Dietikon
Stadt gewährt Hausbesitzern Freiheiten, wenn sie ihre Liegenschaften aufwerten

Die Stadt möchte entlang der Limmattalbahn die Quartiere verdichten. Die Hoffnung: Bauen Grundeigentümer hochwertigen Wohnraum, sinken auch die hohen Soziallasten.

Florian Niedermann
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Limmattalbahn: Stadterneuerung Dietikon

Limmattalbahn: Stadterneuerung Dietikon

Florian Niedermann
Plangrafik. In den Quartieren entlang dem Trassee der geplanten Limmattalbahn (orange schraffiert) will der Dietiker Stadtrat die Verdichtung und Aufwertung fördern. Dazu setzt er auf Gestaltungspläne, welche Grundeigentümern ermöglichen, bei Neubauten von der Bau- und Zonenordnung abzuweichen. Dafür verlangt die Stadt bei der Bewilligung der Planungsinstrumente hohe architektonische, städtebauliche und energetische Standards.

Plangrafik. In den Quartieren entlang dem Trassee der geplanten Limmattalbahn (orange schraffiert) will der Dietiker Stadtrat die Verdichtung und Aufwertung fördern. Dazu setzt er auf Gestaltungspläne, welche Grundeigentümern ermöglichen, bei Neubauten von der Bau- und Zonenordnung abzuweichen. Dafür verlangt die Stadt bei der Bewilligung der Planungsinstrumente hohe architektonische, städtebauliche und energetische Standards.

zvg

Wenn die Limmattalbahn dereinst durch Dietikon fährt, und die Passagiere durch die Fenster aus dem Tram schauen, könnte sich ihnen ein völlig anderes Bild bieten als heute. Der Stadtrat will nämlich mit neuen Richtlinien erreichen, dass die Siedlungsgebiete entlang der Zürcher-, Zentral- und Badenerstrasse modernisiert und verdichtet werden. So würde ein «Stadtboulevard» entstehen, der quer durch das Zentrum führt.

Um die Hausbesitzer in den umliegenden Gebieten dazu zu bewegen, ihre Bausubstanz dementsprechend zu erneuern, setzt die Exekutive auf ein Gegengeschäft: Wenn sie für ein Areal einen privaten Gestaltungsplan erstellen, können Grundeigner bei der Planung ihrer Siedlungen von den Vorgaben der Bau- und Zonenordnung (BZO) abweichen. So können Gebäude etwa grösser dimensioniert oder mit zusätzlichen Vollgeschossen ausgestattet werden. Im Gegenzug müssen sich die Hausbesitzer aber an städtebauliche, architektonische und energetische Standards halten.

Die qualitative Aufwertung der Quartiere und des Wohnungsbestands soll sich längerfristig auch auf den Dietiker Finanzhaushalt positiv auswirken, wie Stadtpräsident Otto Müller (FDP) sagt. Rund 50 Prozent der Gebäude in diesem Gebiet stamme aus den Jahren zwischen 1945 und 1960. Die oft unattraktiven Wohnungen darin würden den Zuzug einkommensschwacher Schichten fördern. «Deshalb bildet die Aufwertung des Wohnraums einen wichtigen Faktor dabei, die hohen Soziallasten der Stadt zu senken», so Müller.

Mehr Einfluss als bei Aufzonung

Eine Siedlungsverdichtung hätten die Behörden auch fördern können, indem sie die betreffenden Gebiete in der BZO pauschal aufzonen. Der Weg über die neuen Richtlinien bietet demgegenüber aber Vorteile, wie Stadtplaner Jürg Bösch sagt: «Im Gestaltungsplanverfahren haben wir bessere Möglichkeiten, die Entwicklung dieser Quartiere zu lenken und auf die Grundeigentümer Einfluss zu nehmen.»

Konkret sehen die Richtlinien für die Gestaltungspläne unter anderem vor, dass in den Wohnzonen Gebäude möglichst über die der Strasse abgewandte Seite erschlossen sind, vor den Häusern dürfen nur Besucher parkieren. Weiter muss die Gestaltung der Aussenhüllen «hohen ästhetischen Ansprüchen» genügen. Die Siedlungen sollen sich in bestehende Gebäudeensembles harmonisch einfügen, sagt Severin Lüthy, Projektleiter beim Stadtbauamt. Denn: «Es wird in Dietikon immer ein Nebeneinander von Alt und Neu geben. Wir wollen nicht, dass das Neue das Alte erdrückt.»

Noch strengere Auflagen gibt die Stadt für die Kern- und Zentrumszonen sowie für Gebäude am Stadtboulevard vor: So ist in Kernzonen die Erschliessung über die strassenabgewandte Seite etwa Pflicht. Dazu sollen Wohnungen erst ab dem Hochparterre gebaut werden, das Erdgeschoss ist gewerblichen oder öffentlichen Nutzungen vorbehalten.

Gestaltungspläne können indes nicht für einzelne Häuser, sondern nur für grössere Areale erstellt werden, die aber aus einem Zusammenschluss mehrerer Liegenschaften entstehen können. Die Baubewilligungsbehörde sowie ein Baukollegium beurteilen diese Planungsinstrumente, bevor das Stadtparlament abschliessend über ihre Genehmigung befindet. Laut Lüthy rechnet die Stadt damit, dass der Veränderungsprozess der Quartiere frühestens in 20 Jahren abgeschlossen sein wird.

Eine Verdichtung, wie sie der Dietiker Stadtrat vorsieht, ist ganz im Sinne der kantonalen und regionalen Richtplanungen. Sie sehen entlang der Bahn, die ab 2020 Altstetten und Spreitenbach auf einer 13,5 Kilometer langen Strecke verbinden soll, verdichtete Siedlungsstrukturen vor. Stadtplaner Bösch sagt: «Die Limmattalbahn ist die Impulsgeberin. Die Immobilienbesitzer überlegen sich jetzt schon, wie sie ihre Gebäude entwickeln könnten. Daher ist für uns der Zeitpunkt gekommen, um aktiv zu werden.»

Motion forderte Verdichtung

Die Forderung nach der Verdichtung und Aufwertung des Siedlungsraums entlang der Limmattalbahn wurde auch schon im Dietiker Parlament laut: Der damalige SVP-Parlamentarier und heutige Stadtrat Roger Bachmann reichte im Februar 2012 zusammen mit 25 Mitunterzeichnenden eine Motion ein, in der er eine Änderung der städtischen Bauordnung forderte, um die Siedlungsentwicklung der Linienführung der Stadtbahn anpassen zu können.

Die Motion mitunterzeichnet hat auch der damalige CVP-Gemeinderat Josef Wiederkehr, der selbst an der Zürcherstrasse wohnt. Er begrüsst es zwar, dass der Stadtrat eine qualitative Verdichtung fördern will, wie er auf Anfrage mitteilt. Allerdings habe er Zweifel, ob Gestaltungspläne alleine als Instrumente dazu ausreichen: «Im Gebiet Silbern-Lerzen-Stierenmatt zeigt sich, wie lange es dauern kann, bis ein Gestaltungsplan in Kraft tritt», so Wiederkehr. Eine jahrelange, teure Planung könne viele Grundeigentümer abschrecken, womit die gewünschte qualitative Verdichtung ausbliebe. Um dies zu verhindern, müsste die Stadt gewährleisten, dass Gestaltungspläne speditiv und konstruktiv erarbeitet und bewilligt werden.

Am 29. Januar informiert der Stadtrat im Stadthaus über die neuen Richtlinien. Im Anschluss wird eine Wanderausstellung zum Thema «Dichte begreifen» eröffnet.