Regierungsratswahlen
Silvia Steiner: Die Pragmatikerin vom rechten CVP-Flügel

Die Staatsanwältin und frühere Kripo-Chefin will die politische Mitte in den Regierungsrat bringen. Erst einmal gilt es, den Sitz zurückzuerobern, den die CVP vor vier Jahren an die Grünen verloren hat.

Matthias Scharrer
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CVP-Regierungsratskandidatin Silvia Steiner an ihrem Arbeitsplatz im Gebäude der Neuen Börse in Zürich.

CVP-Regierungsratskandidatin Silvia Steiner an ihrem Arbeitsplatz im Gebäude der Neuen Börse in Zürich.

Jiri Reiner

Was Körpersprache ausdrücken kann, weiss Staatsanwältin Silvia Steiner aus zahlreichen Einvernahmen. Auch als Regierungsratskandidatin der CVP nutzt sie dieses Wissen: Auf eine schräge Kopfhaltung, die Verletzlichkeit signalisieren würde, verzichtet sie beim Fototermin bewusst. Stattdessen verschränkt sie lieber ihre Arme: Eine Haltung, die Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringt. Es ist die Haltung einer Frau, die sich durchzusetzen weiss.

In ihrer Karriere hat sie Höhen und Tiefen durchlebt. Sie war bis 2002 Kripo-Chefin der Stadtpolizei Zürich. Dort setzte sie einen Kurswechsel im Umgang mit häuslicher Gewalt durch: Ermitteln statt vermitteln, lautete ihre Devise. «Sie war schweizweit wegbereitend in der Bekämpfung häuslicher Gewalt», erinnert sich Rolf Stucker, Leiter des Jugenddiensts der Stadtpolizei Zürich und SVP-Kantonsrat. Steiner habe dafür gesorgt, dass bei häuslicher Gewalt fortan das Opfer – zumeist die Frau – zu Hause bleiben konnte und der Täter entfernt wurde.

Weil sie mit der damaligen Umstrukturierung der Stadtpolizei nicht einverstanden war, wechselte sie 2002 zur Zuger Polizei, wo sie Kripo-Chefin wurde. Nebenbei schrieb Steiner an der Universität Lausanne ihre Doktorarbeit über häusliche Gewalt.

2005 dann der nächste Karriereschritt: Steiner wurde Staatsanwältin in Zürich. Bei der Zürcher Staatsanwaltschaft machte sie sich einen Namen als Kämpferin gegen Menschenhandel. Sie brachte brutale Zuhälter hinter Gitter, die den Strassenstrich am Sihlquai kontrollierten.

Beruflich zurück in Zürich, verstärkte Steiner, die von 1986 bis 1998 Schulpflegerin gewesen war, ihr politisches Engagement. 2007 wurde sie in den Kantonsrat gewählt. Zur gleichen Zeit verstarb ihr Mann, der ihr zu Hause den Rücken freigehalten hatte, während sie Karriere machte. Ihre beiden Kinder sind inzwischen erwachsen und in Ausbildung; sie leben im Mehrgenerationenhaushalt der Steiners in Zürich, zusammen mit Silvia Steiner, deren Mutter und pflegebedürftigem Vater.

Sie setzt auf «Feinoptimierungen»

Nun kandidiert Silvia Steiner für den Regierungsrat, um den Sitz zurückzuerobern, den die CVP vor vier Jahren an die Grünen verlor. «Ich finde es politisch wichtig, dass wieder eine Mittekraft im Regierungsrat die Gewähr bietet für Lösungen und nicht nur Forderungen», sagt die 57-Jährige. Auf ein Wahlprogramm mit einem konkreten sachpolitischen Forderungskatalog will sie sich nicht festlegen lassen.

Stattdessen bezeichnet sie sich als Pragmatikerin, die ohne ideologische Scheuklappen Lösungen sucht. Sie setzt auf «Feinoptimierungen»: Der Regierungsrat müsse enger zusammenrücken, um zu sehen, wo noch Ressourcen freizusetzen sind.

