Langenthal
Sie ist die Moderatorin der Stadtratssitzungen

Beatrice Greber, die neue Stadtratspräsidentin von Langenthal, will Werte hochhalten, welche die Gesellschaft tragen. Sie sagt: «Der Entscheid für das Amt ist mir nicht leichtgefallen, aber es ist eine Herausforderung.»

Tobias Granwehr
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Beatrice Greber vor der Heilpädagogischen Schule, deren Stiftung sie präsidiert.Hanspeter Bärtschi

Beatrice Greber vor der Heilpädagogischen Schule, deren Stiftung sie präsidiert.Hanspeter Bärtschi

Für ein Foto mit der neuen Stadtratspräsidentin eignet sich die Heilpädagogische Schule Langenthal (HPS) am besten. Mit der Schule und vor allem auch dem Neubau auf der Kniematte ist Beatrice Greber stark verbunden. Doch dazu später.

Traditionsgemäss wird im Parlament jeweils die Vizepräsidentin oder der Vizepräsident zur höchsten Amtsträgerin der Stadt gewählt. Greber war 2011 Vizepräsidentin neben Roland Christen; Ende Dezember wurde sie als erst vierte Frau in der über 90-jährigen Geschichte des Langenthaler Parlaments zur Präsidentin gewählt.

Dass sich die 64-Jährige für dieses Amt zur Verfügung stellte, überrascht: Greber steht nicht gern im Rampenlicht, ist eine zurückhaltende Person und sagt selbst: «Ich fühle mich im Hintergrund wohler.» Trotzdem freue sie sich sehr, es sei ein Ehrenamt.

«Der Entscheid für das Amt ist mir nicht leichtgefallen, aber es ist eine Herausforderung.» Sie habe Freude, die Frauen zu vertreten, sagt sie mit Blick auf die bisher wenigen Frauen in diesem Amt.

Seit ihrer Wahl zur höchsten Langenthalerin habe sie viele Reaktionen und Gratulationen erhalten – auch von jungen Leuten. Das habe sie gefreut, sagt Greber.

Sie wirkt wenige Tage vor ihrer ersten Stadtratssitzung als Präsidentin erstaunlich gelassen. Sie sei vorbereitet, habe die Geschäfte der ersten Sitzung vom Montagabend intensiv studiert.

Auch ihre Antrittsrede hat sie bereits beisammen, will aber über den Inhalt und wie sie die Stadträte im neuen Jahr begrüsst noch nichts verraten. «Ich sehe mich als Moderatorin der Stadtratssitzungen. Das ist ungewohnt für mich.» Sie lasse es jedoch auf sich zukommen.

Mehr als über ihre Antrittsrede verrät Greber über das Motto für ihr Präsidialjahr: Es fallen Begriffe wie Wertschätzung, Respekt, Miteinander. «Ich möchte Werte erhalten, welche die Gesellschaft tragen», sagt sie. Auch Dankbarkeit spielt für sie eine wichtige Rolle. «Vieles wird heute als selbstverständlich angesehen. Uns sollte mehr bewusst sein, dass eben vieles nicht selbstverständlich ist.» Gerade diesen Punkt wolle sie in ihrem Präsidialjahr zwischendurch wieder erwähnen. «Politiker sind ebenfalls Menschen. Die inneren Werte sind deshalb eine wichtige Basis. Ich lebe das auch selbst», sagt die SP-Politikerin selbstbewusst.

Gute Stimmung im Parlament

Als Stadtratspräsidentin sei sie keine Richterin. Es liege also nicht an ihr, Geschäfte zu beurteilen.

Überhaupt erachtet sie ihren Einfluss auf das Inhaltliche im Stadtrat als nicht so gross. Viel wichtiger ist ihr der Respekt vor anderen Meinungen. «Es soll ein Miteinander sein, nicht ein Gegeneinander.»

Wobei Greber anfügt: «Die Stimmung ist im Stadtrat viel besser als auch schon.» Ihr ist klar, dass es im Parlament einige redefreudige Mitglieder aus verschiedenen Fraktionen gibt.

Allerdings hat sie keine Strategie, wie sie dagegen vorgehen will. Sie werde sich darüber Gedanken machen, wenn es so weit ist. «Es ist klar, dass nicht alle im Stadtrat rhetorisch gleich begabt sind.» Ihr seien die stillen Schaffer im Parlament ebenso sympathisch. Es klingt wie ein kleiner Seitenhieb an jene, die gerne und oft ans Rednerpult treten.

Ihr Vorgänger Christen trat nach seinem Präsidialjahr aus der Politik zurück. Ihm gleichtun will sie es indes nicht.

Seit Mitte 2003 sitzt Greber im Stadtrat – und möchte das auch über die Wahlen im kommenden Herbst hinaus tun. Sie werde wieder kandidieren.

In der SP Langenthal sei es in der Vergangenheit üblich gewesen, nach dem Stadtratspräsidium für den Gemeinderat zu kandidieren.

«Das werde ich dagegen nicht tun. Ich bin zu alt dafür», sagt sie unmissverständlich. Politische Themen gibt es aber einige, die sie noch weiterverfolgen will. Gesundheit und Prävention sind ihre Kernpunkte.

Beispielsweise setzte sich Greber schon mehrfach für die Sicherheit der Velofahrer und Fussgänger ein. Auch Behindertengerechtigkeit ist ein wichtiges Thema für die diplomierte Pflegefachfrau.

Dies nicht zuletzt seit ihrem Engagement für die Heilpädagogische Schule. Seit 2001 sitzt sie im Stiftungsrat der HPS Langenthal.

Eigentlich kam Greber über ihre Tochter zu diesem Engagement. «Sie absolvierte einst ein Praktikum in der HPS. Mich interessierte diese Arbeit», sagt sie rückblickend.

Als sie dann in die Sozialkommission gewählt wurde, übernahm sie als städtische Vertreterin einen Sitz im HPS-Stiftungsrat. Seit sieben Jahren präsidiert sie die Stiftung.

Das unbestritten grösste Projekt seit ihrer Zeit im Stiftungsrat war der Neubau der Schule auf der Kniematte. Enorm viel Zeit und Herzblut investierte sie in diesen für die Schule so wichtigen 15-Millionen-Franken-Bau.

Lange war sie Familienfrau

Ihr Einsatz für die HPS hat den gleichen Grund wie ihr Beruf: «Ich begleite gern Menschen in schwierigen Lebenssituationen», sagt Greber. Sie arbeitet als Pflegefachfrau in der Klinik Wysshölzli in Herzogenbuchsee, einer Klinik für abhängigkeitserkrankte Frauen.

Lange Zeit arbeitete Greber aus einem einfach Grund gar nicht: «Ich war mit Herzblut Familienfrau.» Ihre Familie habe stets erste Priorität, sagt die Mutter zweier Söhne und einer Tochter. Mittlerweile ist sie auch Grossmutter.

Später stieg sie wieder ins Berufsleben ein, wo ihr ihre breite Lebenserfahrung sehr nützlich sei. In der SP-Fraktion habe es einige
gut gebildete junge Leute.

Das freut Greber – und sieht sich als Gegengewicht: «Zwar ohne Hochschulabschluss, aber mit einem grossen Beziehungsnetz. Ich fühle mich von vielen Menschen geschätzt.»

Beständigkeit ist für sie eine wichtige Tugend. Greber sagt jedoch: «Ich will das nicht an die grosse Glocke hängen – ich glaube, das spürt man.»