Meinerseits-Blog
So klappt es mit der Beachtung

Es ist ein ziemlich gewöhnlicher Abend an einem ziemlich gewöhnlichen Ort irgendwo in Dietikon. Mein Arbeitstag ist vorüber, die Hektik liegt hinter mir; bevor ich nach Hause gehe, will ich noch etwas abschalten, Anspannungen lösen.

Drucken
Teilen

Doch etwas irritiert mich gewaltig: Neben mir schnaubt und prustet es, urschreiartige Geräusche werden ausgestossen und es wird gestöhnt, dass es einem die Schamröte ins Gesicht treiben könnte.

Ich versuche, das animalische Treiben zu ignorieren, doch mit wenig Erfolg. Kein Wunder: Die Ecke des Fitnesscenters, in der ich mich befinde, ist mit Spiegeln ausgekleidet. Und in jedem davon reflektiert sich ein keuchender Mann, der in einem verschwitzten Muskel-Shirt Hanteln stemmt. Selbstverliebt blicken die Männer dabei entweder auf ihre eigenen Muskeln, wie diese sich ach so maskulin unter der Anstrengung wölben, oder in den Spiegel. Was sie dort sehen, gefällt ihnen sichtlich: Sie schmunzeln ihrem Spiegelbild verschwörerisch zu.
Das alles könnte ich ja gerade noch knapp ertragen. Die ständigen beifallhaschenden Blicke in meine Richtung - und in die Richtung aller weiblichen Wesen im Hantelbereich - finde ich hingegen eher anstrengend. Das Bedürfnis, beachtet und bewundert zu werden, ist offensichtlich ziemlich gross.

Eine andere Möglichkeit, Blicke auf sich zu ziehen, fand kürzlich eine Frau mittleren Alters in der S-Bahn zwischen Dietikon und Zürich. Da der Zug relativ voll war, stand ich auf der Plattform bei den Türen, als die sportlich aussehende Frau in Schlieren einstieg. Ohne lange zu zögern, packte sie die Querstange über sich und begann, Klimmzüge zu machen. Dazu zählte sie laut mit: neun, zehn, elf, zwölf. Als sie bei dreissig angekommen war, schlug meine Belustigung in eine Mischung aus Verblüffung und Bewunderung um. Die Frau schien zwar etwas verrückt, aber auf jeden Fall extrem fit.

Vielleicht sollten die stöhnenden Hantelmänner ja einmal diese Variante ausprobieren, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Aber Achtung: Unter dreissig Klimmzügen bin ich nicht beeindruckt.

Bettina Hamilton-Irvine ist Stv. Chefredaktorin der az Limmattaler Zeitung. Sie wohnt in Dietikon.

29. März 2012

Fruchtfliegen beim Sex erwischt

Kürzlich sassen wir ein erstes Mal draussen in der Beiz. Der laue Abend gesellte sich als warmer Bruder zu uns, das «Tschööpli» konnte man getrost an der Stuhllehne hängen lassen.

Im Zusammenhang mit diesem frühsommerlichen Gast am Tisch - geradezu ein heisser für Mitte März - kamen wir auf das Frühlingserwachen zu sprechen. Jedes Jahr dasselbe: Balzverhalten hüben und drüben, die Welt kommt in Stimmung.

Bereits kann man die tollkühnen Enten verfolgen, auf ihren Flügen durch Dietikons Gassen. Haarscharf kurven sie über die Dächer, meckern um die Wette im Kampf um die holde Maid und landen schliesslich schnatternd auf der Reppisch oder der Limmat. Frau und Mann haben die Daunenjacke an den Nagel gehängt, es wird wieder öffentlich gebuhlt - mit allen Mitteln oder mit so wenig Mitteln, wie möglich. Kurz: Der Spargel wächst - und das nicht nur auf dem Feld. Das haben wir während des Bierchens selber festgestellt. Dazu muss man nicht besonders beschlagen sein, ein Blick rundherum genügt. Und man weiss ja von der allgemeinen Paarungslust im schönen Lenz, dafür braucht es weder Doktor noch Professor.

Aber halt! Neulich las ich doch in der Zeitung folgende Meldung: «Fruchtfliegen, die sich nicht paaren konnten, trinken mehr Alkohol als sonst.» Wie es beim Menschen steht mit den Phänomenen von Liebe und Sex, wissen die Wissenschafter vermutlich aus eigener Erfahrung. Aber wie machen es die Fruchtfliegen? Seit Jahrhunderten warten wir auf diese Antwort, und jetzt endlich bringt die University of California Licht in unsere dummdüsteren Köpfe!

Die fiesen Forscher brachten nämlich leidenschaftliche Fruchtfliegenmänner mit bereits gepaarten und befriedigten Fruchtfliegenfrauen zusammen. Diese zeigten den Freiern dann bloss die kalte Schulter. Die Flieger machten sich darauf frustriert vom Acker und suchten Trost im Suff. Die University of California blieb die Antwort schuldig, ob sich das Verhalten dieser dekadenten Fruchtfliegen auf den Menschen übertragen lässt. Schade. Vermutlich lassen uns die Gelehrten auch mit dieser Frage wieder jahrelang allein...

Thomas Pfann ist Journalist und Musiker. Er lebt in Dietikon.

22. März 2012

Der Knopf in der Leitung
Ich weiss, es ist ein Luxusproblem. Trotzdem irritiert es mich immer wieder gewaltig: Nachdem ich meine Kopfhörer benützt habe, um im Bus oder im Fitnesscenter Musik zu hören, rolle ich das Kabel fein säuberlich auf und verstaue es, eingepackt in ein kleines Etui, in meiner Handtasche. Wenn ich die Kopfhörer dann nur wenige Stunden später wieder hervornehme, sind die Kabel plötzlich zu einem unansehnlichen Geschwulst verheddert. Wie ist das nur möglich?

