Graben/Huttwil
Spitzenschwimmerin Sibylle Gränicher kann Sport und Lehre verbinden

Sibylle Gränicher aus Graben hat klare Ziele: Dieses Jahr noch will die Schwimmerin des Schwimmklubs Langenthal Aufnahme ins Nationalkader finden und die Limiten für die Europameisterschaften schaffen. Zudem will sie Bäcker-Konditorin werden.

Jürg Rettenmund
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In der Bäckerei Lienhart in Huttwil absolviert Sibylle Gränicher ihre Lehre als Bäcker-Konditorin. (jr)

In der Bäckerei Lienhart in Huttwil absolviert Sibylle Gränicher ihre Lehre als Bäcker-Konditorin. (jr)

AZ

Was das heisst, weiss ihr Lehrmeister Urs Lienhart: Der Huttwiler Bäcker musste während der Lehre selbst Leistungssport und Beruf unter einen Hut bringen, war er doch ein erfolgreicher Hürdenläufer. «Leichtathletik und Schwimmen sind vom Trainingsaufbau und der Belastung her vergleichbar», erklärt er. Deshalb bot er Sibylle Gränicher nach ihrer Schnupperlehre an, eine Lehre für Leistungssportler in seiner Bäckerei zu machen.

In der Schweiz weniger bekannt

«Dass Spitzensportler ihre Mittelschule mit dem Training abstimmen können, ist heute in der Schweiz etabliert», hält Lienhart fest. Mit einer Lehre sei dies jedoch seltener und vor allem weniger bekannt. Dabei machten in der Schweiz zwei Drittel der Jugendlichen eine Berufslehre. Dieses Verhältnis gelte auch bei Spitzensportlern, ist Lienhart überzeugt, deshalb würden viele, die eigentlich eine Lehre machen wollten, auf den schulischen Weg gezwungen.

Hier Abhilfe zu schaffen und damit die Lehre attraktiver zu machen, ist Urs Lienhart ein Anliegen. Michel Tavcar, Cheftrainer des Schwimmklubs Langenthal und auch persönlicher Trainer von Sibylle Gränicher, ist froh um diese Lösung: «Sie kann damit ihren Lieblingsberuf lernen und hat trotzdem ideale Trainingsmöglichkeiten, um auch ihre sportlichen Ziele zu erreichen.»

Bereits bei der Elite dabei

Beim Schwimmklub Langenthal verspricht man sich viel von der jungen Schwimmerin, die noch zu den Juniorinnen gehört und dort über 100 und 200 Meter Brust Schweizer Meisterin ist, aber in der letzten Saison auch bereits in der Elite mitschwamm. «Zusammen mit dem etwas älteren Sven Pfeuti bei den Jungs gehört sie zu unseren Aushängeschildern», erklärt ihr Trainer.

Ein Lehrmeister, der Spitzensportler ausbildet, muss nicht selbst Sportler sein. Er muss bloss mit seinem «Stift» eine individuelle Vereinbarung abschliessen, der den Lehrvertrag ergänzt. «Es ist aber sicher von Vorteil, wenn der Lehrmeister zumindest vom Sport ‹angefressen› ist», erklärt Peter Sutter, im Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons Bern Koordinator für die Berufslehren für Leistungssportler.

Denn eine Lehrstelle für einen Leistungssportler benötige mehr Koordinationsaufwand als der Besuch eines Gymnasiums, seien doch mehr Partner beteiligt: Neben dem Lehrbetrieb muss der Sport auch mit der Berufsschule und den überbetrieblichen Kursen abgestimmt werden. Ideal sei, wenn Schule und Kurse normal besucht werden können, so könne sich der Lehrling im zusätzlichen Jahr auf die praktische Ausbildung konzentrieren.

In der Vereinbarung zwischen Lehrmeister und Lehrling - heute spricht man von Berufsbildner und Lernendem - wird zum Beispiel festgehalten, wann der Lehrling für seine Trainings und Wettkämpfe abwesend ist, und wie er Lernziele trotzdem erreichen kann. Die einzige feste Vorschrift ist, dass von den fünf Wochen Ferien, die ein Lehrling bis zum 20. Altersjahr zugute hat, mindestens drei der Erholung dienen müssen und bloss zwei Wochen für den Sport bezogen werden dürfen. Rund 80 Lehrverhältnisse für Leistungssportler bestehen im Kanton gegenwärtig. Das Bedürfnis von Sportlerseite wäre aber grösser, bestätigt Peter Sutter die Einschätzung von Urs Lienhart.

Lehrmeister selber Sportler

Lienhart war selbst nicht nur 1988 Junioren-Schweizer-Meister über 110 Meter Hürden. Er besitzt seit 2009 auch das eidgenössische Diplom als Trainer Leistungssport. Er ist überzeugt, dass sein Engagement im Sport ein Vorteil für seine Lehrtochter ist: «Ich kann beurteilen, was ihr durch Lehre und Training zugemutet wird.»

Die Vereinbarung zwischen Lienhart und Gränicher sieht denn auch vor, dass die Schwimmerin neben dem Tag in der Schule einen weiteren Tag nicht im Betrieb ist. «Das ist der Mittwoch, wenn wir zweimal am Tag trainieren», erklärt Sibylle Gränicher. An den übrigen Werktagen und am Samstag trainiert sie «bloss» einmal, eine halbe Stunde Kraft im Trockenen und dann zwei Stunden im Wasser. Doch Sibylle Gränicher soll trotz ihrer Abwesenheiten für den Sport den Beruf ohne Abstriche lernen können. Deshalb dauert ihre Lehre vier statt drei Jahre.

Integration nicht ganz einfach

Eine Spitzenschwimmerin als Lehrling in seinen Kleinbetrieb mit sechs Angestellten und drei Lehrlingen in der Backstube und der Konditorei zu integrieren, sei tatsächlich nicht ganz einfach, bestätigt Urs Lienhart die Aussage von Peter Sutter. Mit einem zusätzlichen Angestellten sei dies aber machbar. Keine Möglichkeit sieht er hingegen für Mannschaftssportler mit regelmässigen Spielen an den Wochenenden. Denn Bäcker als Beruf bedeutet neben Arbeitszeiten am frühen Morgen auch solche am Wochenende, hat die Bäckerei Lienhart doch am Samstag und Sonntag geöffnet.

Einen Sonntag nimmt Urs Lienhart in nächster Zeit aber trotzdem einmal frei: Er will seine Lehrtochter auch beim Schwimmen kennen lernen und sie bei einem Wettkampf anfeuern.

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