Gaswerkstrasse
Stellensuchende üben mit virtueller Kunst die kaufmännische Praxis

Die Firma C-Arts AG an der Langenthaler Gaswerkstrasse handelt mit Kunstobjekten und Gemälden - aber nur virtuell. Hier wird der Ablauf in einem Handelsbetrieb nur simuliert, so können Stellensuchende bei C-Arts an ihrer beruflichen Zukunft arbeiten.

Urs Byland
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Von links: Nadine Wasem, Markus Leuenberger und Heidi Zingg Knöpfli führen die C-Arts AG.

Von links: Nadine Wasem, Markus Leuenberger und Heidi Zingg Knöpfli führen die C-Arts AG.

UBY

Tag der offenen Tür in der Firma C-Arts AG an der Gaswerkstrasse 33 in Langenthal: Sonja sitzt im Sekretariat und bedient gerade das Telefon. Lara arbeitet an ihrem Arbeitsplatz nebenan am Computer. Die Buchhalterin ist mit Zahlen beschäftigt. Im Grossraumbüro erledigt ein Dutzend Personen vor allem Frauen den Einkauf und den Verkauf.

Die Atmosphäre ist aufgestellt. Sie handeln mit Kunstobjekten und verkaufen Gemälde von Jürg U. Güngerich, Objekte vom verstorbenen Künstler tonyl aus Büren oder Blumenbilder von Madeleine Hürlimann. Laufend werden neue Künstlerinnen und Künstler akquiriert. Die Künstlerinnen und Künstler sind echt und wurden auch angefragt, aber die Firma C-Arts AG in Langenthal an der Gaswerkstrasse 33 ist nicht echt.

Diese gibt es nur virtuell. Die Firma ist nicht im Handelsregister eingetragen, wird von Stellensuchenden betrieben und simuliert den Ablauf in einem Handelsbetrieb.

Virtuelles Üben fürs wahre Leben

«Die Kunstschaffenden finden, Stellensuchende müssen unterstützt werden, weshalb sie ihre Kunstobjekte virtuell zur Verfügung stellten», erklärt Heidi Zingg Knöpfli aus Kriegstetten. Sie ist Mitglied des Dreier-Leitungsteams der C-Art AG und zuständig für den Verkauf. Beinahe jeder stellt sich nun die Frage, wie kann eine virtuelle Firma funktionieren?

C-Arts AG

Die C-Arts AG ist eine kaufmännische Praxisfirma für stellensuchende Menschen, die seit anfangs 2011 funktioniert. Sie richtet sich nach den Vorgaben der Stiftung Arbeitsgestaltung (www.arbeitsgestaltung.ch), der Schweizerischen Praxisfirmazentrale Helvartis und des Seco-Staatssekretariats für Wirtschaft des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements. (uby)

Die Fragenden seien beruhigt: Die Mitarbeitenden von C-Art AG haben mehr als genug zu tun. Käufer sind die über 70 Praxisfirmen (also ebenfalls virtuelle Firmen) im In- und Ausland. Und auch der Einkauf erhält ein Budget. «Hier der Prospekt einer anderen Praxisfirma, einem Seminarhotel in Zürich.

Unser Einkauf muss dort ein Seminar kaufen, und die Mitarbeitenden lernen dasselbe, wie wenn sie beispielsweise für die Firma Güdel eine Maschine einkaufen müssten», sagt Nadine Wasem aus Langenthal, im Leitungsteam zuständig für den Einkauf.

In Sozialkompetenz dazu lernen

Sonja, Lara und die anderen Mitarbeitenden wurden von den Regionalen Arbeitsvermittlungsstellen Emmental und Oberaargau an die kaufmännische Praxisfirma C-Arts AG vermittelt. Hier können sie ihre beruflichen Fähigkeiten in den verschiedensten Abteilungen trainieren, neu erwerben oder vertiefen. Die Tage sind jeweils von 8 Uhr morgens bis 17 Uhr abends ausgefüllt. 60 Prozent der Arbeit beinhaltet die Praxis in der Firma. Das Arbeitsumfeld ermöglicht es den kaufmännischen Stellensuchenden, sich ein möglichst konkretes Bild eines betrieblichen, modernen, kaufmännischen Arbeitsalltags zu machen.

20 Prozent beansprucht die Bewerbungswerkstatt. Jeweils am Montag- und Donnerstagmorgen werden das Dossier optimiert, Vorstellungsgespräche geübt oder der Stellenmarkt abgeklappert. Die restlichen 20 Prozent sind der Weiterbildung vorbehalten, die vom Leitungsteam teilweise individuell gestaltet wird.

«Neben dem Fachlichen lernen die Mitarbeitenden bei uns vielfach in Sozial- und Selbstkompetenz dazu. Damit können sie anders auf dem Markt auftreten, als wenn sie allein zuhause bleiben und nicht gecoacht werden», erklärt Markus Leuenberger, Leiter der Praxisfirma. Er wohnt in Hasle-Rüegsau. Die Stellensuchenden starten als Angestellte bei C-Arts AG, werden stellvertretende Koordinatorin und am Ende Koordinatorin einer Abteilung. «Dann müssen sie wechseln.» Die Einsätze in der C-Arts AG können bis zu sechs Monaten dauern. «Im Moment findet ein reger Wechsel statt», sagt Markus Leuenberger.

Am Tag der offenen Tür helfen drei Personen mit, die in der kommenden Woche bereits in einer neuen Anstellung beginnen. Auch den Tag der offenen Tür haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von A bis Z selber organisiert. «Sie mussten ein Konzept erarbeiten. Und wenn niemand gekommen wäre, hätten sie wenigstens gelernt, wie man das macht», sagt Heidi Zingg Knöpfli.