Ich kann es mir beim besten Willen nicht erklären, wie die Kopfhörer es schaffen, sich selber zu verknoten. Unterdessen scheint mir auch die Möglichkeit nicht mehr so abwegig, dass jemand, der es auf mich abgesehen hat, immer wieder heimlich meine Handtasche durchwühlt und die Kabel hinterhältig ineinander verknotet. Vielleicht ist es ja dieselbe Person, die regelmässig meine Büroklammern ineinanderverkeilt und die zweiten Socken nach dem Waschen versteckt.

Trotzdem bringt mir der mühsame Kabelsalat nicht nur Pech. Wie sich letzthin in der S3 nach Zürich zeigte, kann er auch zu ganz netten Begegnungen führen. Seit ich in Glanzenberg eingestiegen war, versuchte ich schon, die Kabel zu entwirren; mit sehr verhaltenem Erfolg. Als ich in Schlieren immer noch zog, wickelte, fädelte und zerrte, schaltete sich der ältere Herr, der mich bis dahin interessiert beobachtet hatte, ein: «Das ist ja schlimmer als der Gordische Knoten», sagte er freundlich. Ich stimmte ihm herzhaft zu und schon waren wir mitten im Gespräch. Bis zur Ankunft in Zürich fachsimpelten wir angeregt über die Tücken der modernen Technik und die Vorteile von portablen Kommunikationsgeräten. Er hatte soeben herausgefunden, wie er auf seinem Natel ein Foto seiner Frau ihrer Nummer zuweisen kann. «Nun sehe ich immer ihr Bild, wenn sie mich anruft», erklärte er strahlend. Ich fand seinen Eifer so rührend, dass es mich gar nicht mehr störte, dass das Kabel immer noch nicht entwirrt war.

Und die Moral von der Geschichte? Ein Knopf in der Leitung muss nicht immer nur schlecht sein. Der Verzicht auf die Ohrstöpsel kann durchaus auch einmal zu einer liebenswerten Begegnung führen.

Bettina Hamilton-Irvine ist Stellvertretende Chefredaktorin der az Limmattaler Zeitung. Sie wohnt in Dietikon.

15. März 2012

Bauwut: Helden der Arbeit
Ich befinde mich im Zustand ständiger leichter Verwirrung. Vielleicht sogar des leichten Schwindels. Schwindlig wird mir, dem Ur-Limmattaler (man verzeihe mir den Pathos in diesem Wort, schliesslich lebe ich seit Geburt hier), ob der schier grenzenlosen Baubegeisterung der hiesigen Talbewohner.

Eben noch war ich in Uitikon an einer Orientierungsveranstaltung des Gemeinderats zum öffentlichen Gestaltungsplan Leuen-Waldegg. Da entsteht Neu-Uitikon! Eine riesige Überbauung von 70000 Quadratmeter Land und mit erwarteten 500 bis 700 neuen Einwohnern. Ähnliches hat Aesch vor mit der Bebauung des neuen Quartiers Heligenmatt-Feltsch. Hier sollen bis zu 800 Einwohner mehr dazu kommen - bei einer Einwohnerzahl, von über 1000.

Meine leichten Schwindelanfälle rühren aber nicht von daher, denn da wird ja gar noch nicht gebaut. Vielmehr sind die Veränderungen in Schlieren, dessen Einwohnerzahl um 4000 gestiegen ist, und in «meinem» Dietikon rasant. Hier fahren die Bagger auf, als ob es ein Wettrennen um den goldenen Pflasterstein gäbe. Als Neu-Bewohner des alten Dietiker Industriequartiers (natürlich wurde nur mein Arbeitsplatz hierher verlegt), konnte und kann ich sehen, mit welchem Verve man hier zu Werke geht.

Bei all den Architekten, Planern, Projektleitern, die sich über ihre Pläne beugen und ihre Visionen mal gekonnt, mal weniger eindrücklich verwirklichen, gehen die Arbeiter vergessen, welche die Sache mit eindrücklicher Ruhe und Gelassenheit hochziehen. Ich habe sie in den letzten fünf Monaten gesehen. Wie sie Zementsäcke hoch schleppten, Kabel verlegten, Rohre isolierten, Tore installierten, Pflastersteine verlegten, Kandelaber verankerten und Bäume eingruben.

Letzte Woche aber der Clou: Arbeiter zogen die Baugespanne für den Limmat Tower hoch, das 80 Meter messende Hochhaus. Und wie sie das taten: Mit Kletterausrüstung erklommen sie die filigranen, wackelnden Gespanne. Ein mulmiger Anblick, der meine Schwindelgefühle befeuerte. Ihnen, den unerschrockenen Kletterern, widme ich diese Kolumne. Stellvertretend für alle Helden der Arbeit.

Flavio Fuoli ist Redaktor der Limmattaler Zeitung. Er wohnt in Dietikon

8. März 2012

SSDBR wird garantiert ein Hit

Schlieren hat seinen Bekanntheitsgrad in den vergangenen Wochen massiv gesteigert. Ungewollt, zugegeben, aber effektiv. Schuld am «Hype» um die Stadt vor der Stadt ist das Komikerduo Giacobbo/Müller.

Ihre Reisereportage zu den schönsten Schlieremer Ecken hat das Nachbardorf gehörig aufgerüttelt. Ich kanns verstehen.

