Langenthal
«Sonderbar» – der regionale Treffpunkt für Homosexuelle

Im Oberaargau hat Roger Ingold die erste Bar für homosexuelle Menschen aufgebaut. Einmal im Monat wird im Restaurant La Piazzetta die Bar «Sonderbar» durchgeführt. Hier treffen sich Homo- und Heterosexuelle.

Fabienne Wüthrich
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Auch die Gleichstellung von lesbischen, schwulen, bisexuellen und transgender-Personen ist ehrenwert (Symbolbild).

Auch die Gleichstellung von lesbischen, schwulen, bisexuellen und transgender-Personen ist ehrenwert (Symbolbild).

Solothurner Zeitung

Roger Ingold ist sozusagen ein Pionier. Der 30-jährige Langenthaler würde sich selber jedoch nie so bezeichnen. Ihm geht es nicht um sich, sondern um die Sache. Seit etwa einem Jahr führt er jeden letzten Dienstag im Monat im Restaurant La Piazzetta in Langenthal die «Sonderbar» durch. «Eine Bar für schwule Männer, lesbische Frauen, für bisexuelle und heterosexuelle», wie er selber sagt. Die «Sonderbar» sei ein Treffpunkt, ein Forum – «niemand soll ausgegrenzt werden». Warum er Pionier genannt werden könnte, liegt auf der Hand: Im Oberaargau hat Ingold mit diesem Angebot die erste Bar für homosexuelle Menschen aufgebaut.

Er selber sei ein wenig angestupst worden, die «Sonderbar» durchzuführen. Deshalb bezeichnet sich Ingold selber als Gründer und nicht als Pionier. «Die Idee einer solchen Bar hatte ich schon lange», sagt er. «Mit diesem Angebot wollte ich Leute aus dem ganzen Oberaargau zusammenbringen.» Aus Jux habe er den Betreibern des Restaurants La Piazzetta oft gesagt, er werde hier einmal eine Bar für homosexuelle Menschen öffnen. Aus Spass wurde bald einmal ernst: Rita Soom und Marcel Marti – die Betreiber des «Piazzetta» – boten Ingold tatsächlich an, seine Idee umzusetzen. Da sie am Dienstag Ruhetag haben, kann er das Restaurant für seine Vision nutzen. Er setzte sich mit ihnen zusammen, klärte die Modalitäten und bald war die «Sonderbar» ins Leben gerufen.

«Rita Soom und Marcel Marti lassen mir absolut freie Hand», sagt Ingold. Er sei eine Art Gastgeber, dürfe das «Piazzetta» nach seinem Geschmack dekorieren, die Tische umstellen und die Bar einrichten, wie er wolle. «Das ist natürlich ein Glücksfall für mich», sagt er. So muss Ingold beispielsweise kein Lokal mieten und keine Getränke besorgen. Der Umsatz der Bar fliesst in die Kasse des Restaurants. «Es geht mir schliesslich nicht um den Gewinn, sondern um das Zusammenführen individueller Menschen.» Ingold betont jedoch, dass die «Sonderbar» kein Verein sei. «Es geht nicht um ein politisches Statement, sondern um ein gesellschaftliches.» Von daher kommt auch der Name – ein Wortspiel aus sonderbar und der besonderen Bar.

Einladungen per Facebook

Gesellschaftlich sei Homosexualität immer noch nicht ganz toleriert. Die Langenthaler seien mehr oder weniger vorurteilsfrei gegenüber homosexuellen Menschen. Ingold selber hat sich vor zehn Jahren geoutet – und wird heute manchmal noch angefeindet. «Dennoch fühle ich mich wohl hier und lebe offen damit.» Sein Ziel ist es, dass in ferner Zukunft nicht mehr über Homosexualität diskutiert wird. Er wünscht sich, dass es einfach als normal angesehen wird. Mit der «Sonderbar» trägt er seinen Teil zu diesem Prozess bei.

Ohne viel Geld ein solches Angebot aufzuziehen, sei nicht einfach. Nach einem Jahr hat sich jedoch herumgesprochen, dass es im Oberaargau eine Bar für homosexuelle Menschen gibt. Weil der «Sonderbar» die finanziellen Mittel für die Werbung fehlen, nutzt er die soziale Internetplattform Facebook. Auf dieser verschickt er Einladungen und kündigt an, wann die Bar offen hat. Dazu inseriert er kostenlos in der Berner Gay Agenda und in einer Zeitschrift für Homosexuelle. Das Konzept scheint zu funktionieren: «Die Bar ist immer gut besucht», sagt er. Sie sei nie überfüllt, was angenehm sei. Ingold arbeitet ehrenamtlich und hat jeweils eine zweite Person zur Hand, die Getränke serviert und die Gäste bedient. Seine Helferinnen und Helfer arbeiten auch, ohne dafür Geld zu verlangen.