Spricht man mit politischen Mitstreitern über Steiner, fällt wiederholt das Wort «sachorientiert». FDP-Kantonalpräsident Beat Walti sagt über die CVP-Regierungsratskandidatin, sie politisiere wenig taktisch, sondern verfolge ihre Ziele erkennbar und geradlinig. «Innerhalb der CVP zähle ich sie zum bürgerlich-rechten Flügel, auch steuer- und finanzpolitisch», so Walti weiter.

Nicht zuletzt aus diesen Gründen gehört Steiner zusammen mit den FDP- und SVP-Regierungsratskandidaten zum bürgerlichen Wahlticket «Top 5», das eine klar bürgerliche Ausrichtung der Kantonsregierung anpeilt.

Auf der politischen Gegenseite kritisiert indes Esther Guyer, die Kantonsrats-Fraktionschefin der Grünen, dass Steiner keine Generalistin sei, wenig Ideen und wenig Fantasie habe. Sie gehöre zum bewahrenden Teil der CVP.

Wie bei Regierungsratskandidaten üblich, nennt Steiner für den Fall ihrer Wahl kein Lieblingsressort. Doch es fällt auf, dass sie im Gespräch dort am konkretesten wird, wo sie von Berufs wegen Fachfrau ist. So hält sie eine engere Zusammenarbeit zwischen Polizei und Justiz mit gemeinsamen Schwerpunkten in der Strafverfolgung für wünschenswert; bekennt sich zum geplanten Polizei- und Justizzentrum, mit dem auch das Versprechen einzulösen sei, das gesamte Kasernenareal in Zürich für andere Nutzungen freizuspielen.

Und im Fall des jugendlichen Straftäters «Carlos», der wegen eines teuren Sondersettings ungewollt mediale Berühmtheit erlangte, kritisiert sie nicht das Sondersetting an sich. Die CVP-Regierungsratskandidatin stellt aber klar: «Beim Staat wird mit privaten Anbietern viel zu wenig über Preise verhandelt.»

Keine Kampfansage an Graf

Ihre Kandidatur sei trotzdem keine Kampfansage an Martin Graf (Grüne), beteuert Steiner. Graf schnappte der CVP vor vier Jahren ihren einzigen Sitz im Zürcher Regierungsrat weg und leitet nun die Direktion für Justiz und Inneres. Am Regierungsratsamt reize sie die strategische Führung, egal in welchem Ressort: «Ich könnte mir auch vorstellen, etwas ganz anderes als bisher zu machen und auch Laienfragen zu stellen.»

9 Fragen – Silvia Steiner über faule Ausreden, ihren Traum und das Glück

Limmattaler Zeitung: Was würden Sie ändern, wenn Sie könnten?

Silvia Steiner: Dass man toleranter miteinander umgeht.

Wohin würden Sie auswandern, wenn Sie müssten?

Vielleicht nach Österreich. Ein schönes Land – und der Schweiz sehr ähnlich.

Welche noch lebende Persönlichkeit halten Sie für vorbildlich?

Meine Mutter, die einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft leistet, indem sie sich um meinen pflegebedürftigen Vater kümmert.

Welche Lektüre liegt bei Ihnen auf dem Nachttisch?

«Koala», ein Roman von Lukas Bärfuss.

Welche Ausrede können Sie nicht ausstehen?

«Ich nicht – der andere auch», anders gesagt: Wenn jemand eigene Verantwortung auf andere abwälzt.

Bei welcher Gelegenheit werden Sie schwach?

Wenn meine Tochter findet, komm, schauen wir uns einen lustigen Film an, und ich eigentlich anderes zu tun hätte.

Welchen Traum möchten Sie sich noch erfüllen?

Ich würde gern die Pyramiden und altägyptischen Bauwerke besichtigen.

Was ist für Sie Glück?

Innerer Friede.

Macht Ihnen die Vorstellung Mühe, dass Ihr Leben endlich ist?

Dass das Leben meiner Liebsten endlich ist, finde ich viel schwieriger.