Tatsächlich hinterlässt der Gang durch Schlieren nicht nur den Eindruck, als hätte man eben das Paradies gesehen. Es gibt noch zu tun. Auch dem Plakat gleich an der Badenerstrasse mit der Aufschrift «Leben in der Gartenstadt» fehlt irgendwie die Durchschlagskraft, wie es da etwas verloren zwischen eckigen Neubauten und Betonmischmaschinen hängt. Trotzdem. Es geht was in Schlieren. Bis alles an seinem Platz steht, brauchts noch ein wenig Geduld, aber dann sieht die Sache wohl ganz ordentlich aus.

Inzwischen sollte man die zufällig zugefallenen Ressourcen nutzen. Zuerst der Gratiswerbefilm zur besten Sendezeit am Sonntagabend, dann wöchentlich mindestens eine Erwähnung mit Ortsnamen, flankiert mit einem faulen Spruch von Mike oder Victor. Liebe Schlieremer, schöpft dieses PR-Potenzial voll aus! Schaltet den «Ferien-Werbespot» mit Mike Müller auf eure Schlieren-Homepage und zeigt, dass ihr Humor habt!

Der lustige Beitrag war ja, nebenbei gesagt, gar nicht so besonders lustig. Darum würde ich unbedingt ein paar Schritte weiter gehen und gleich einen Wettbewerb veranstalten. «Schlieren sucht die beste Reisereportage», kurz SSDBR. Die Leute sollen ihre Sicht aus und von Schlieren präsentieren, von topseriös bis aberwitzig. Ihr glaubt gar nicht, was da für coole Beiträge zusammenkommen!

Bietet den Monopolkomikern vom Fernsehen die Stirn und beweist, dass ihr am besten über euch selber lachen könnt. SSDBR wird ein Hit, davon bin ich überzeugt. Man wird sich wundern, wie viele Filmemachertalente sich in der Stadt bis jetzt versteckt hielten. Und es ist ein Steilpass in Richtung sonntäglicher Programm-Satire im Kaufleuten - mit einem kräftigen Dankeschön hintendrein.

... ja, da hat Schlieren richtig Schwein gehabt! Von uns Dietikern spricht wieder einmal keine Sau ...

Thomas Pfann ist Journalist und Musiker. Er wohnt in Dietikon.

1. März 2012

So lovely ist Dietikon

Würden Sie Dietikon als «reizend», «so cool» und «ein wenig wie ein Dorf voller Puppenhäuser» beschreiben? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich selbst dann nicht, wenn Sie, so wie ich, Dietikon sehr wohlgesinnt sind und die Stadt regelmässig in Schutz nehmen, wenn sie von Unwissenden als nicht sehr attraktiv bezeichnet wird. In diesem Fall dürfte es Sie also freuen, dass Dietikon tatsächlich Begeisterungsstürme auslösen kann.

So geschehen diese Woche - von meiner guten Freundin aus Brasilien, die zurzeit zu Besuch ist. Auf einem Spaziergang ins Zentrum fand sie den Schäflibach «very cool», die Häuser alle so sauber und hübsch «like dollhouses» und den Kirchplatz «lovely». Nebst Dietikon findet sie die ganze Schweiz so gut, dass sie bei einem Höhenspaziergang «I love CH» in den Schnee stapfte. Denn auch Schnee sieht sie zum ersten Mal in ihrem Leben. Und was neu und anders ist, vermag uns oft besonders zu faszinieren.

Deshalb versetzt unsere Organisation und Korrektheit die Freundin auch regelmässig in einen Zustand, der zwischen Begeisterung und Befremden schwankt. Dass die Züge auf die Minute pünktlich abfahren und schon dreiminütige Verspätungen auf dem Display ankündigen, findet sie drollig. Ebenso, wie sauber die Strassen sind und wie minuziös der Abfall getrennt wird. Dass alle sofort Englisch mit ihr sprechen, erstaunt sie genauso wie der kleine Junge, der sich kürzlich auf dem Frauen-WC eines Restaurants dafür entschuldigte, dass sie noch warten musste, bis seine Mutter die Hände gewaschen hat. Sogar die Kinder seien so höflich hier, meinte sie entzückt.

Den Gipfel fand sie aber, als ein riesiger, wuscheliger Hund in die S3 nach Zürich einstieg. Dessen Herrchen nahm im Abteil neben uns Platz und deutete nur kurz auf den Hohlraum unter den Rückenlehnen, worauf sich der Hund sofort ohne zu Murren dorthin zurückzog. Das war zu viel für meine Freundin. «Ich kann es nicht glauben, dass sogar eure Hunde so organisiert sind!», rief sie aus.

Unsere spiessige Schweiz hat eben auch ihre guten Seiten.

Bettina Hamilton-Irvine ist Stv. Chefredaktorin. Sie wohnt in Dietikon

23. Februar 2012

Urdorf: Die Macht hält Hof

Es sind seltsame Zeichen, welche die Urdorfer Strassenzüge derzeit «verzieren». Es sind lange, Hunderte von Metern lange Seile, welche von einem Masten zum nächsten gespannt sind. Versehen sind sie nicht etwa mit Parolen für dies oder jenes, sondern mit Lumpen, einfachen Lumpen, welche keiner Bedeutung zugeordnet werden können. Man munkelt, es sei die Macht, welche für das spezielle Zeichen verantwortlich ist. Wenn man sich unter den Einheimischen im kleinen Kreis umhört, so wird einem versichert, dass ebendiese Macht demnächst eine Demonstration ihrer Kraft und Stärke durchzuführen gedenkt. Sie braucht keine Parolen auf ihren Strassenbannern. Jeder weiss um ihre Bedeutung.