Manchmal führen Freunde und Bekannte die Bar, wenn er nicht da ist. Er arbeitet bei der Swiss als Flight Attendant und kann es nicht immer einrichten, am letzten Dienstag im Monat in Langenthal präsent zu sein. «Natürlich versuche ich aber, so oft wie möglich hier zu sein.» Der Dienstag sei kein schlechter Abend, um die Bar zu führen. Natürlich sei es kein Wochenendtag, was er bevorzugen würde. Er ist ehrlich: «Es wäre mir schon lieber, an einem Freitag die Bar zu öffnen», sagt er. «Ich richte mich jedoch nach den Öffnungszeiten des Restaurants La Piazzetta und bin zufrieden damit.» Auch dass die Bar nur einmal im Monat öffnet, stört Ingold nicht. Überlegungen habe es gegeben, die Bar an mehreren Dienstagen zu öffnen. Ob schliesslich so viele Gäste kommen würden wie jetzt, sei aber fraglich.

Beerenbowle und Fruchtspiesse

Nur mit Ingold über das Thema «Sonderbar» zu reden, wäre sonderbar – die Bar sollte schliesslich auch besucht werden. Bereits draussen wird auf den bunten Abend aufmerksam gemacht: Eine riesige Regenbogenflagge hängt vor dem Restaurant. Diese, so Ingold, sei das Erkennungszeichen der «gay community». Sie ist aus verschiedenen Farben zusammengesetzt und macht darauf aufmerksam, dass es nun einmal verschiedene Menschen gibt.

Drinnen hat er sich die grösste Mühe gegeben: An diesem heissen Abend serviert er eine erfrischende Beerenbowle und liebevoll zusammengestellte Fruchtspiesse. Blumen stehen auf den Tischen und im Garten leuchten farbige Lichter, brennende Fackeln runden das optische Gesamtbild ab. Gegen 20 Uhr treffen die ersten Gäste ein, sitzen auf die Terrasse. Das Schöne ist, und das sagt Ingold selbst: «Man weiss teilweise nicht, wer schwul, lesbisch oder heterosexuell ist.» Das ist auch das Ziel, es geht um das friedliche Zusammensein.

«Die Mischung macht es aus»

Andrea Gygax aus Bollodingen besucht die Bar fast seit dem Beginn. Sie wurde durch Facebook und Freunde darauf aufmerksam. Gygax findet die Bar «klein und herzig und es ist super, dass es verschiedene Leute hat». Als lesbische Frau sei sie nicht darauf aus, nur auf Gleichgesinnte zu treffen, die Mischung mache es aus. Die Nähe spielt ebenfalls eine Rolle. «Es ist schön, so etwas im Oberaargau zu haben.» Ihre Kollegin Sarah Trummer aus Huttwil stimmt ihr zu. «Eine solche Bar in meinem Umkreis zu haben, finde ich sehr gut», sagt sie überzeugt. Man müsse nicht immer in die grösseren Schweizer Städte, sondern habe sie direkt vor der Nase. Gelobt wird vor allem Ingolds Engagement. «Er ist mit viel Leidenschaft dabei», sagt Gygax.

Das zahlt sich aus: Die Bar ist gut gefüllt, ältere und junge Leute sitzen gemütlich auf der Terrasse, trinken Beerenbowle und unterhalten sich. Ingolds Konzept geht auf. Dennoch möchte er noch mehr erreichen, mehr Leute anziehen. «Viele Gäste kommen aus Solothurn oder Luzern», sagt er. «Schön wäre es, wenn noch mehr Langenthaler kämen». Dafür bereitet er zurzeit eine Homepage vor. Er könnte sich auch vorstellen, einen grösseren Anlass in Langenthal durchzuführen. «Das ist alles in Arbeit», sagt er. Wer weiss, vielleicht verankert sich seine Idee doch irgendwann und es wird nicht mehr darüber diskutiert, wer schwul oder lesbisch ist.

Die «Sonderbar» ist das nächste Mal am 26. Juli und am 30. August von jeweils 20 bis 00.30 Uhr geöffnet. Roger Ingold freut sich über kreative Köpfe, die ihre Ideen gerne in der «Sonderbar» einbringen würden. Interessierte können sich bei ihm über Facebook melden.

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