Untersuchung
So sieht das Zürcher Programm gegen den Suizid aus

Ein Expertenteam schlägt der Kantonsregierung Massnahmen vor, wie sie die Suizidrate senken kann. Ausschlag für den Suizid sind oft zufällige, äusserliche Faktoren. Solche, die sich durch präventive Massnahmen beeinflussen lassen.

Marius Huber
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Ein Suizid ist oft ein «psychischer Unfall» von jemandem, der Hilfe bräuchte.

Ein Suizid ist oft ein «psychischer Unfall» von jemandem, der Hilfe bräuchte.

Keystone

Manchmal werden Suizide rein zufällig verhindert. Als die Schweizer Politik den Katalysator zur Pflicht machte, hat niemand erwartet, dass dadurch die Zahl der Selbsttötungen mittels Abgas drastisch zurückgehen würde. Und als die Armee verkleinert wurde, ahnte niemand, dass sich deshalb weniger junge Männer selbst erschiessen würden. Aber genau so war es, wie aus einem Expertenbericht hervorgeht, den der Zürcher Kantonsrat gestern behandelte.

Anstoss zur Untersuchung hatte ein Vorstoss von Parlamentariern der SP, der Grünen und der CVP gegeben. Diese wollten wissen, ob der Kanton Zürich genug unternimmt, um Suizide zu verhindern. Die Antwort der mehrheitlich aus der Psychiatrie kommenden Experten des Vereins Forum für Suizidprävention und Suizidforschung: Zwar gibt es zum Beispiel auf Gemeinden, in Schulen oder in medizinischen Einrichtungen eine ganze Menge von Beratungsangeboten, die indirekt dazu beitragen können, jemanden vom Suizid abzuhalten. Aber es fehlt an direkten Präventionsmassnahmen, und es fehlt an Koordination.

Viele töten sich spontan

Die Experten empfehlen, diese Lücken zu schliessen – und die Zürcher Regierung hat gestern mitgeteilt, entsprechende Arbeiten seien bereits am Laufen. Begründet werden die Präventionsmassnahmen im Bericht wie folgt: Wer sich in einer Krise das Leben nehme, tue dies entgegen der landläufigen Meinung in den meisten Fällen nicht nach langer Planung, sondern aus einem plötzlichen Impuls heraus. Ausschlaggebend seien oft zufällige, äusserliche Faktoren – also solche, die sich durch gezielte präventive Massnahmen beeinflussen liessen. Dass sich dies lohne, zeige sich daran, dass nur die allerwenigsten Überlebenden eines Suizidversuchs später bei einem neuerlichen Versuch sterben. Mit anderen Worten: Ein Suizid ist oft ein «psychischer Unfall» von jemandem, der Hilfe bräuchte. Mittels Prävention liessen sich die Suizidraten halbieren oder sogar dritteln.

Die Experten raten der Zürcher Regierung, eine Koordinationsstelle einzurichten und sich dann in einer ersten Phase auf rasch umsetzbare Massnahmen zu konzentrieren, um solche Kurzschlusssuizide verhindern. Unter anderem schlagen sie Folgendes vor:

• Die Gelegenheiten für einen Suizid minimieren. Denn: «Ob eine suizidale Absicht realisiert wird, hängt oft von so banalen Dingen ab wie der Verfügbarkeit der Mittel.» Eine Alternative sei häufig nicht gleich zur Hand. Das bedeutet zum Beispiel: Hohe Gebäude und Eisenbahnlinien nach neuralgischen Punkten absuchen und sichern.

• Abgelaufene Medikamente zurückrufen – über die Hälfte der Zürcher Frauen, die sich selbst töten, tun dies mit Gift. Zur Abgabe von privaten Waffen und Munition aufrufen und das Deponieren von Dienstwaffen erleichtern – suizidale Zürcher Männer greifen fast in jedem dritten Fall zur Schusswaffe.

• Alle Schulen auf einen Suizid vorbereiten. Ein solch traumatischer Vorfall soll sich nicht unkontrolliert auf die ganze Schule auswirken können. Mögliche Nachahmer sollen erkannt werden.

• Eine Informationskarte mit Notfalladressen an potenziell Gefährdete verteilen – also Leute, die einen Suizidversuch hinter sich haben oder aus einer psychiatrischen Klinik kommen.

Reporter in die Pflicht nehmen

In einer zweiten Phase raten die Experten, aufwendigere Massnahmen anzupacken. Zudem gelte es, bestimmte Berufsgruppen in die Pflicht zu nehmen, die bei Suiziden oft eine Rolle spielen. Dazu gehören folgende Punkte:

• Eine kontinuierliche Nachbetreuung einrichten für alle Leute mit besonders hohem Suizidrisiko, die aus einer Klinik entlassen werden.

• Medienschaffende zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem Thema anhalten. Wenn diese reisserisch über Suizide an spektakulären Orten berichten oder über neue Suizidmethoden, animiert dies labile Menschen zur Nachahmung. Umgekehrt können Berichte über positive Krisenbewältigungen präventiv wirken.

• Suizide statistisch erheben und auswerten. Dies, um den Erfolg der Prävention zu überprüfen und um neue Methoden sowie neue neuralgische Punkte frühzeitig zu erkennen.

• In einer dritten Phase geht es laut den Experten unter anderem darum:

• Eine Helpline einrichten für Fachleute, die mit Suizidgefährdeten zu tun haben. Diese kontaktieren vor der Tat zum Beispiel oft den Hausarzt. Vielen Ärzten fehlt aber das Wissen, um den Zustand solcher Patienten zu erkennen.

• Ein Kriseninterventionszentrum für Jugendliche aufziehen, um «eine der wichtigsten Versorgungslücken» überhaupt zu schliessen.