Noch erschütternder ist der Einfluss dieser Macht auf die hiesige Migros. Am kommenden Samstag schliesst sie ihre Tore bereits um 13 Uhr. Gegen die Macht und sein Organisationsgeschick hatte sie keine Chance. Es wundert niemanden zu erfahren, dass am nächsten Samstag die Hälfte der Urdorfer Strassen gesperrt sind für den alles dominierenden Aufzug der Macht.

Die Heimbasis dieses alles beherrschenden Monsters ist ein Bauernhof etwas ausserhalb von Urdorf. Man hörte, es hätte ihn für über eine halbe Million gekauft, einfach so. Man weiss, dass dort seltsame Männer und Frauen herumlaufen. Der innere Zirkel trägt zum Zeichen seiner Bedeutung rote Jacken und eigenartige, goldverzierte Hüte, die mit «Zötteli» versehen sind. Der Zirkel ist der eigentliche Protagonist der Macht.

Ihm soll man in diesen Tagen nur mir Vorsicht begegnen. Er ist so mächtig, dass er jedes Jahr einen unschuldigen Bürger der Gemeinde entführt und ihn als sogenannten «Schirmherrn» einsetzt. Dieser soll den Anschein einer gewissen Verbundenheit mit dem Volk vorgeben, aber hinter vorgehaltenen Händen spricht in Urdorf jeder Klartext: Gegen die Macht hat auch dieser in Wirklichkeit nichts auszurichten.

So bereitet sich die Macht derzeit ungehindert vor: Sie, die Clique Schäflibach, die Narrenvereinigung, organisiert am kommenden Samstag den grossen Fasnachtsumzug rund um Urdorf.

Flavio Fuoli ist Redaktor der Limmattaler Zeitung. Er wohnt in Dietikon

16. Februar 2012

Gefrorene Leitungen helfen Wasser sparen

Ich kenn einen, der zog vor Jahren in ein altes Bauernhaus in der Stadt. Eine Art Gesindehaus, das sich fast unbemerkt durch die Jahrhunderte schmuggeln konnte. Ganz früher fehlten Wasserleitungen im Hausinnern gänzlich, auch die Toilette befand sich draussen - ein Plumpsklo (Plumpsklo? Es war eine gutschweizerische «Chnebelschi...»!). Item. Geheizt wurde damals mit Holz im grossen Kachelofen in der Stube.

Das war um Achtzehnhundert-ungrad. Das Haus steht heute noch. Und noch immer ist die haustechnische Einrichtung marginal. Inzwischen gibt es zwar ein WC im Haus - im 2.Stock notabene - und die Küche führt Wasser. Wohlige Wärme entweicht drei (!) Elektrospeicheröfen, die bei knapp positiven Aussentemperaturen satte 16 bis 17 Grad in die Zimmer zaubern. Wird's auf der Strasse unter null, kommt der historische Kachelofen zum Einsatz. Gut gefeuert, schafft der grüne Klotz eine unvergleichliche Atmosphäre. Es wird dann im Haus bis zu 16 oder 17 Grad warm.

Böse Zungen behaupten, das Haus sei wie eine Alphütte und gleiche ein bisschen dem Kopf eines Bewohners dort - hoch oben und primitiv eingerichtet... Na, auf jeden Fall treffe ich diesen regelmässig, und es nimmt mich natürlich wunder, wie es sich denn so wohnt, wenn Väterchen Frost aus Sibirien derart durchs Land zieht. Prinzipiell, sagt er, sei es eine Frage der Einstellung. Der Kälte trotze man, indem man ein warmes «Tschööpli» anziehe. Holz kaufen, Holz sägen, Holz hacken, Holz transportieren, Holz beigen, Holz von draussen holen, Holz verbrennen - alles kein Problem, man gewöhne sich daran.

Obendrein vermittle es ein archaisches und romantisches Lebensgefühl in einer technisierten Welt. Zurzeit erlebten die Hausbewohner - inklusive Feriengäste - eine extrem ursprüngliche Note des Wohnens. Gefrorene Leitungen helfen extrem gut, Wasser zu sparen. Wasser in Dusche, Toilette, Brünneli - alles Fehlanzeige. Einzig in der Küche tropfe es recht fleissig aus dem Wasserhahn.
Auf meine Frage nach dem momentanen Romantikfaktor hat er mir bis jetzt allerdings noch nicht geantwortet.

Thomas Pfann ist Journalist und Musiker. Er wohnt in Dietikon.

16. Februar 2012

Brutaler Kampf in Schlieren

Der Kampf hatte Spuren hinterlassen. Zumindest bei mir: An meinem rechten Fuss wurde mir in der Hitze des Gefechts der grosse Zehennagel nach hinten gebogen, er ist nun violett verfärbt und wird sich wohl bald vom Zeh lösen.

Auch mein linker Fuss ist verletzt, wobei ich mich nicht erinnern kann, wie dies geschah. Auf jeden Fall ist er geschwollen und fühlt sich beim Auftreten empfindlich an. Auch Muskeln und Gelenke wurden in Mitleidenschaft gezogen, was wohl zu erwarten war nach einem eineinhalbstündigen Kampf gegen einen stärkeren Gegner.

Denn ja: Mein Kontrahent war stärker und einen halben Kopf grösser, ausserdem ein Mann und kampferprobt, beides im Gegensatz zu mir. Dass er gegen eine Frau kämpfte, darf man ihm aber nicht zum Vorwurf machen, denn ich hatte ihn herausgefordert, hatte das Duell vorgeschlagen - im Nachhinein, wenn man sich die Kampfspuren so ansieht, muss man sicher sagen, törichterweise. Dafür muss man mir eine gewisse Unerschrockenheit anrechnen, was in Kämpfen ja auch nicht zu verachten ist.

