Mit Forschung, Geothermie und dem Ausbau der bestehenden Wasserkraftwerke, kombiniert mit Sonne und Wind, kann die Energiewende gelingen. Den Bau von Gas-Kombikraftwerken ab 2020 betrachte ich als den falschen Weg, auch wenn durch den Verzicht die Energiewende länger dauert.

Ist der Import von Atomstrom Teil des künftigen Strommixes?

Nein, das kann es auch nicht sein. Man muss schon eine Gesamtbilanz machen, die Atomkraft muss den Ausstieg schaffen oder ein Entwicklungspotenzial haben mit geringeren Gefahren. Auch das Abfallproblem ist ungelöst, nach 40 Jahren mit Atomenergie sind die Altlasten noch da. Aber statt in Gas-Kraftwerke zu investieren, muss man die Entwicklung fördern. Wenn wir direkt auf die erneuerbaren Energien zusteuern, ist der Anreiz zum Handeln viel grösser.

Gibt es beim Strom aus Wasser überhaupt noch Potenzial?

Ja, aber die Anreize dafür sind zu gering. Wir haben zwei Wasserkraftwerke ausgebaut und mit einer minimalsten Anhebung des Wasserspiegels eine überproportional höhere Produktion erreicht.

Wollen Sie alle Bächlein stauen?

Ich sehe zwei Stossrichtungen: Wenn Private an ihrem Haus etwas machen wollen, sind Warmwasser-Anlagen auf dem Dach am effizientesten. Das ist deutlich besser als Photovoltaik. Wir müssen die Leute zum Bau von Kleinstanlagen motivieren. Der andere Schritt sind Grossanlagen, die professionell betrieben werden. Bei der Wasserkraft lieber die grösseren Werke besser ausbauen, als jedes Bächlein zu stauen, mit wenig Effizienz.

Welche Anlagen sind für Sie förderungswürdig?

Die Kostendeckende Einspeise-Vergütung (KEV) des Bundes ist vom Grundsatz her schon gut, aber in der Anwendung hat sie Lücken. Bei unserem Kraftwerk-Ausbau haben wir zuerst nicht gewusst, dass wir Vergütungen erhalten. Jetzt bekommen wir sie und verdienen damit sehr gutes Geld. Weil das Kraftwerk der öffentlichen Hand gehört, investieren wir es wieder in die Photovoltaik. Aber die Verteilung der KEV-Gelder ist schon fraglich. Besser angelegt ist das Geld mit Sparen, optimaler Isolation und neuen Fenstern. Die nicht verbrauchte Energie ist immer noch die beste.

Die Freisinnigen wollen «das Asylchaos bekämpfen». Wie geht das?

Man darf nicht wegschauen, wir haben hier ein Problem und eine Anhäufung von Delikten, begangen von Asylbewerbern. Das Kernproblem sind die drei Zuständigkeiten Gemeinde, Kanton und Bund. Gemeinde und Kanton haben wenig Einfluss, die Probleme liegen auf Bundesebene. Aus meiner Sicht braucht es unbedingt geschlossene Bundeslager für die Delinquenten. Es ist wirklich falsch, dass es für delinquierende und verurteilte Asylbewerber keine Gefängnisplätze gibt und sie in die Asylzentren zurückkommen. Die Verfahren dauern natürlich viel zu lange, da kann ich nur sagen, was alle anderen auch sagen.