Genützt hat es mir aber herzlich wenig. Denn nicht nur die Spuren an meinem Körper erzählen von meiner Niederlage, auch das Resultat fiel klar zu meinen Ungunsten aus. Ich bekam - bitte entschuldigen Sie meine saloppe Sprache - so richtig auf den Sack. Nun könnte man meinen, dass ich nach Hause ging, meine Wunden leckte und mich damit tröstete, dass ich es wenigstens versucht hatte - und es damit bewenden liess. Doch mitnichten. Schon wenige Tage später ging ich zurück an den Ort des Geschehens und stieg erneut in den Ring. Sie ahnen es: Auch diesmal musste ich eine herbe Niederlage einstecken. Und wissen Sie was? Ich werde wieder hingehen, bis ich ihn schlagen kann. Bis zum bitteren Ende.

Seit ich dieser Kampfeslust verfallen bin, kann ich mir endlich vorstellen, wieso sich laut einer Umfrage viele Schlieremer rund um den Bahnhof herum nicht sicher fühlen. Denn im Sportzentrum Vitis gleich beim Bahnhof werden grausame Kämpfe ausgetragen. Ich weiss, wovon ich spreche: Ich habe kürzlich angefangen, Squash zu spielen.

Bettina Hamilton-Irvine ist Stv. Chefredaktorin der Limmattaler Zeitung. Sie wohnt in Dietikon.

1. Februar 2012

Sony: Bijou für Stadtwanderer

Der Stadtwanderer geht mit offenen Augen durch das Limmattal. Wo entsteht Neues, Spannendes, wo entsteht Architektur, welche das Herz berührt und Balsam für die doch oft geschundene und enttäuschte Seele darstellt.

Der Stadtwanderer braucht Geduld, will er fündig werden. Nicht hinter jeder Strassenbiegung, nicht in jedem Hinterhof spriesst architektonisch Besonderes, stilistisch Aufregendes und designmässig Betrachtenswertes hervor. Im Limmattal, so scheint es, stiert er oft ins Leere, sprich an wenig erbauliche Architektur, an Belanglosigkeiten. Eine leise Enttäuschung stellt gewiss das Limmatfeld dar, die neue Stadt in der Stadt, deren Architektur sich nicht so recht fassen und einordnen lassen will.

Da nahm der Stadtwanderer jüngst einen Umweg, um an sein Ziel zu gelangen. Und siehe da, er war am Ziel, bevor er es erreicht hatte. Er fand sein neustes Bijou, eine kleine Offenbarung nämlich, die «Sony»-Überbauung in Schlieren von steigerconcept ag. So wie das Weltunternehmen der Elektronikbranche für Innovationskraft und Designanspruch steht, so übertrugen hier die Architekten diese Werte auf eine gelungene Überbauung.

Dem Stadtwanderer fiel vor allem der kleine Büroturm auf. Seine fein gegliederten, raumhohen Fensterelemente geben dem Bau eine ungeheure Leichtigkeit. Der Bau scheint zu schweben. Der Stadtwanderer rühmt den Mut der Architekten, inmitten des Gewusels aus Gleisen, Autoüberführung, Verkehr und kleinstädtischer Struktur ein solches Wahrzeichen zu setzen. Und das erst noch auf einer Wiese, auf der der Stadtwanderer vor Jahren einst Fussball gespielt hatte!

Der Stadtwanderer will nicht klagen. Es gibt noch weitere gebaute Herzerwärmer. Er liebt das Kaffeetrinken in der umgebauten «Krone» in Dietikon, er mag den Bummel durch den gebauten Vorhimmel namens Kloster Fahr oder er bewundert an Vernissagen nicht nur die ausgestellten Exponate, sondern auch die umgebaute Aermo-Hallen in Dietikon. Und hier sind auch die Neubauten von Tilla Theus bei der «Krone« in Bearbeitung. Der Stadtwanderer ist schon mal gespannt.

Flavio Fuoli ist Redaktor der az Limmattaler Zeitung. Er wohnt in Dietikon.

26. Januar 2012

Szenen aus der Säugass

In Dietikon Mitte zu wohnen bedeutet viel Gutes. Zum Beispiel ist es nachts manchmal recht ruhig - kein Autobahnlärm, wenig Flugzeuggedröhn und Schiffsverkehr. Man ist zentral.

Ich hab ja früher bereits darüber berichtet. Daran hat sich nicht viel geändert. Ausser, dass vermehrt krakeelende Heimkehrer saubannerzugmässig durch die Säugass ziehen. (Eingeweihte Dietiker wissen, um welche Strasse es sich handelt...).

Im Sommer sitzen die Stumpengesichter noch länger vor der Quartierbeiz als früher, leiern von ihrem fremdverschuldeten Schicksal oder singen übers trunkene Elend aus den Flaschen. Das kann dauern bis um eins in der Früh. Dann schwanken sie ost- oder westwärts und verrichten ihre Notdurft - an unser Auto oder unter den Briefkasten.

Dabei begegnen sie vielleicht einer Lusttruppe auf dem Heimweg. Einer der Lustigen lässt sich eines der tausend getrunkenen Biere durch den Kopf gehen und schmeisst die leere Dose in den kleinen Vorgarten vor dem Haus. Ein anderer «praleeget» präventiv in die dunkle Nacht hinaus - es könnte ja sein, dass sich Sumpfkumpane aus der Beiz auf Kollisionskurs bewegen und den vom Bahnhof her kommenden Stosstrupp aufzureiben gedenken. Da kanns dann schon mal laut werden. Auch schon sprachen die Fäuste und einer lag danieder.

In so einem Fall bieten wir einen besonderen Service an: Gleich neben der Haustüre gehts hinunter in den Keller. Feucht und unangenehm, dafür geschützt und verborgen. Dort unten reihert es sich ungestört und man kann getrost den Siech ausschlafen. Ein Appell an alle Benutzer: Bitte nehmen Sie doch Ihre Kleider nach dem Nächtigen wieder mit, auch den Hut!

Das alles gehört zum nächtlichen Alltag in Dietikon Downtown. Sollte es jemanden geben, der es nicht glaubt, laden wir ihn gerne für eine Erlebnisnacht ein - Zimmer-Frühstück zum Nebensaisontarif. Nicht viel Neues also im Dorf, ausser das: Seit kurzem klaut uns jemand die Zeitung aus dem Kasten! Das, meine Damen und Herren, mögen wir gar nicht und macht uns unzufrieden. Rechnen Sie also damit, dass wir Sie - mit unserer Zeitung in den Händen - einmal herzlich begrüssen eines frühen Morgens.

Thomas Pfann ist Journalist und Musiker. Er wohnt in Dietikon.

20. Januar 2012

Sie machen sich lustig über mich

Ich habe sie noch nicht aufgegeben, die Hoffnung, dass sie eines Tages plötzlich weg sind. Dass ich eines Morgens im Büro erscheine und sie verschwunden sind, als wären sie nie da gewesen. Weg, fort, beseitigt. Dass die Welt wieder in Ordnung ist.

Es ist mir bewusst, dass diese Hoffnung unterdessen langsam lächerlich ist, aber ich kann sie nicht aufgeben.

Trotzdem muss ich gestehen, dass ich tief im Inneren nicht mehr richtig daran glaube, dass sie verschwinden. Denn sie hängen schon da, seit unsere Redaktion vor dreieinhalb Monaten ins Dietiker Limmatfeld umgezogen ist: hässliche, irritierende Plastikfetzen, die sich in einem kahlen Baum verfangen haben, in dessen Geäst sie nun hilflos im Wind flappen, gestrandet, erledigt wie eine Fliege im Spinnennetz. Aus unserem Sitzungszimmer haben wir freie Sicht auf die kläglichen weissen Plastikstreifen, die dem Schächli-Areal, auf dem der verhängnisvolle Baum steht, eine unangenehme Getto-Atmosphäre verleihen.

Vielleicht fragen Sie sich, wieso ich mich so aufrege über ein paar blöde Plastikfetzen. Ehrlich gesagt, ich weiss es auch nicht. Aber sie machen mich fertig. Mit jedem Blick, den ich auf sie werfe, vergrössert sich mein Ärger, mit jedem Tag, an dem sie immer noch da hängen und sich über mich lustig machen, verstärkt sich meine Abneigung gegen diese lumpigen Feinde vor meinem Fenster, die ich nicht besiegen kann.

Kürzlich ist mir die Parallele zu einer Episode aus der Fernsehserie «30 Rock» mit Tina Fey aufgefallen. Darin steigert sich die Comedy-Produzentin Liz Lemon in ihren Groll gegen einen Plastiksack hinein, der vor ihrem Fenster in einem Baum hängt, bis dieser ihr ganzes Leben beherrscht und sie an nichts anderes mehr denken kann. Bis sie glaubt, dass ihr Glück einzig davon abhängt, den Plastiksack entfernen zu können. So weit ist es bei mir noch nicht. Doch ich habe mich dabei ertappt, wie ich darüber nachgedacht habe, woher ich eine Kettensäge bekommen könnte und wie ich am besten in den Baum klettere. Aber ansonsten bin ich nicht besessen von den Plastikfetzen. Kein bisschen.

Bettina Hamilton-Irvine ist Stv. Chefredaktorin der az Limmattaler Zeitung. Sie wohnt in Dietikon.

5. Januar 2012

Nein, Dietikon mit L

Wie es jetzt ist, weiss ich nicht, war schon lange nicht mehr da. Gut möglich, dass die Amis nun wissen, wo und wer die Schweiz ist - jetzt, wo die Banken ihr Image derart gefördert haben.

In östlichen Gefilden ist die Schweiz schon länger bekannt. Im ehemaligen Zarenreich hat «Schweizarje» einen festen Platz in den Geschichtsbüchern. Steuerte doch Genosse Uljanow dereinst vom Zürcher Limmatquai direkt auf die Newa in St. Petersburg zu - in einem Zug zur Revolution. Einige sagen sogar, die Nähe zum Cabaret Voltaire und den Dadaisten hätte Lenin revolutionär vollends in Fahrt gebracht. Behilflich bei der folgenschweren «Züglete» war ihm übrigens sein in Dietikon wohnhafter Freund Fritz Platten.

So gut lässt sich die Schweiz also geografisch erklären. Etwas schwieriger ist es, den Standort von Dietikon zu definieren. Den gröbsten Filter wende ich im Ausland an. «Ich komme aus Zürich», sag ich kurz und bündig. Sollte das Interesse des Gegenübers den ersten Smalltalk überleben, füge ich an, dass ich genau genommen in der Stadt Dietikon lebe, welche wiederum gleich bei Zürich liegt - so nahe, dass man in anderen Ländern schon längst zur Grossstadt Zürich gehören würde, weil es zwischen dem Zentrum Zürich und den Dietikern Blöcken keineswegs mehr eine Grenze hat. Das funktioniert immer, Zürich kennen alle.

Ungleich schwerer fällt es manchmal, das örtliche Befinden Dietikons den eigenen Landsleuten zu erläutern. Sie verwechseln es mit dem fast gleichnamigen Dietlikon im Norden Zürichs. Das kann man ja noch gelten lassen. Schliesslich gibt es auch ein «Laax» im Bündnerland und ein «Lax» im Wallis. Ein «a» mehr oder weniger bedeutet 100 Kilometer Distanz. «Nein, ich meine Dietikon, ohne ‹l›» geb ich zur Antwort. «Ah, das bei Spreitenbach...», heisst es dann. Das kann ja nicht ihr Ernst sein, oder?

Thomas Pfann ist Journalist und Musiker. Er wohnt in Dietikon.

29. Dezember 2011

Eine Jacke mit Botox-Wirkung

Zuerst dachte ich, es sei ein Zufall. Kommt ja manchmal vor, dass sich eine Begebenheit in kurzer Abfolge mehrmals wiederholt - und man ist dann gerne versucht, etwas hineinzuinterpretieren, obwohl da gar nichts ist.

Unterdessen bin ich aber ziemlich sicher, dass es kein Zufall sein kann. Es ist nun einfach zu oft passiert: Ich würde sagen, schätzungsweise zwölfmal bin ich in den vergangenen drei Wochen von mir unbekannten Personen mit Du angesprochen worden.

Naja, denken Sie wohl nun, das waren wohl Situationen, in denen man sich einfach Du sagt: Konzerte vielleicht, Partys, Cafés, in denen man es locker nimmt. Doch dem ist nicht so: Es waren ältere Verkäuferinnen im Coop, ein SBB-Angestellter in Dietikon (der übrigens mich und meinen Begleiter auch noch fragte, ob jemand von uns unter 16 sei), ein Herr mittleren Alters, der mich auf dem Kirchplatz um Feuer gebeten hat. Gestern sogar ein Herr, den ich geschäftlich in Uitikon traf. Und das Auffälligste: Es waren Verkäuferinnen, welche die Frau neben mir (ich schätze, sie war etwa gleich alt wie ich) siezten oder solche, die ich mit einem freundlichen «Grüezi» begrüsste, damit sie mir dann im Gegenzug ein niederschmetterndes «Hoi» an den Kopf werfen konnten.
Auf der Suche nach einem Muster fiel mir bald auf, dass ich immer dann geduzt wurde, wenn ich meine schwarze Winterjacke mit der Fellkapuze trug. Bevor ich die Jacke hatte, passierte es mir kaum je - und wenn ich eine andere trage, kommt es auch nicht vor. Die einzige, wenn auch unbefriedigende Erklärung, die ich also bisher für die auffallend häufigen Dutz-Vorfälle habe, ist, dass die Jacke mich wahnsinnig viel jünger aussehen lässt.

Was das Problem ist, fragen Sie sich vielleicht. Ist doch toll, oder? Nun, verstehen Sie mich nicht falsch, ich will mich ja nicht beklagen. Aber: Ich bin 33 Jahre alt. Eine Jacke, die mich 18 Jahre jünger aussehen lässt, ist mir, ehrlich gesagt, ein wenig unheimlich. Doch ich sehe auch das Positive: Wenn mich die Jacke in 20 Jahren statt wie 53 wie 35 aussehen lässt, wird sie plötzlich zur Geheimwaffe. Botox-Frauen, nehmt euch in Acht.

Bettina Hamilton-Irvine ist Stv. Chefredaktorin der az Limmattaler Zeitung. Sie wohnt in Dietikon.

22. Dezember 2011

Kerzen: «Oh du fröhliche...»

Es trug sich, in der Weihnachtszeit, im kleinen Häuschen am Waldrand in Dietikon, zu. Der Mann staunte über die Frau.

Seit Wochen schon, seit es bereits etwas früher eindunkelte, beleuchten Hunderte, wenn gar nicht Tausende von Kerzen das bescheidene Wohnzimmer. Jedenfalls schien es dem Manne so.

Die Frau war natürlich ganz anderer Ansicht. Die vorweihnachtliche Stimmung sollte etwas Glanz in die gute Stube bringen und die Gemüter, durch die Dunkelheit draussen eh schon der Düsternis ausgesetzt, etwas aufheitern. Mit einer Mischung aus Faszination und leichtem Entsetzen beobachtete der Mann, wie die Frau Kerzenpack um Kerzenpack kaufte und in den Schränken verstaute. Der Vorrat war gesichert und eine lichterfüllte Weihnachtszeit war garantiert.

Das leichte Entsetzen des Mannes rührte daher, dass er nebst Miternährer der Familie gleichzeitig der Mann für die Hauswerkerarbeiten ist. Schon mehrmals nämlich hatte er das ganze Haus innen und, einmal, gar aussen gestrichen. Er wusste, was es heisst, die Leitern mit Farbkübeln in der Hand rauf- und runterzurennen und die Wände wieder weiss zu streichen. Kerzenwachs, das war dem Mann klar, konnte für Sinnvolleres als Kerzen verwendet werden. Etwa durch die Behindertenstiftung in Urdorf, die mit Kerzenwachs so genannte K-Lumets herstellt, raffinierte Feueranzündhilfen aus Abfallholz, Karton und Wachsresten. Eine tolle Sache, die im Ofen jeden Holzstoss anzündet und garantiert keine Russspuren an den Wänden verursacht.

Man darf wissen, dass der Mann sich eine kindliche Seele bewahrt hat. Emotional hatte er der Kerzenflut, dem Lichtermeer in seiner Stube nichts entgegenzusetzen. Etwas zerknirscht, aber nicht unfroh stellte er fest, dass seine Frau mit diesen Kerzen eine gelungene Vorweihnachtsstimmung herbeizauberte. Man soll den Mann sogar schon beobachtet haben, wie er bei Beginn der Dämmerung selber, mit Zündhölzchen und Feuerzeug bewaffnet, sich die Arbeit machte, das Lichtermeer zu entfachen. Es musste etwas in ihm passiert sein. Denn: Wände streichen kann er ja im Sommer wieder.

Flavio Fuoli ist Redaktor der az Limmattaler Zeitung. Er wohnt in Dietikon.

15. Dezember 2011

Als man noch Spaghetti fuhr

Anfangs Sek im Dietiker Zentralschulhaus wusste ich noch nicht so genau, was ich mal werden wollte. Irgendwann musste man sich aber entscheiden und ich wurde Mechanist. Hab dann ein paar Jahre im Aussendienst als Technist gearbeitet, verdiente den Batzen als Musikist und bin heute Journaler.

Einiges ist seit meiner Zeit als Schülist anders geworden. Zum Beispiel das Skifahren - und wie man heute darüber spricht. Ab und zu durften wir Schülisten am Samstagmorgen nämlich noch etwas früher nach Hause, um Russi, Tresch und Hemmi bei der Schussfahrt ins Tal auf Spaghettis anzufeuern. Spaghettis nennt man heute übrigens die Ski aus den 70ern und 80ern.

Skiisten waren da noch überall weit verbreitet, auch in der Schule. Womit ich nicht sage, dass die Kids heute weniger aktiv sind. Skateboardisten, Snowboardisten oder Freestylisten machen die verrücktesten Sachen. Fahren Treppengeländer herunter, Springen über meterhohe Hindernisse und verdrehen Kopf und Kragen in der Luft, dass einem Angst und Bang wird.

Da staunt der alte Spaghettifahrer, und der todesmutige Einfachsaltospringer von damals - ein ehemaliger Balletskiist - wundert sich. Wer heute nach einem krassen 25m weiten «Rodeo 900 Tailgrab» keinen sauberen «switch» im «powder» landen kann, gilt als «loser». Nicht gecheckt? Googeln!

Trotzdem stellt man bei den Freizeitaktivitäten der Schülisten Unterschiede fest. In meiner Klasse waren die Schneesportisten noch in der Überzahl, heute sind sie schon fast eine Randgruppe. Diese gesellschaftliche Mutation äussert sich nicht zuletzt in der Wahrnehmung und bei der Sprache. Unser Jüngster ist ein Freeskier und war kürzlich unterwegs in die Berge.

Am Dietiker Bahnhof, auf den Zug wartend, begegnete er einer Truppe Spätheimkehrer auf dem Heimweg vom Zürcher Ausgang. «Ey, was häsch Du für Chleider aah, Mann», sagte einer und deutet auf die langen Skisocken des Wartenden. «Gasch go Tschutte?» Sein Kollege bremste ihn ab und klärte auf. «Ja, gsesch nööd, eh? Das isch dänk en Schiifahrischt, Mann!»

Thomas Pfann ist Journalist und Musiker. Er wohnt in Dietikon.

8. Dezember 2011

Ach, die Nostalgie

Es war mitten in der Bergdietiker Gemeindeversammlung, als mich plötzlich ein Hauch von Nostalgie anwehte. Dieser hatte weder mit dem Budget zu tun, welches die Stimmberechtigten absegneten noch mit dem Kredit für die Sanierung einer Strasse, der einiges zu reden gab. Sondern mit dem Hellraumprojektor, den einer der Gemeinderäte zur Hilfe zog, um zu demonstrieren, wieso der Kredit benötigt wird. Als ich ihn sah, dieses kastige Ding mit seinem rustikalen 1970er-Charme, seiner beleuchteten Arbeitsfläche und der immer leicht verzogenen Projektion, da wurde es mir aus unerklärlichen Gründen warm ums Herz.

Sie müssen wissen: Ich gehöre zur Generation Hellraumprojektor. Als ich zur Schule ging, gab es keine Powerpoint-Präsentationen auf dem Computer, sondern Folien auf dem Hellraumprojektor. Wollte ich einen Vortrag besonders elegant visuell untermalen, so bereitete ich einen Stapel Folien vor, die ich während meiner Rede dann mit wichtiger Mine eine nach der anderen auf die beleuchtete Fläche legte. Ach, die guten, alten Zeiten.

Wer das sagt, ist alt. Ich weiss. Noch viel älter komme ich mir aber vor, wenn ich einer jüngeren Person von den Matrizendruckern erzähle, die meine Primarlehrer noch verwendeten, und die Person keine Ahnung hat, wovon ich rede. Sie wissen es doch? Diese Vervielfältigungsgeräte, bei denen das Papier mit Alkohol benetzt wurde (roch gut) und die diese blau-violette Schrift auf den Kopien hinterliessen? Sie wurden irgendwann Mitte der 1990er-Jahren völlig vom Fotokopierer verdrängt. Sicher zu Recht. Trotzdem löst auch der Gedanke an den Matrizendrucker bei mir nostalgische Gefühle aus.

Ich will die alten Zeiten ja nicht zurück. Mir gefällt es bestens, so wie es heute ist. Trotzdem amüsiert mich der Gedanke daran, dass ich noch Maschinen erlebt habe, welche die heutige Generation gar nicht mehr kennt. Ganz besonders freue ich mich, wenn ich einem Jugendlichen erzählen kann, dass ich das Zehnfingersystem noch auf der Schreibmaschine gelernt habe. In seinen Augen werde ich dann sofort zur Grossmutter. Ach, die guten, alten Zeiten.

Bettina Hamilton-Irvine ist Stv. Chefredaktorin der az Limmattaler Zeitung. Sie wohnt in Dietikon.

Aktuelle Nachrichten